Während die Formel 1 nach Bahrain reist, zerbricht ausgerechnet vor einem kritischen Wochenende für die Zukunft des Sportes die sportliche Führung des Automobil-Weltverbandes FIA. Im Streit reicht der Vizepräsident für Sport seinen Rücktritt ein. Damit nicht genug - auch die ehemalige FIA-Geschäftsführerin und der britische Motorsport-Verband kanzeln in aller Öffentlichkeit das Management durch Präsident Mohammed Ben Sulayem ab.

Die jüngsten Wandlungen der FIA sind bereits seit über einem Jahr permanenter Kritik ausgesetzt. Ben Sulayem hatte 2021 die Präsidentschaft mit dem Versprechen gewonnen, den Verband nach dem Ausscheiden von Jean Todt zum einen transparenter zu machen, zum anderen finanzielle Löcher zu stopfen. Viele Mitarbeiter, und auch einstige Verbündete von Ben Sulayem, wurden jedoch zunehmend besorgt von einem gravierenden Ruck in die falsche Richtung.

2024 wurde die FIA von einer Reihe an Rücktritten und Entlassungen erschüttert. Doch keine ist für den Motorsport so signifikant wie die, die sich nun am 10. April zutrug: Da verkündete Robert Reid, Vizepräsident für Sport, mit einer kurzen Stellungnahme seinen Rücktritt.

Erster Sport-Mann der FIA geht: Streit um WM-Vermarktung

Reid ist zusammen mit dem Vizepräsidenten für Mobilität und dem Präsidenten des Senats einer von drei Offiziellen, welche in der FIA-Hierarchie direkt unter Ben Sulayem angesiedelt sind. Er war verantwortlich für sämtliche sportlichen Angelegenheiten, von Formel 1 bis Breitensport. Eigentlich vom Start weg ein Verbündeter Ben Sulayems, so ging die Beziehung der beiden in den letzten Monaten in die Brüche.

"Ich bezog die Rolle, um mehr Transparenz, eine stärkere Führung und ein kollaboratives Management abzuliefern", sagt Reid. "Inzwischen wurden diese Prinzipien immer stärker auf die Seite geschoben. Jetzt kann ich nicht mehr guten Gewissens Teil eines Systems bleiben, welches sie nicht mehr reflektiert."

Es gehe um "Prinzipien, nicht Politik", so Reid. "Motorsport verdient eine Führung auf Basis von Integrität, Verantwortlichkeit, und eine die den Prozess respektiert. Das sollten wir als Minimum erwarten und verlangen."

Reid wurde in den letzten Monaten bereits zunehmend aufs Abstellgleis verfrachtet. Der endgültige Bruch kam, als die FIA früher in diesem Jahr entschied, die schon länger wirtschaftlich schwierige Rallyecross-WM selbst zu vermarkten. Eigentlich folgt der Verband seit Jahren der Prämisse, dass er nur Regeln schafft, aber keine Meisterschaften selbst vermarktet, sondern die kommerziellen Rechte an Externe verkauft.

Das ist zum Teil auch von Wettbewerbshütern der EU so gewünscht, um ein Motorsport-Monopol zu verhindern. Deswegen gehört etwa die kommerzielle Seite der Formel 1 dem US-Konzern Liberty Media. Die Rallyecross-Entscheidung könnte deshalb kartellrechtliche Gefahren bergen. Sie wurde laut Reid obendrauf aber ohne Zustimmung des FIA-Senats oder des Motorsport-Weltrats durchgezogen.

Robert Reid, Vizepräsident für Sport, spricht mit FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem bei der FIA-Gala
Robert Reid im Gespräch mit Mohammed Ben Sulayem, Foto: IMAGO / Panoramic by PsnewZ

Von der FIA kam am 10. April eine kurze Stellungnahme zum Abtritt von Reid als Vizepräsident für Sport. "Die FIA hat äußerst robuste unternehmerische Governance-Regeln, nach welcher sich unsere Operationen richten und die sicherstellen, dass unsere Regeln, Vorgänge und Prozesse eingehalten werden." Das Investment in die Rallyecross-WM sei "zugunsten von Fans, Teams und FIA-Mitgliedern. Es entspricht dem Versprechen der FIA, die globale Partizipation am Motorsport zu verdoppeln."

