Am Freitagmorgen war es so weit: Nicht einmal einen Kilometer vom Silverstone Circuit, auf dem an diesem Wochenende die Formel 1 für den Großbritannien-GP gastiert, entfernt, verkündete Tim Mayer offiziell seine Kandidatur für die FIA-Präsidentschaft. Dass es ausgerechnet der amerikanische Unabhängigkeitstag war, an dem der US-Amerikaner seine Ambitionen öffentlich machte, war reiner Zufall, wie er betonte. Zeitpunkt und Ort allerdings nicht.

Sechs Monate lang bereitete Mayer seine Kandidatur im Geheimen vor, nun wagte er sich an die Öffentlichkeit. Der 59-Jährige wartete die Sitzung des Motorsportweltrats in Macau ab, ehe er aus der Deckung ging. In ebenjenem WMSC wurden die Statuten der FIA geändert, die Macht von Amtsinhaber Mohammed Ben Sulayem weiter gestärkt. "Sicherlich sind die Karten zugunsten des Amtsinhabers gemischt", gibt Mayer zu.

Aber das ist genau der Grund, warum er mit seiner Kampagne 'FIA Forward' gegen Ben Sulayem antritt. "Für neue Energie, neue Ausrichtung und erneuerte Integrität im Herzen unseres Verbandes", so Mayer.

Mayer: Größte Machtzentralisierung der FIA-Geschichte

Mit ähnlichen Themen war auch Ben Sulayem 2021 angetreten. "Die Message war richtig, an der Ausführung ist er gescheitert", kritisiert Mayer und holt zum Rundumschlag aus: "Es ist eine Illusion von Transparenz. Die Entscheidungsfindung wird immer zentralisierter und abweichende Meinungen werden bestraft. Am schädlichsten ist vielleicht die Illusion von Integrität."

"In vier Generalversammlungen haben wir eine Welle nach der anderen von Satzungsänderungen erlebt, die als Modernisierung oder Demokratisierung präsentiert wurden, in Wirklichkeit aber die größte Zentralisierung der Macht in der Geschichte der FIA einläuteten. Kritische Fragen werden durch überstürzte elektronische Abstimmungen ohne Möglichkeit zur Debatte entschieden. Die Welträte werden mundtot gemacht und ihrer Fähigkeit beraubt, ihre Mitglieder zu vertreten", so Mayer weiter.

David Richards vom britischen Verband Motorsport UK hatte deshalb dem amtierenden FIA-Präsidenten Mohammed Ben Sulayem öffentlich den Rücken zugewandt. Robert Reid, ehemaliger Rallye-Beifahrer und FIA-Vizepräsident schloss sich kürzlich an und trat von seinen Ämtern zurück. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass Mayer seine Kandidatur im Herzen des britischen Motorsports verkündete.

Direkt an der Rennstrecke konnte die Pressekonferenz aber nicht stattfinden. Die FIA gibt dem Herausforderer keine Bühne, und die Formel 1 muss sich neutral verhalten, auch wenn Mayer F1-Boss Stefano Domenicali am Vorabend in einem persönlichen Gespräch seine Pläne eröffnete.

Ähnlich wie Richards und Reid überwarf sich auch Mayer mit dem Präsidenten. Mayer allerdings ging nicht freiwillig. Ben Sulayem gefiel seine Doppelfunktion als FIA-Steward und sportlicher Ausrichter der US-Rennen nicht. Also musste er Ende des vergangenen Jahres gehen. Nach knapp zwei Jahrzehnten überwiegend unentgeltlicher Arbeit für die FIA saß der Stachel bei Mayer nach der Entlassung tief.

Mayer attackiert Ben Sulayem: Sehe Versagen in der Führung

"Das war natürlich enttäuschend für mich", gesteht der Herausforderer. "Aber darum geht es hier nicht. Es gab mir vielmehr die Gelegenheit, mich hinzusetzen und darüber nachzudenken, wo wir als Verband stehen. Und was ich derzeit sehe, ist ein Versagen in der Führung. Das hat mir eine Chance eröffnet. Es geht hier nicht um Rache. Es geht darum, wie wir die FIA voranbringen können." Ein Revolutionär will er dabei explizit nicht sein.

Wie er die mittlere einstellige Millionensumme aufbringen will, die für den Wahlkampf nötig ist, wollte Mayer nicht genau verraten: "Es gibt eine Koalition von Menschen auf der ganzen Welt, die nach Veränderung suchen und bereit sind, in diese zu investieren. Es sind Menschen, die sich genauso für den Erfolg der Föderation einsetzen wie wir."

Wer von diesen Menschen im Kabinett Mayers sitzen würden, ist noch unbekannt. Der Herausforderer hat sein Team aus guten Gründen noch nicht bekanntgegeben: "Es gibt noch einige freie Stellen und es wäre unaufrichtig zu behaupten, dass dies nicht der Fall ist. Da wir versucht haben, diese Kampagne unter dem Radar zu halten, mussten wir das tun. Es gibt keine Geheimnisse im Motorsport. Wenn wir mit Menschen sprechen, wäre es kein Geheimnis gewesen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Die Aufgabe für die nächsten 30 Tage besteht darin, speziell zu dieser Gruppe von Menschen zu gehen und diese Liste zu vervollständigen."

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Wie vielversprechend das Geld investiert ist, ist fraglich. Auch wenn Mayer im Motorsport hohes Ansehen genießt und im Fahrerlager der Formel 1 die Wahl wohl deutlich für sich entscheiden würde, sind die Beliebtheitswerte an der Rennstrecke eher sekundärer Natur. Weltweit wählen 245 Mitgliedverbände der FIA den Präsidenten bei der Generalversammlung im Dezember.

Dabei geht es den wenigsten um die Formel 1. Die FIA steht als Automobilweltverband für deutlich mehr als nur Motorsport, geschweige denn nur die Königsklasse. Mayer wird in den Monaten bis zur Wahl wohl zahlreiche Flugmeilen sammeln, um die Clubs zu besuchen.

Dass sich viele von ihnen schon öffentlich hinter Ben Sulayem gestellt haben, ist für Mayer kein Problem: "Diese Unterstützungsschreiben sind schwer zu schlucken, wenn man weiß, wie sie zustande gekommen sind. Es fällt schwer, sie als echte Unterstützung zu betrachten. Aber auch hier ist es meine Aufgabe, eine Alternative anzubieten, einen Mehrwert zu bieten und ihnen zu zeigen, dass es einen besseren Weg gibt."

Über FIA-Präsidentschaftskandidat Tim Mayer

  • 1966 in den USA geboren
  • Sohn des ehemaligen McLaren-Rennleiters Teddy Mayer
  • Besuchte das Wellington College in England
  • Studierte Business Management and der Lehigh University in Pennsylvania
  • Startete 1991 mit der TV-Produktion der IndyCar für brasilianisches TV
  • 1998-2025: Direktor des ACCUS (amerikanischer Verband)
  • 1998-2004: Verschiedene Führungsfunktionen in der Champ Car
  • 2004-2009: Chief Operating Officer der IMSA & American Le Mans Series
  • 2009-2014: Organisation und Promotion diverser Motorsport-Events
  • 2009-2024: Mitglied des FIA Motorsportweltrats, FIA-Steward in allen großen Rennserien und diverse andere Funktionen in der FIA
  • Gründete 2012 mit Partnern die AERO Marketing Group
  • 2012-2024: Präsident US Race Management, Sportlicher Ausrichter u.a. der F1-Rennen und WEC-Läufe in den USA