Max Verstappen und George Russell werden in diesem Leben wohl nicht mehr beste Freunde, nachdem sich der Mercedes- und der Red-Bull-Fahrer schon mehrmals auf und neben der Strecke in die Haare geraten sind. Doch beim Saisonfinale in Abu Dhabi könnten sie eine höchst ungewöhnliche Allianz bilden. Beide bauen auf gegenseitige Hilfe - der eine für ein Podium, der andere für die Weltmeisterschaft.

Verstappen müsste im Rennen mindestens zwei Autos zwischen sich und WM-Leader Lando Norris bekommen, um als Rennsieger den WM-Thron verteidigen zu können. Russell wäre der naheliegendste Aufbauhelfer für die fünfte Titelfeier des Niederländers. Er war schon in der gesamten Saison der erste Verfolger hinter dem Spitzentrio und startet auch in Abu Dhabi von Platz 4.

Qualifying: George Russell will Windschatten von Max Verstappen

Russell hofft, die Gunst der Stunde deshalb für sich nutzen zu können. Schon im Qualifying baute er auf Windschattenhilfe von Red Bull, als er sein Team in Bezug auf den finalen Q3-Run anwies: "Versucht mich hinter Max Verstappen auf seiner Inlap zu bekommen, er wird mir wahrscheinlich Windschatten geben." Ein Meldung, die sich aber weniger an seine eigenen Leute richtete, sondern vielmehr als Hinweis an die Red-Bull-Boxenmauer zu verstehen war, wie der Mercedes-Fahrer nach dem Qualifying unumwunden zugab.

Ein Hinweis, der aber ungehört verhallte. Denn ihren finalen Run nahmen Verstappen und Russell gleichzeitig auf, der zweifache Saisonsieger kam somit nicht in den Genuss von Windschatten. Möglicherweise weil sein Hinweis zu spät kam, denkt Russell. Der versuchte im Qualifying alles, um nach der Q2-Bestzeit auch im letzten Segment trotzdem nochmal die Top-3 anzugreifen, aber daraus wurde nichts.

Auch weil er in beiden seiner Runs Quersteher einbaute. "Ich wusste, dass wir nicht im Kampf um die Top-3 waren. Ich war in Q2 zwar vorne, aber diese drei Fahrer (Verstappen, Norris, Piastri) waren auf einem gebrauchten Reifen, also überpushte ich in Q3", verteidigte er diese Fahrfehler. Auf seinem finalen Versuch kam der Fehler ausgangs der letzten Kurve. Russell geht nicht davon aus, dass ihm das einen besseren Startplatz gekostet hat: "Das Resultat wäre nie mehr als P4 geworden", ist er sicher.

Die Telemetriedaten geben ihm recht. Denn aus diesen geht hervor, dass er in der letzten Kurve etwa eine Zehntelsekunde verlor. Auf Piastri, und damit auf P3, fehlten ihm jedoch zwei Zehntel. Stattdessen bestätigte sich nur das Bild aus dem Training, dass sein Mercedes in den Kurven 9 und 12 bis 14 nicht so gut läuft. Dort ging die meiste Zeit verloren.

Hilft Max Verstappen Russell? "Er kann Norris kein einfaches Podium überlassen"

Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Russell glaubt, dass ihm im Rennen Verstappen ein Geschenk machen könnte, indem er die McLaren-Fahrer aktiv einbremst. Es erscheint bei einem normalen Rennverlauf die naheliegendste Möglichkeit des Polesetters zu sein, den WM-Kampf noch aus eigener Kraft in seine Richtung zu beeinflussen. Zur Erinnerung: Falls Verstappen das Rennen gewinnt, dürfte Norris maximal Vierter werden, damit der vierfache Champion seine Titel-Sammlung um eine WM-Krone erweitern könnte.

"Wenn wir Runde 1 so beenden, wie wir das Rennen starten, dann wird er definitiv nicht einfach davonfahren und Lando ein einfaches Podium überlassen", ist sich Russell sicher. "Falls wir nicht die Pace haben, dann bin ich zuversichtlich, dass sich Möglichkeiten ergeben werden", fügte er hinzu.

Dieses taktische Spiel würde einem inzwischen schon historischen Vorbild in der Formel 1 folgen. 2016 befand sich Lewis Hamilton in der Verstappen-Situation. Er lag in Abu Dhabi auf dem Weg zu einem lockeren Sieg vor seinem Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg.

Dem reichte aber dieser zweite Platz für den Gewinn der Weltmeisterschaft. Hamilton versuchte also den Deutschen stark genug einzubremsen, damit dieser unter Druck der direkten Verfolger geraten würde. Namentlich Sebastian Vettel und Verstappen. Diese standen in den letzten Runden zwar hinter Rosberg an, doch eine Attacke gelang keine mehr.

So sieht die Startaufstellung für das Formel-1-Rennen morgen in Abu Dhabi aus: