Andrea Kimi Antonelli ist der erste Italiener seit 1953, der zwei Grands Prix in Serie gewann. Vor dem Saison-Restart in Miami ist in Italien deshalb schon längst die Hoffnung aufgekeimt, dass der Mercedes-Fahrer auch den ersten WM-Titel in der Formel 1 seit mittlerweile 73 Jahren holen kann. Seit dem großen Alberto Ascari, der sich als letzter Fahrer aus dem motorsportverrückten Ferrari-Land die Krone aufsetzen konnte. Doch darf man Ascari überhaupt als Formel-1-Weltmeister bezeichnen? Wenn man pedantisch veranlagt ist, dann wohl nicht. Wie Alberto Ascari zu einem F1-Champion wurde, der eigentlich keiner ist.

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1952: War das überhaupt eine Formel-1-WM?

Zunächst muss einmal aufgeschlüsselt werden, was es mit dem Begriff 'Formel 1' eigentlich auf sich hat. Denn dieser verfügt über zwei Bedeutungsebenen. Als Name einer Rennserie gibt es den Begriff offiziell tatsächlich erst seit 1981. Zuvor wurde die Formel 1 laut offizieller Namensgebung als Automobil-Weltmeisterschaft bezeichnet. Unterteilt in die Fahrer-Weltmeisterschaft (World Championship of Drivers) und (ab 1958) den Internationalen Cup für F1-Hersteller, der mit der Namensänderung 1981 zur Konstrukteurs-WM wurde.

Die zweite Bedeutungsebene bezieht sich schlicht auf das Reglement. Vor dem ersten Weltkrieg, also lange bevor die Weltmeisterschaft also solche ihr erstes Rennen abhielt, liefen die Rennwagen der Topklasse unter der Bezeichnung Grand-Prix-Autos. Erst das neue Reglement, welches nach dem zweiten Weltkrieg entworfen wurde, lief unter dem Namen Formel 1.

Das erste Rennen nach dem F1-Reglement fand als Testlauf 1946 im Valentino Park in Turin statt, ab 1947 wurde es die Standard-Formel für Grand-Prix-Rennen, die damals nicht in Form einer Meisterschaft organisiert waren. Das nächste Kapitel der Geschichte ist gut bekannt: 1950 wurde die erste Weltmeisterschaft nach F1-Reglement ausgefahren, eröffnet mit dem Großbritannien-GP in Silverstone. Alfa Romeo dominierte, der Italiener Nino Farina gewann den Titel dank einer marginal besseren Zuverlässigkeit gegen seinen eigentlich schnelleren Teamkollegen Juan Manuel Fangio, der dafür im Folgejahr seine erste Weltmeisterschaft einfuhr.

Schritt zurück: Weltmeisterschaft mit Formel-2-Autos

Weniger Bekanntheit erlangte allerdings das, was anschließend geschah. Denn Alfa Romeo, das ein überarbeitetes Auto aus den Zwischenkriegs-Jahren zum Einsatz brachte, zog sich vor 1952 zurück. Um trotzdem ein zumindest in seiner Größe ansprechendes Feld auf die Beine zu stellen, sattelte die Weltmeisterschaft deshalb um. Anstelle des Formel-1-Reglements wurden alle Grands Prix nach dem F2-Reglement ausgetragen.

Ohne nennenswerte Konkurrenz in Form von Werksmannschaften war Ferrari in jener Saison praktisch unschlagbar und stellte nicht nur alle GP-Sieger, sondern sicherte sich auch bei allen regulären Grands Prix die komplette erste Startreihe.

Alberto Ascari verzichtete auf einen Start beim Großen Preis der Schweiz, da er am selben Tag lieber sein Glück bei den 500 Meilen von Indianapolis versuchte, das in den 50er-Jahren ebenfalls Punkte für die Weltmeisterschaft einbrachte. Ohne Erfolg, denn nach 40 Runden fiel sein Ferrari mit einem technischen Defekt aus. In der restlichen WM-Saison war Ascari der Mann der Stunde. Er fuhr fünf von sechsmal auf die Pole Position und gewann jedes Rennen.

