Drei Rennen hat die Formel 1 bereits hinter sich und Mercedes führt die Konstrukteurswertung mit einem komfortablen Vorsprung von 45 Punkten an. Doch wie aussagekräftig ist das Kräfteverhältnis nach diesen ersten drei Rennen wirklich? Immerhin liegen noch 19 weitere Grand Prix vor uns. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Eine WM-Führung nach drei Rennen ist noch keine Titelgarantie, aber eine erstaunlich gute Ausgangslage.

Mercedes entpuppt sich als historischer Sonderfall in der Formel 1

Die Historie spricht zunächst klar für den jeweiligen WM-Leader nach drei Rennen. Denn in fast zwei Dritteln aller Formel-1-Saisons gewann jenes Team den Titel, das nach drei Rennen an der Spitze der Konstrukteurswertung lag. In absoluten Zahlen war das 44 Mal in 68 Saisons der Fall. Der WM-Führende hat also eine Erfolgsquote von 64,71 Prozent.

Dabei war die Höhe des Vorsprungs nicht der entscheidende Punkt. Die Weltmeisterschaft wurde sowohl mit einem als auch 67 Zählern Unterschied zum Zweitplatzierten nach drei Rennen gewonnen. Beide Extreme gehen in diesem Fall auf das Konto von Mercedes: 2018 ging Mercedes mit nur einem Zähler Vorsprung aus dem dritten Rennen, im Jahr 2014 war der Abstand zum Zweitplatzierten bereits enorm. Durchschnittlich lag der Weltmeister nach drei Rennen 19,94 Punkte vor dem Zweiten.

Noch eindeutiger wird es, wenn man allein die Mercedes-Statistik heranzieht. Denn immer dann, wenn Mercedes nach den ersten drei Rennen vorne lag, konnten sie die Weltmeisterschaft am Ende der Saison auch gewinnen. Die Chance, dass eben dieses Szenario in der aktuellen Saison erneut eintrifft, liegt laut dieser Statistik also bei 100%. 2017 stellt da fast schon einen Sonderfall dar. Denn in dieser Saison ging Ferrari als Führender aus drei Rennen hervor, Mercedes krönte sich schlussendlich aber zum Konstrukteurs-Weltmeister.

Wenn der Führende den Titel doch noch verliert

Wie 2017 bestätigt, ist die frühe WM-Führung noch keine Garantie für Erfolg. Während Mercedes nämlich historisch als klarer Sieger hervorgeht, ist Ferrari ein spannendes Gegenbeispiel, um zu verdeutlichen, dass sich keiner seiner Sache sicher sein kann, bis das letzte Rennen gefahren ist.

Das Team aus Maranello führte seit 2010 dreimal nach drei Rennen die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft an, verlor die Führung aber jedes mal im weiteren Saisonverlauf. Aber warum rechnen wir jetzt ab 2010? Nun, Ferrari hat klarer Weise eine viel längere Geschichte als das relativ junge Mercedes-Team. Um den Vergleich etwas aussagekräftiger zu machen, wird in Folge also erst ab dem Einstieg von Mercedes in die Formel 1 gerechnet.

Erwähnenswert ist im Zusammenhang mit diesen Saisons auch, dass Ferraris Vorsprung dabei durchschnittlich bei 22,33 Punkten lag, also sogar über dem historischen Durchschnitt der Formel 1. Das Jahr 2022 ist hier noch deutlicher hervorzuheben: Ferrari ging mit 49 Punkten Vorsprung aus den ersten drei Rennen - mit vier Punkten mehr als Mercedes' aktueller Vorsprung. Dennoch kippte das Kräfteverhältnis und sie verloren den Titel an Red Bull.

Historischer Vergleich überhaupt sinnvoll?

Der Vollständigkeit halber muss auch ein Vergleich zwischen alter und neuer Formel 1 gezogen werden. Drei Rennen hatten früher ein anderes Gewicht als heute. Bei einer Saison mit 16 Rennen waren drei Grand Prix fast ein Fünftel der Weltmeisterschaft. In einer modernen Saison mit 24 Rennen machen sie dagegen nur noch ein Achtel aus.

Interessanterweise hat das historisch gesehen aber kaum einen Einfluss darauf, wie oft ein WM-Führender die Weltmeisterschaft im Laufe der Saison noch verloren hat. Zwischen 1958 und 2009 holte in 18 Fällen nicht das Team den Titel, das nach drei Rennen in Führung lag. In 34,62 Prozent der Fälle gewann also ein anderes Team.

Ab 2010 sieht die Statistik ähnlich aus. Fünf von 16 Saisons gingen an jemand anderen als den WM-Führenden - in 31,25 Prozent der Fälle wendete sich das Blatt also zugunsten eines anderen Teams. Die Quote ist damit trotz längerer Saisons fast gleichgeblieben.

Weitere Aspekte im historischen Formel-1-Vergleich

Dennoch gibt es noch andere Werte, die historische Vergleiche verzerren können. Das Punktesystem zum Beispiel. Heute werden wesentlich mehr Punkte pro Wochenende vergeben als früher. Ein Vorsprung von 45 Punkten wäre damals enorm gewesen, die WM damit praktisch schon entschieden. Denn die allererste Konstrukteurswertung 1958 gewann der Weltmeister Vanwall mit insgesamt 48 Punkten.

Hinzu kommt: Die moderne Formel 1 ist stärker durch Weiterentwicklung über die gesamte Saison geprägt. Neue Unterböden, Aeropakete und Setup-Fortschritte können das Kräfteverhältnis noch einmal verschieben. Gleichzeitig erschwert aber die Budgetobergrenze große Aufholjagden, weil Teams weniger Spielraum für massive Entwicklungsprogramme haben. Wer also früh vorne liegt, hat heute einen strukturellen Vorteil, auch wenn die Konkurrenz dadurch nicht automatisch geschlagen ist, wie das Beispiel Ferrari verdeutlicht.

Während Mercedes in dieser Saison historisch gesehen also eine sehr gute Chance auf den Konstrukteurstitel hat, dürfen sie sich noch lange nicht auf ihrem Vorsprung ausruhen. Denn 35,29 Prozent aller Fälle zeigen: Durch Entwicklungsduelle, Strategiefehler, Zuverlässigkeitsprobleme und Wendepunkte während der Saison kann der Titel abhandenkommen.

Miami-Ausblick: Ferrari & McLaren als Gefahr für Mercedes? (50:53 Min.)