Die FIA-Regelhüter haben im Kampf gegen das aggressive Hüpfen der neuen Formel-1-Generation 2022 in Kanada mit einer neuen Technischen Direktive versucht, dem Problem Einhalt zu gebieten. Die Direktive wurde in Montreal letztendlich noch nicht angewandt, sorgte dafür aber für umso mehr politische Kontroversen im Fahrerlager.

Dabei wurde der Ton ab Samstag rauer. Grund war zum einen das noch nicht klar definierte Verfahren zur Messung der Intensität des Springens. Und zum anderen eine in der Direktive angedachte zweite Haltestrebe zum Stabilisieren des Unterbodens in Kanada. Nur ein Team fuhr am Freitag damit, Mercedes. Das stieß der Konkurrenz angeführt von Ferrari sauer auf. Die Direktive war nämlich erst am Donnerstag ausgeschickt worden.

Die zwei Streben (hervorgehoben: die neu angebrachte) am Mercedes in Kanada -, Foto: LAT Images
Die zwei Streben (hervorgehoben: die neu angebrachte) am Mercedes in Kanada -, Foto: LAT Images

"Toto sagt, sie hätten das über Nacht gemacht", sagt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto in seiner abschließenden Medienrunde am Sonntag und zweifelt wenig verhüllt die Darstellung der Ereignisse durch Mercedes-Teamchef Toto Wolff an: "Was ich sagen kann, ist, dass Ferrari das nicht kann ... keine Frage, ich bin überrascht, dass ein Team so stark ist, dass es das über Nacht schafft."

Ferrari & Red Bull kontern Mercedes-Attacken

Wolff und Binotto waren am Samstag schon in einem Treffen der Teamchefs hinter verschlossenen Türen aneinandergeraten. Red Bull und dessen Teamchef Christian Horner hatten Ferraris Argumente unterstützt. Wolff hatte daraufhin in seiner Medienrunde am Samstagabend gegen die anderen Formel-1-Teams ausgeteilt. Teamchefs würden politische Spiele für einen Wettbewerbsvorteil spielen, manipulative Aussagen liefern und damit die Gesundheit der Fahrer aufs Spiel setzen. Das Problem mit den Autos sei ein Problem der Formel 1, nicht einzelner Teams.

Der Mercedes am Samstag in Kanada -, Foto: LAT Images
Der Mercedes am Samstag in Kanada -, Foto: LAT Images

Horner und Binotto konterten am Sonntag. Ihre Position ist klar: Das Hüpfen und der schlechte Fahrkomfort der neuen Ground-Effect-Autos liegen in der Verantwortung jedes Teams selbst. "Toto wirbt um eine Regeländerung", meint Horner und verweist auf Wolffs Konfrontation mit Ferrari im Meeting am Samstag. "Ich glaube, er wurde klar darauf hingewiesen, dass seine Probleme vielleicht eher intern liegen, und nicht jedermanns Probleme sind."

"Du kannst nicht einfach das Technische Reglement mitten in der Saison ändern", kritisiert Horner. "Wenn ein Auto gefährlich ist, dann sollte es ein Team nicht einsetzen. Diese Wahl hat man. Oder die FIA - wenn sie denkt, dass ein einzelnes Auto gefährlich ist, dann gibt es dafür die schwarze Flagge."

Ferrari von FIA-Vorgehen enttäuscht, Red Bull sieht Bevorzugung

Während der Red Bull sehr ruhig fährt, gibt es beim Ferrari das Phänomen allerdings sehr wohl, auch Carlos Sainz beschwerte sich mehrmals darüber. "Es ist ein technisches Problem, das diskutiert und verbessert werden muss", räumt Binotto ein. "Wie wir das machen, ist für mich eine offene Frage. Was die Technische Direktive angeht, ist unsere Position, dass sie nicht anwendbar ist, das haben wir auch der FIA gesagt." Binottos Argument ist, dass eine Technische Direktive lediglich Unklarheiten im Reglement klarstellen, nicht aber neue Regeln einführen soll, wie etwa eine zweite Strebe.

Für eine Regeländerung gibt es nämlich einen fixen Prozess, einschließlich des Absegnens durch den Motorsport-Weltrat. In der Tat wurde die Direktive im Kanada GP letzten Endes nicht angewandt. "Tatsächlich glaube ich, dass sie versehentlich ausgegeben wurde", sagt Binotto. Nur Daten wolle man sammeln, hieß es am Freitag von der FIA. Das Verfahren klar definieren. Die zweite Strebe war am Samstag bei Mercedes verschwunden. Alpine hatte andernfalls gar einen Protest in den Raum gestellt.

Trotzdem ist die Konkurrenz unglücklich. "Diese zweite Strebe war besonders enttäuschend", schlägt Horner in die gleiche Kerbe. "Das muss in einem technischen Forum diskutiert werden. So war das offen parteiisch, um die Probleme eines einzelnen Teams auszusortieren. Und dieses Team war das einzige, das damit aufgekreuzt ist. Selbst vor der Direktive. Da muss mir mal einer erklären."

Horner stichelt: Theater für Netflix-Kameras

"Das Problem ist, dass sie ihr Auto so hart fahren - ich denke, ihr Konzept und nicht das Reglement ist das Problem", sagt Horner und widerspricht Wolffs Aussagen, dass sich schon in jedem Team Fahrer beschwert hätten. "Unsere Fahrer haben sich nie beschwert, nie. Sie haben vielleicht gesagt, dass manche Orte eventuell mal neu asphaltiert werden könnten, aber wir hatten nie ein Problem mit Bouncing."

Sowohl Horner als auch Binotto sind sich sicher, dass die Hüpf-Probleme lösbar sind, selbst wenn die Regeln 2022 unangetastet bleiben. Horner gibt Wolff zum Schluss einen Seitenhieb mit - nachdem das Teammeeting am Samstag vor Netflix-Kameras für die 'Drive to Survive'-Serie stattgefunden hatte: "Ich glaube, dieses Meeting hatte ein gewisses Theater-Element. Vielleicht, im Hinblick auf Lewis [Hamiltons, Anm.] kommenden Film, damit er [Wolff] in die Rolle findet."