Alberto Ascari (Ferrari) bei den 500 Meilen von Indianapolis 1952
Nur in Indianapolis konnte Alberto Ascari 1952 nicht gewinnen, Foto: Imago / Heritage Images

Ein Notfall-Boxenstopp für einen Ölwechsel auf dem Nürburgring brachte dort den Sieg in Gefahr, doch auf den letzten zwei Runden konnte Ascari auch beim Deutschland-GP einen 10-Sekunden-Rückstand gegen Farina in einen Vorsprung von 14 Sekunden verwandeln. Ansonsten wurden Abstände zum Sieger in jener Saison eher in Minuten oder Runden bemessen.

Auch Fangio und Maserati können Ascari-Ferrari nicht stoppen

1953 verlief die Saison dann dank der Rückkehr von Maserati als Konkurrenz für Ferrari etwas abwechslungsreicher. Auch, da Fangio, der 1952 aufgrund des Alfa-Ausstiegs und aufgrund von Verletzungen nach einem Unfall die komplette Saison verpasste hatte, mit den Ferrari-Konkurrenten wieder zurückkehrte.

Doch der Maserati A6GCM erwies sich trotz zweier Pole Positionen als noch nicht ausgereift und zuverlässig genug, um Ferrari wirklich gefährlich zu werden. Fangio erreichte erst beim vierten Grand Prix der Saison in Frankreich erstmals das Ziel. Titelverteidiger Ascari hingegen gewann vier der ersten fünf Grands Prix und sein zweiter Weltmeister-Titel war schnell nur noch eine Frage der Mathematik. Die erste Ferrari-Niederlage setzte es erst durch den knappen Sieg von Fangio beim Saisonfinale in Monza - dem letzten Rennen dieser kurzen Formel-2-Ära in der Königsklasse.

Alberto Ascari (Ferrari) beim Großbritannien-GP 1953 in Silverstone.
Alberto Ascari auf dem Weg zum Sieg beim Großbritannien-GP 1953, Foto: Imago / Heritage Images

Alberto Ascaris trauriges Ende: Tod in Monza

Im folgenden Jahr wurde der Hubraum wieder auf 2.5-Liter erhöht, und das Chassis wieder in ein eigenes F1-Reglement gegossen. Mit Mercedes kam sogar ein neuer Hersteller, der zwar ein Rennen Verspätung hatte, dann aber umgehend den Staffelstab der Formel-1-Dominanz übernahm. Ascaris Erfolge hingegen verpufften ebenfalls mit der Regeländerung. Er würde nach seinem vorzeitigen zweiten Titelgewinn in der Schweiz 1953 nie wieder ein Rennen in der Königsklasse beenden.

Ascari verließ Ferrari im Streit und wechselte 1954 zu Lancia, die aber erst für das letzte Rennen der Saison überhaupt ein Auto auf die Beine stellen konnten - bei welchem Ascari übrigens umgehend auf Pole fuhr. 1955 nahm das Schicksal des Mailänders eine tragische Wendung, als er zunächst beim Monaco-GP bei einem Unfall ins Mittelmeer flog, wo er wie durch ein Wunder beinahe unverletzt blieb.

Vier Tage später verstarb er bei Testfahrten mit einem Sportwagen in Monza. Umso tragischer: Den Test fuhr eigentlich sein Langstrecken-Partner Eugenio Castellotti. Ascari war nur als Besucher zugegen, ließ es sich aber doch nicht nehmen für ein paar Runden das Steuer zu übernehmen, ehe er in jener Passage, die später nach ihm benannt wurde, verunglückte.

Die Fahrer-Weltmeisterschaft blieb nach 1954 ihrem Anspruch und damit dem Formel-1-Reglement treu, das selbstverständlich im Laufe der Jahrzehnte unzählige Adaptionen durchgemacht hat. Der Rückschritt auf das Formel-2-Reglement blieb eine Anomalie aus den Urzeiten der Königsklasse, die Ascaris WM-Titel mit einem kleinen Sternchen versieht. Aber ob F1-Autos oder nicht, Ascari gilt so oder anders zurecht als einer der besten und erfolgreichsten Italiener der Motorsport-Geschichte, da kann auch eine Formalität nichts daran ändern.

Ob Kimi Antonelli um die WM mitkämpfen kann, werden die nächsten Monate zeigen. Bislang sind schließlich gerade einmal drei Rennen gefahren und noch mindestens 19 Grands Prix ausständig.