Viel kam am letzten Sonntag bei der Formel 1 in Barcelona zusammen, als Max Verstappen kurz vor Schluss mit George Russell kollidierte. Ein wichtiger Faktor: Die Situation hatte sich erst so zugespitzt, als Verstappen von seinem Team aufgefordert wurde, Russell die Position freiwillig zu überlassen. Red Bull beschwert sich danach über die Regel-Handhabe, als klar wird: Eigentlich hätte Verstappen gar nichts tun müssen. Denn der Hintergrund ist momentan kompliziert.

Tatsächlich ermittelten die Stewards in diesem konkreten Fall auch. Es ging dabei um das Manöver, das Russell beim Restart in Runde 61 in der ersten Kurve innen gegen Verstappen geritten hatte. Verstappen bog ab in die Auslaufzone und kürzte ab. Die Frage, die sich dann stellte: Hatte er sich damit einen Vorteil gegenüber Russell verschafft? Der gesamte Ablauf stellte sich wie folgt dar:

Ablauf des Tauschs und der Ermittlung gegen Verstappen in Barcelona

  • Runde 61: Verstappen kürzt T1 ab und bleibt so vor Russell
  • Runde 62: Rennleitung übergibt Zwischenfall an Stewards
  • Runde 62: Stewards leiten Ermittlung ein
  • Runde 64: Red Bull empfiehlt Verstappen Platztausch
  • Runde 64: Verstappen gibt Platz auf
  • Runde 66: Stewards sprechen Verstappen frei

Dieser Ablauf scheint auf den ersten Blick nahezulegen, dass die Stewards Verstappen nur freisprachen, weil er der Anweisung eines Platztauschs nachgekommen war. Das ist aber überhaupt nicht der Fall, so läuft das aktuell in der Formel 1 nicht. Tatsächlich hoben die Stewards explizit in ihrer Entscheidung hervor: Verstappen hatte in der ersten Kurve nichts falsch gemacht. Aber auch bei Nachfragen bei der Rennleitung bekam man diese Information nicht.

FIA-Rennleitung spricht nicht mehr mit Formel-1-Teams

Das alles stinkt Red Bull. "Früher hat man Hinweise bekommen, heute ist es sehr subjektiv und hängt an den Teams", sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner nach dem Rennen. In den letzten Jahren hat die FIA-Rennleitung ihr Herangehen hier grundsätzlich geändert. Früher konnte das stets per Funk mit der Rennleitung verbundene Team inquirieren, ob ein Manöver im Sinne der Rennleitung war oder nicht.

Verstappen härter bestrafen? 10-Sekunden, die dümmste F1-Strafe (30:49 Min.)

Oder die Rennleitung konnte sich beim Team melden und einen Platztausch erbitten. Erst wenn das Team nicht auf so ein Angebot reagierte, oder wenn es sich gar nicht meldete, leitete der Rennleiter den Fall auch an die Stewards weiter. Zur Erinnerung: Der Rennleiter spricht keine Strafen aus. Das ist allein Sache der Stewards. Ihre Ermittlungen beginnen entweder auf Eigeninitiative oder nach dem Weiterleiten des Rennleiters.

Lange war es Standard, sich bei der Platztausch-Sache zurückzuhalten und abzuwarten, ob nicht die Rennleitung die Angelegenheit bereinigen konnte. Nach mehreren kontroversen Zwischenfällen gegen Ende der Saison 2021 nahm die FIA jedoch Abstand von dieser Methode. Die neue Richtlinie, die etabliert wurde: Teams müssen selbst - ohne Input der Rennleitung - schätzen, ob ein Manöver fair war oder nicht.

Die Rennleitung hat im ganzen Verfahren keinen Input mehr, und sie hilft auch den Teams nicht mehr. Werden sofort freiwillig Plätze getauscht, wird der Fall einfach ignoriert. Ansonsten wird der Fall direkt an die Stewards weitergeleitet. Denen steht es dann frei, zu entscheiden. In Saudi-Arabien blieb Max Verstappen nach einem Start-Disput vor Oscar Piastri und wurde bestraft. In Imola stellten die Stewards bereits eingeleitete Ermittlungen ein, als Charles Leclerc seinen per robuster Methode behaupteten Platz freiwillig an Alex Albon abtrat.

Red Bull hätte gerne wieder Rennleiter-Hilfe in der Formel 1

In Barcelona sah sich Red Bull den Zwischenfall mit Russell in der Wiederholung an, sah dann die Meldung einer Ermittlung aufpoppen. "Es sah ganz nach einer Strafe aus", meint Horner. "Du schaust dir alte Zwischenfälle an, schaust dir an was du vor dir hast, und versuchst vorauszuahnen, was Rennleiter und Stewards denken."

Red Bull bemühte sich sogar um Input des Rennleiters. Aber per dem etablierten aktuellen Standard bekam das Team keine Antwort. "Für ein Team ist es sehr schwer, das subjektiv zu entscheiden", bemängelt Horner. "Es wäre hilfreich, wenn der Rennleiter diese Entscheidung treffen würde und dir sagt, dass du den Platz entweder zurückgeben sollst oder sonst eine Strafe bekommst. Anstatt dass wir raten müssen, was die Stewards denken werden."

Horner hofft, dass das Thema im "Sporting Advisory Committee" wieder zur Sprache kommt. In diesem Komitee sitzen Vertreter aller Teams und der FIA und besprechen sämtliche potenzielle sportlichen Regeländerungen. Die anderen Teams sind aber nur bedingt auf seiner Seite.

George Russell, Charles Leclerc und Max Verstappen biegen nach dem Restart gemeinsam in die ersten Barcelona-Kurve ein
Ärger in der ersten Kurve beim Spanien-GP, Foto: IMAGO / PsnewZ

So etwa sein ehemaliger Sportdirektor, der nunmehrige Sauber-Teamchef Jonathan Wheatley: "Die Teams können die Situation lesen, und Teams sind sehr professionell." Sein Team entschied korrekt, dass Nico Hülkenberg sich durch sein Abkürzen in der ersten Runde keinen Vorteil verschafft hatte, und ließ sich auch von einer aufpoppenden (und letztlich folgenlosen) Stewards-Meldung nicht aus der Ruhe bringen.

Wheatley hat auch mit der Qualität der Schiedsrichter kein Problem: "Stewarding hat sich in der jüngeren Vergangenheit massiv verbessert." Für ihn ist es kein Problem, keine Antwort zu erhalten. Aber natürlich war er 19 Jahre lang Teammanager bei Red Bull. Für seinen effektiven Nachfolger Stephen Knowles - davor Teil des Strategie-Teams - war es das neunte Rennen auf dem Posten.

Das Thema Strafen und Regelauslegung lieferte allgemein in Barcelona viel Diskussionsstoff. Erst recht das Strafmaß für die Verstappen-Kollision. Was das mit dem verletzten Lance Stroll zu tun hat und warum beide Fahrer viel zu leicht davonkamen? So argumentiert F1-Ressortleiter Christian Menath: