Ferrari war in der vergangenen Woche damit beschäftigt, sich für Monaco möglichst kleinzureden. Vor allem Charles Leclerc zeigte sich im Hinblick auf sein Heimrennen von seiner pessimistischsten Seite. Nicht ohne Grund: Langsame Kurven hatten die Roten bislang als vermeintliche Schwachstellen ausgemacht, außerdem quälte sich Ferrari mit einer latenten Qualifying-Schwäche. Kein gutes Vorzeichen für jene Strecke, auf der die Startposition so bedeutend ist wie auf kaum einer anderen.

Doch Monaco ist immer wieder für Überraschungen gut, denn im Gegensatz zu vielen anderen Strecken, an denen das Setup einen Kompromiss darstellt, geht es in Monaco um reine Downforce – das gibt es in dieser Form nirgendwo anders. Genau solch eine Überraschung zeigte Ferrari am Trainings-Freitag im Fürstentum. Vorjahressieger Charles Leclerc, in den letzten Jahren regelmäßig der schnellste Fahrer auf seinem Heimkurs, riss beide Trainings-Bestzeiten an sich.

Formel-1-Training: Warum ist Ferrari in Monaco so schnell?

Damit bewahrheitet sich, was vor allem die McLarens schon vor dem Wochenende angekündigt hatten: Ferrari ist hier gefährlich. Die Fernanalye von Red Bull sieht folgendermaßen aus, dass die holprigere Strecke und die dadurch erforderliche höhere Fahrzeughöhe Ferrari am wenigsten ausmacht, oder wie es Dr. Helmut Marko ausdrückte: "Sie fahren von der Fahrzeughöhe her immer relativ das Gleiche, etwas höher. Dann macht es nicht so einen Unterschied, wenn man auf so eine Strecke kommt."

In den reinen Rundenzeiten stand Oscar Piastri (trotz Unfall) neben den Roten am besten da. Im direkten Vergleich sieht Ferrari vor allem bei der Beschleunigung auf die Geraden besser aus, kann gleichzeitig aber auch in den wenigen schnellen und mittelschnellen Kurven seinen Vorteil behalten. Im Abschnitt zwischen dem Tunnel durch die schnelle Tabac-Kurve bis zum Schwimmbad holte Leclerc drei Zehntelsekunden auf Piastri heraus. McLaren sieht dafür in den harten Bremszonen besser aus.

Traditionell kam McLaren in diesem Jahr am Freitag am besten aus den Startlöchern, während die Konkurrenz erst am restlichen Wochenende aufholte. Dass Ferrari nun schon am Freitag die Nase vorne hat, deutet erst recht darauf hin, dass die Maranello-Mannschaft in Monaco das Team der Stunde sein könnte.

Charles Leclerc sah seine düsteren Prognosen als zumindest teilweise widerlegt an, will das Trainingsergebnis aber noch mit Vorsicht genießen. "Der Freitag in Monaco ist immer ein bisschen eigentümlich. Ich denke, dass es zu früh ist, um sich zu gut zu fühlen." Er gab aber bei aller Erwartungsdämpfung auch zu, dass er ein gutes Gefühl mit dem Auto gehabt habe und setupmäßig der Freitag problemlos verlaufen sei. Eine Kollision mit Lance Stroll im ersten Training, die auf die Kappe des Kanadiers ging, war das einzige Störfeuer.

Wie zufrieden Ferraris Formel-1-Fahrer mit dem SF-25 waren, zeigte auch Lewis Hamiltons Aussage nach dem Training. "Vielleicht werden wir eine Kleinigkeit ändern, aber das war es dann auch", sagte der Brite. Er ist ansonsten bekannt dafür, sehr gerne größere Setup-Umbauten anzustoßen.

McLaren schnell, hadert aber mit Handling

Bei McLaren zeigte man sich mit der Pace des MCL38 allgemein zwar zufrieden, jedoch scheinen die Papayas in Monaco von einer Charakteristik eingeholt zu werden, die sie schon die ganze Saison begleitet, nämlich dem schwierig zu fahrenden Boliden. Sowohl Lando Norris als auch Oscar Piastri bestätigten, dass das Auto in vielen Details auch hier ein schwieriges Handling-Verhalten verursacht.

Piastri bezahlte das auch mit einem Verbremser in Kurve 1, bei dem er sich den Frontflügel abfuhr. "[Das Handling] war knifflig. Unsere Pace ist da, wenn wir alles zusammenbekommen, aber es ist im Moment nicht so einfach das zu erreichen." Auf dem engen Stadtkurs ist das Vertrauen ins eigene Auto eines der Schlüsselelemente und diese Problemstelle dementsprechend umso schwerwiegender. Konkreter wollte keiner von beiden werden. "Es sind kleine Dinge, die sich summieren", so Norris nach dem Training.

Red Bull wittert trotz schwachem Freitag: McLaren ist in Reichweite

Was ist mit Max Verstappen? Der Red-Bull-Fahrer war in FP1 der erste Verfolger von Charles Leclerc, im zweiten Training fand er sich allerdings dann wieder nur knapp vor Teamkollege Yuki Tsunoda am Ende der Top 10 wieder. Wie Motorsportberater Dr. Helmut Marko erklärte, bog das Team nach dem ersten Training beim Setup in die falsche Richtung ab und wurde dafür mit Untersteuern bestraft.

"Erstens vertragen sich Verstappen und Untersteuern nicht und auf diesem Kurs ist Untersteuern nicht tempofördernd", so Marko. Der Österreicher erwartet einen großen Sprung für FP3 verglichen mit dem Freitagsergebnis. Seine Prognose: "Ich glaube, wir können mit McLaren mitmischen, Ferrari wird ganz schwierig." Verstappen stimmte dieser Annahme teilweise zu: "Ich erwarte nicht, dass wir die schnellsten sind. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass wir viel näher dran sein können, aber Ferrari sieht sehr sehr schnell aus und McLaren ist knapp dahinter."

Mercedes hinkt gemessen an den Freitags-Ergebnissen den Topteams ebenfalls hinterher. Andrea Kimi Antonelli reihte sich nur auf der neunten Position ein, George Russell landete gar nur auf P12. Als Schwachstellen lassen sich bei ihnen die Tabac-Kurve, sowie die Kombination aus Portier und der als Mirabeau Bas bezeichneten Rechtskurve direkt davor ausmachen.

Russell stellte fest, dass es "in Bezug auf die Performance der schlechteste Freitag in diesem Jahr war", wollte aber mit Verweis auf die letzte Saison keinen Alarm schlagen: "Wir hatten letztes Jahr hier auch einen schlechten Freitag und waren dann nur eine Zehntel hinter der Pole Position."

Boxenstopp-Revolution in Monaco: Spielen die Longruns plötzlich eine Rolle?

Wie viel Bedeutung den Longruns in diesem Jahr zukommt, lässt sich nur schwer abschätzen. Normalerweise konnten diese in der Vergangenheit in Monaco immer vernachlässigt werden. Aufgrund der neuen Boxenstopp-Regel für den engen Straßenkurs, die zwei Reifenwechsel verpflichtend machte, lohnt sich aber in diesem Jahr zumindest einmal prophylaktisch ein Blick darauf.

Die Longruns strahlen ebenfalls ganz in Rot. Lewis Hamilton zeigte auf den Medium-Reifen die stärkste Pace und zumindest auf dem kurzen Run kaum einen Rückgang, Norris folgte in der ersten Kategorie dicht dahinter. Max Verstappen findet sich in der Zeitentabelle erst weit hinten wieder, allerdings deutet der Verlauf darauf hin, dass der Niederländer möglicherweise eine zu konservative Anfangspace ging. "Zum Schluss im Longrun die 1:13,9 war sehr wettbewerbsfähig", betonte Marko.

Die Runs von Charles Leclerc und Oscar Piastri müssen wir dabei etwas außen vor lassen. Der McLaren-Fahrer fuhr seinem Unfall geschuldet auf Soft nur einen sehr kurzen Dauerlauf am Ende von FP2, der den Namen Longrun kaum verdient. Leclerc absolvierte seinen Run als einziger Pilot auf den harten Reifen.