Nachdem Oscar Piastri am Freitag sechs Zehntel schneller gewesen war, mutet der Gegenschlag von Lando Norris im Qualifying am Samstag doch beeindruckend an. Plötzlich ist das McLaren-Duo wieder auf Augenhöhe. Piastri ärgert sich über 85 Tausendstel und sieht eine verspielte Pole. Das Team - und die Daten - erklären, wie die Konvergenz passieren konnte.
In Sachen Setup hat McLaren bei beiden Autos relativ zum Vortag kaum etwas geändert. Man ergänzte bloß einen kleinen Gurney-Flap oben am Heckflügel für minimal mehr Abtrieb, in Antizipation für mehr Regen. Das änderte das interne Kräfteverhältnis aber nicht. Die Entscheidung führte zum einen Norris mit einem fahrerischen Sprung herbei. Während der das ganze Wochenende schon riskant fahrende Piastri diesmal nicht liefern konnte.
Beste McLaren-Runde in Spa gehört Piastri: Im Qualifying will er zu viel
Piastri fühlt sich in Spa zwar seit FP1 sehr gut im Auto, zeigt aber bisweilen einen Hang zum Risiko. Am Freitag im Sprint-Qualifying klappte das in jeder Kurve, wie Teamchef Andrea Stella am Samstag erneut bestätigt: "Die Runde war ziemlicher Wahnsinn. Ich würde sagen, es war eine perfekte Runde." Tatsächlich konnte Norris am Samstag (1:40,562) die Freitags-Zeit von Piastri (1:40,510) nicht unterbieten.
"In Sachen Umsetzung war denke ich weder die Pole-Runde [von Norris], noch irgendeine Runde von Oscar heute, so gut wie die Runde von Oscar gestern", analysiert Stella. Zweimal scheiterte Piastri in Q3 daran, seine perfekte Durchfahrt durch die Fagnes-Schikane und durch die zwei Stavelot-Rechtskurven zu replizieren. Beide Male schleppte er wegen der Stavelot-Fehler dann auf der ewig langen Vollgas-Passage Blanchimont ein stetig wachsendes Defizit mit.
"Sehr viel. Genug", meint Piastri auf die Frage, wie viel Zeit er noch realistisch finden könne. "Ehrlich gesagt fühlte es sich sehr ähnlich an wie gestern." Aber weil man in einem Qualifying anders als im Sprint-Qualifying viel mehr Runden auf dem Soft fahren kann, versuchte Piastri immer weiter das Limit zu testen und noch mehr zu finden: "Und heute hat mich das vielleicht ein bisschen gebissen."
So hat sich Lando Norris in Spa für das Qualifying verbessert
Es ist aber nicht nur, dass Piastri seine Freitags-Runde nicht replizieren konnte. Lando Norris verbesserte sich definitiv. "Er hatte ein paar Probleme, besonders an den Kurvenausgängen, die mit ein paar fahrerischen Anpassungen nicht allzu schwer zu lösen waren", verrät Stella. "Ich würde sagen, diese Anpassungen waren mehr in Sachen Fahren, weniger in Sachen Balance."
Zum einen verfeinerte Norris damit seine ohnehin schon starke Durchfahrt von Les Combes und gewann dort eineinhalb Zehntel auf Piastri. Am Vortag war er dort schon schneller gewesen - aber nur um ein Zehntel, und das hatte er durch die folgende Bruxelles-Kurve schon wieder verloren. Nicht so am Samstag. Piastri behielt seinen Vorteil in der langen Highspeed-Links Pouhon, dafür war Norris in Q3 erstmals auch in der Fagnes-Schikane schneller als Piastri.

"Ich meine, es war eine gute Runde", stellt Norris fest, auch wenn die perfekte Runde ihm in Spa verwehrt bleibt. "Auf der zweiten dachte ich, ich würde mich verbessern, aber das kam nicht." Auf dem zweiten Versuch wurde er schlicht zu gierig auf den Kerbs. Es untermauert: Das McLaren-Duo matchte sich im Qualifying auf sehr hohem Niveau. Beide wussten, dass sie ans Limit gehen mussten, um den anderen zu schlagen.
McLaren in Spa unschlagbar - außer der Regen kommt im Rennen
Wo sich beide Fahrer einig sind: Der MCL39 ist in Spa das bei weitem beste Auto. Jetzt heißt es warten, was das Wetter im Rennen macht. De Sprint verlor Piastri am Samstag, weil Red Bull mit weniger Abtrieb pokerte und damit den Start gewinnen konnte. Für das Rennen pokert Max Verstappen nun mit einem deutlich größeren Flügel, antizipiert Regen.
McLaren hat wie angesprochen nur minimal den Abtrieb erhöht. Trotzdem fürchtet Stella im Falle eines trockenen Starts die Konkurrenz. In dem Fall den drittplatzierten Ferrari von Charles Leclerc: "Sie haben einen signifikanten Topspeed-Vorteil. Ich wäre nicht überrascht, wenn Leclerc nach der ersten Runde die Gruppe anführt."
Auch müssen sich die beiden McLaren-Fahrer einig sein, wie sie den langen Weg den Berg hoch und die Kemmel-Gerade entlang anlegen. Piastri, als Polemann im Sprint Opfer, sieht sich als Zweitplatzierter im Rennen nun im Vorteil, um Norris das anzutun, was Verstappen ihm im Sprint angetan hat. Außer es regnet: "Wenn das Wetter nass ist, dann ist die Pole ein Vorteil. Hängt aber auch davon ab, wie nass es ist. Ob Eau Rouge voll geht oder nicht macht einen großen Unterschied." Wenn es regnet, kann sowieso alles passieren.



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