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Formel-1-Trainingsanalyse: Das Hitzerätsel von Austin

Der Formel 1 steht beim USA GP in Austin ein schwieriges Wochenende bevor. Streckenverhältnisse sorgen für große Unsicherheiten. Die Trainingsanalyse.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Der Trainings-Freitag der Formel 1 in Austin hinterließ zwei sehr gegensätzliche Bilder: Während Mercedes am Vormittag dem WM-Gegner Red Bull fast eine Sekunde aufbrannte, verpuffte diese Lücke am Nachmittag vollkommen. Allerdings ist auch die Bestzeit von Sergio Perez ein Trugschluss - und Mercedes trotz Formeinbruch weiter voran.

Denn gleich mehrere Faktoren sorgten am ersten Tag des USA-GPs für sehr schwierige Bedingungen der Teams. Besonders die Hitze: Die Streckentemperatur kletterte im Verlauf des Tages auf bis zu 35 Grad Celsius kletterten und den Reifen enorm zusetzten. Noch schwieriger machten es unberechenbare Asphalt-Bedingungen.

Austin fordert die Formel 1: Hitze, Asphalt, Bodenwellen

Durch die Bank bemängelten die Fahrer im Laufe des Tages diverse Setup-Probleme. Nachdem in den letzten Jahren immer wieder lautstarke Beschwerden über Bodenwellen in Austin vorgetragen wurden, hatten die Streckenbetreiber gut 40 Prozent der Oberfläche erneuert, und an einigen Stellen außerdem die Bodenwellen abgefräst.

Das macht die Balance für die Fahrer schwer berechenbar. Von Kurve zu Kurve berichten viele von Änderungen - wenn es von neuem Asphalt, zu altem Asphalt, zu abgefrästem Asphalt wechselt. Die Bodenwellen machen die Gleichung noch komplizierter. Dann kommt die Hitze hinzu, und prompt rutschen die Autos viel mehr als erhofft und nutzen die Reifen stärker ab.

"Die Streckenoberfläche ist rauer als zuvor", bilanziert Lewis Hamilton. "Es ist fast unmöglich die Temperatur aus den Reifen zu bekommen." Auf eine schnelle Runde bekommen die weichen Hinterreifen im letzten Sektor bereits Probleme. Im Renn-Trimm gibt es zwar keine Probleme mit Blasenbildung oder Graining, aber mit der hohen Abnutzung sieht Pirelli eine Zweistopp-Strategie schon als sichere Option: "Eine Einstopp mit Soft-Medium ist nicht möglich, und mit Medium-Hard ist es eng."

USA GP, 2. Training: Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Ricciardo 14 6 01:42.186
Stroll 8 3 01:42.207
Sainz 16 10 01:42.386
Gasly 14 6 01:43.120

USA GP, 2. Training: Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Hamilton 16 8 01:41.177
Verstappen 20 9 01:41.842
Perez 21 10 01:42.078
Bottas 18 10 01:42.171
Alonso 8 6 01:42.200
Vettel 18 11 01:42.414
Stroll 17 10 01:42.489
Leclerc 17 9 01:42.495
Norris 15 7 01:42.614
Räikkönen 19 8 01:42.615
Giovinazzi 20 8 01:42.656
Tsunoda 18 8 01:43.647
Latifi 19 12 01:43.960
Russell 15 13 01:44.007
Schumacher 19 9 01:45.797

USA GP, 2. Training: Longruns auf Hard

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Vettel 12 10 01:41.818
Ocon 17 9 01:42.987
Mazepin 17 8 01:45.241

Mercedes nach Schritt zurück verunsichert

Mercedes machte vom Vormittag auf den Nachmittag einen Schritt zurück. In der Mittagspause hatte Toto Wolff noch gefeiert: "Wir haben den Sweetspot des Autos bei der Abstimmung verstanden. Wenn du heute die Zeit anschaust, ist es ein Gewinn auf der Geraden, und wir haben den richtigen Kompromiss zwischen Luftwiderstand und Abtrieb gefunden."

Am Nachmittag rutschten Hamilton und Bottas plötzlich. "Vielleicht haben wir uns nicht so gut an die höheren Temperaturen angepasst, vielleicht haben sich aber auch die anderen verbessert oder unsere Veränderungen nicht wie gewollt funktioniert", ist sich Chefingenieur Andrew Shovlin unsicher.

Red Bull setzt zum Austin-Comeback an

Red Bull fing sich - war aber noch immer nicht das schnellste Auto. Weder in den Longruns, noch auf eine Runde. Auch wenn Sergio Perez mit 1:34.946 die Zeitentabelle anführte, so gehörte die inoffizielle Tagesbestzeit Hamilton. Der hatte eine 1:34.842 geschafft, war aber um Zentimeter über die Track Limits hinausgerutscht. Der Mercedes teilte sich die Reifen besser ein, hatte im letzten Sektor noch mehr übrig.

Aber eine zweite schnelle Runde geben die Reifen in der Hitze nicht her, Hamilton war beim zweiten Anlauf deutlich langsamer. Ganz in der Qualifying-Kalkulation fehlt jedoch Max Verstappen. Der WM-Leader hatte auf beiden Push-Runden Verkehr, brach zweimal ab und rollte dann sauer zurück an die Box. Seine 1:35.824 wurde auf Medium gefahren.

Da Valtteri Bottas auf seiner einzigen schnellen Runde auch noch einen Fehler einbaute, blieb es Perez als "Last Man Standing" zwangsweise überlassen, die Bestzeit zu holen. Das öffnete auch die Tür für Lando Norris, er schummelte sich auf den zweiten Platz. Die Hitze und das Streckenlayout kommen McLaren zugute, aber der Schein dürfte trügen. Im Renn-Trimm war Norris weiter weg. Allerdings - das muss gesagt werden - fuhr er mit einem Reifen, mit dem er sich zu Trainingsbeginn verbremst hatte.

Strategie und Bottas-Strafe als kritische Faktoren

In der Hitze von Austin hat sich die Lücke an der Spitze jedenfalls wieder geschlossen. Wobei für beide Teams wohl Simulator-Nachtschichten in den Fabriken anstehen werden, da niemand mit dem Setup zufrieden war. Einen klaren Favoriten zu benennen ist also einmal mehr schwierig.

Valtteri Bottas' erneute Motorstrafe setzt Mercedes aber wieder unter Druck. Sie laborieren nach wie vor an Zuverlässigkeitsproblemen. Fünf Plätze geht es für Bottas zurück. Das eröffnet Chancen für die klaren Außenseiter von McLaren und Ferrari.

Und dann wäre da noch die Hitze - sie soll ausgerechnet am Sonntagnachmittag mit über 30 Grad Lufttemperatur ihren Höhepunkt erreichen. Ein Start auf Medium ist zu bevorzugen, nur rechnet Pirelli mit einem relativ hohen Performance-Unterschied zwischen dem Soft und dem Medium, von sieben bis acht Zehntel.

Dadurch wird ein Q2 auf Medium risikobehaftet. Erst recht, weil die Strecke so ein Unsicherheitsfaktor bleibt, und die Fahrer außerdem über Verkehr jammern: Weil die Reifen so schnell überhitzen, fahren alle sehr langsame Vorbereitungsrunden. Mit allen diesen Faktoren wird das Qualifying zu einem riskanten Spiel.


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