FIA-Transparenz unter Ben Sulayem schwer in Zweifel gezogen

Beim Thema Motorsport-Weltrat beginnt der Streit aber erst so richtig. Dieser Körper, der alle FIA-Meisterschaften übersieht und alle Regeländerungen absegnet, führte im Februar eine verschärfte neue Vertraulichkeitsvereinbarung ein. Völlig unverhältnismäßig für einige Mitglieder, angeführt von David Richards, dem Präsidenten des britischen Motorsport-Verbandes.

Richards stellte sich in einem offenen Brief lautstark gegen die FIA-Änderungen. Eine am 7. April vom General Manager der FIA, Alberto Villarreal, verfasste Replik verteidigte das Handeln des Verbandes. Was Richards nur erneut verärgerte - weil diese Antwort seine größten Sorgen nur am Rande streifte, nämlich dass die neuen Vertraulichkeitsregeln in seinen Augen nur unzulänglich definieren, wie ein Bruch evaluiert wird.

Richards hatte schon im März rechtliche Schritte angedroht, weil sein subsequenter Ausschluss vom Weltrats-Meeting am 26. Februar nach der Weigerung der Unterzeichnung der neuen Regeln in seinen Augen ein Bruch von FIA-Statuten und von französischem Recht dargestellt hatte. So steht Richards, ein ehemaliger F1-Teamchef, in einer neuen Stellungnahme vom 9. April dazu, von einem "Maulkorb-Erlass" zu sprechen.

Schlechtes Timing: FIA-Krise kommt vor Schlüssel-Meeting der Formel 1

Richards, der nächste Woche im nahen Osten sein wird, hofft dort nun auf eine persönliche Aussprache mit Präsident Ben Sulayem, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Für die FIA ist das Timing aber äußerst ungünstig: Am Freitag wird man in Bahrain zusammen mit den F1-Herstellern die Zukunft des 2026er-Motorreglements debattieren. Nachdem Ben Sulayem vor wenigen Wochen einen radikalen Schnitt und eine Rückkehr zu V10-Saugmotoren in den Raum gestellt hatte.

Stoppt die F1 die 2026er Regeln? V10-Comeback im Gespräch! (20:04 Min.)

Im Kielwasser der letzten Tage veröffentlichte die 'BBC' am 10. April daraufhin ein kurzes Interview mit der ehemaligen FIA-Geschäftsführerin Natalie Robyn - die 2024 nach nur 18 Monaten ihren Posten geräumt hatte. Robyn stellte sich darin explizit hinter der jüngsten Kritik am Verband: "Ich bin traurig, diese Entwicklungen zu sehen, die sowohl die Glaubhaftigkeit als auch die langfristige Effektivität so einer wichtigen Institution gefährden."

Der Rücktritt des Vizepräsidenten für Sport zeigt für Robyn nur eindeutig die "ernsten anhaltenden strukturellen Herausforderungen" auf: "Wenn professionelle Prozesse nicht befolgt werden und Interessensgruppen aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden, unterminiert das die Basis einer starken Organisation."

Ben Sulayems Name zu nennen wird in dieser Krise bislang weitestgehend vermieden. Fragen kreisen über der Zukunft seiner Präsidentschaft. Seine erste Amtszeit endet im Dezember. Bislang hat noch kein Gegenkandidat öffentlich Interesse bekundet. Sein Rückhhalt unter zahlreichen internationalen Automobil-Clubs war in den ersten Jahren der Präsidentschaft teils noch stark, doch die anhaltenden Krisen sind kaum förderlich.