Endet dieses Jahr die Siegesserie von Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans? Lauschte man schon am Mittwoch im Fahrerlager den Verantwortlichen des italienischen Autobauers, konnte man diesen Eindruck durchaus erhalten. Credo: Unter den aktuellen Rahmenbedingungen wird es schwierig für Ferrari, den vierten Sieg in Folge nach 2023 (#51 Ferrari), 2024 (#50 Ferrari) und 2025 durch den gelben AF-Corse-499P um Robert Kubica zu erringen.

"Ich kann ohne Zweifel sagen, dass wir nicht als Favoriten in dieses Rennen gehen. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall", meinte Ferrari-Technikchef Ferdinando Cannizzo während einer Medienrunde am Mittwochmorgen. "Es liegt nicht alles in unserer Kontrolle. Wenn wir um den Sieg oder zumindest um das Podium kämpfen wollen, müssen einige Dinge zu unseren Gunsten laufen."

BMW holt Pole bei Qualifying-Farce in Le Mans - Rene Rast exklusiv! (20:23 Min.)

Le-Mans-Konkurrent BMW: "Ferrari war enttäuschend"

Was der frühere Formel-1-Mann damit ausdrücken wollte, ohne es wegen des FIA-Maulkorbes konkret aussprechen zu dürfen: Ferrari ist alles andere als glücklich mit der Balance of Performance. BoP-Daten sind seit diesem Jahr nicht mehr öffentlich einsichtbar, aber laut Radio Fahrerlager haben die Ferrari 499P allgemein an Leistung eingebüßt und obendrein zusätzliches Gewicht an Bord bekommen.

"Ferrari war enttäuschend, ganz klar", sagte BMW-Fahrer Sheldon van der Linde am Donnerstagmorgen zu Motorsport-Magazin.com. "Dass Ferrari so weit weg sein würde, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, dass sie im Qualifying etwas besser performen würden." Mit dem gelben Kubica-Ferrari verpasste einer der drei Italo-Renner sogar die Hyperpole-Session am Donnerstagabend und schied vorzeitig aus.

Soll ein LMDh-Auto die 24h Le Mans 2026 gewinnen?

Im Fahrerlager von Le Mans erzählt man sich vor dem Start an allen Ecken und Enden, dass dieses Jahr der Sieg eines LMDh-Autos anstelle eines LMH-Hypercars (Ferrari, Toyota, Peugeot, Ferrari, Aston Martin) politisch gewollt sein könnte. Vor allem, um die zahlreichen LMDh-Vertreter zu beschwichtigen - Porsche hatte Ende 2025 nicht zuletzt den Stecker gezogen, weil die Zuffenhausener der Ansicht waren, dass in Le Mans gegen den LMH-Ferrari kein Kraut gewachsen sei.

Und tatsächlich lagen in den Trainings und Qualifyings seit Mittwoch die LMDh-Autos meist an der Spitze der Zeitenliste. Pole-Setter BMW, Cadillac und Alpine werden die besten Chancen auf den Sieg bei der 94. Auflage der 24 Stunden von Le Mans ausgerechnet. Auch Toyota scheint mit in der Verlosung zu sein, wenngleich die Japaner im Qualifying mit den Startplätzen 14 und 15 enttäuschten.

Ferrari-Technikchef: "Aggressiver und risikoreicher agieren"

BMW-Star Rene Rast zu Motorsport-Magazin.com auf die Frage nach der mangelnden Ferrari-Performance: "Manchmal haben sie Momente, in denen sie ihre Grundschnelligkeit aufblitzen lassen. In der ersten Morgensession des Prologs waren sie beispielsweise nicht schlecht dabei. Dann fährst du aber auf der Geraden an sie heran und gefühlt setzen sie den Blinker links und lassen dich vorbei. Ob sie schon alles zeigen oder nicht - keine Ahnung."

Laut Technikchef Cannizzo stehe Ferrari dieses Jahr die bisher härteste Prüfung in Le Mans bevor. Allein auf die Performance will man sich in Maranello offenbar nicht verlassen, wenn es etwas werden soll mit dem vierten Sieg in Folge: "Wir müssen das Rennen richtig interpretieren und vielleicht etwas aggressiver, vielleicht auch etwas risikoreicher agieren. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, diesmal wieder ein Auto ganz nach vorne zu bringen und um das Podium zu kämpfen."

Endet die Ferrari-Siegesserie in Le Mans?

In den vergangenen Jahren dominierten die Ferrari zeitweise nach Belieben und flogen dem Großteil der Konkurrenz um die Ohren. Mit Porsche fehlt jetzt der größte Gegner aus dem Vorjahr, wo Ferrari ohne Fehler und Strafen möglicherweise einen Dreifachsieg hätte eintüten können.

Ferrari-Sportwagenchef Antonello Coletta wollte das diesjährige Rennen natürlich nicht vorzeitig abschreiben, sagte aber: "Für mich wäre ein Misserfolg dann gegeben, wenn wir aufgrund eigener Fehler verlieren würden. Wenn wir Fehler machen, müssen wir analysieren, warum sie passiert sind, Selbstkritik üben und daraus lernen. Wenn wir aus anderen Gründen nicht gewinnen, sehe ich darin keinen Misserfolg."

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