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Formel 1

Formel 1, Mercedes doch nicht dominant? Setup gibt Rätsel auf

Lewis Hamilton und Valtteri Bottas deklassierten die Konkurrenz im ersten Training zum USA-GP. Im FP2 war davon nichts übrig. Mercedes hadert mit Balance.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Der Circuit of the Americas ist Hamilton- und Mercedes-Land. Bereits fünf Mal konnte der siebenmalige Weltmeister bereits auf dem COTA gewinnen, auch Valtteri Bottas triumphierte bei der bis 2021 letzten Ausgabe des USA-GP vor zwei Jahren in Austin. Angesichts dieser Hochburg - O-Ton Red-Bull-Teamchef Christian Horner - rechneten sich die Bullen vor dem Wochenende in Austin eine der schwierigeren Prüfungen der letzten sechs Rennen der Formel-1-Saison 2021 aus.

Nach dem ersten Training schienen die schlimmsten Befürchtungen wahr: Fast eine Sekunde fuhren Bottas und Hamilton Max Verstappen davon. 0,932 Sekunden fehlten dem Niederländer auf die Bestzeit. Toto Wolff ließ sich am Mittag bereits zu einer seltenen Schwärmerei verleiten. "Es ist wirklich gut", kommentierte der Mercedes-Teamchef bei Sky Sports F1 das Ergebnis.

Formel 1 USA: Mercedes nach Trainingsauftakt begeistert

Wolff weiter: "Wir gewinnen auf den Geraden, das ist gut. Am meisten gewinnen wir aber in den schnellen Kurven, wenn man die Speed-Kurven mit Verstappen vergleicht. Das ist ermutigend. Denn sie müssen mehr Abtrieb fahren, aber wir sind trotzdem besser in den Kurven."

Lange währte diese Freude über eine Dominanz fast schon wie in besten Tagen Mercedes' in der Hybrid-Ära allerdings nicht. Im zweiten Training sah die Welt bereits ganz anders aus. Plötzlich thronte Sergio Perez im Red Bull an der Spitze, gefolgt von Lando Norris im McLaren. Erst dahinter sortierten sich Hamilton und Bottas mit mehr oder weniger vier Zehnteln Rückstand auf den Mexikaner ein.

Mercedes fällt im FP2 zurück: Hamilton unzufrieden

Lewis Hamilton ist deshalb alles andere als zufrieden. "Insgesamt war es ein guter Tag", sagt der Brite zwar. "Aber es ist leider noch Arbeit zu erledigen. Oder nicht leider. Es ist einfach so. Das erste Training war eine echt gute Session, aber dann haben wir ein paar Dinge geändert und ich war im zweiten Training nicht mehr happy. Es war keine allzu schlechte Pace, aber wir haben gegenüber allen anderen an Boden verloren - oder sie haben an Boden gewonnen. Also haben wir noch zu arbeiten."

Tatsächlich war beides der Fall. Mit seiner 1:34.946 Minuten verpasste Perez im zweiten Training die Bestzeiten Mercedes' aus der ersten Session nur knapp. Die Tagesbestzeit bleibt also bei den Weltmeistern. Um achteinhalb Zehntel verbesserte der Mexikaner im zweiten Training allerdings Red Bulls beste Zeit aus dem FP1, dort aufgestellt von Verstappen. Mercedes hingegen wurde langsamer, vier Zehntel fuhren Bottas und Hamilton sich selbst hinterher.

Hamilton-Experiment missglückt, Bottas denkt nur an Rennpace

Im Fall des Briten steckte dahinter offenbar ein missglücktes Experiment mit dem Setup, allerdings hätte es ohne einen Track-Limit-Verstoß noch immer zur Bestzeit gereicht. Hamilton wurde eine 1:34.8 gestrichen. Bei Bottas war es etwas anderes. Der Finne konzentrierte sich nahezu vollständig auf Longruns. Hintergrund: Bottas erhält in Austin schon wieder einen neuen Motor und wird bereits zum dritten Mal binnen vier Rennen strafversetzt.

"Diesmal sind es immerhin nur fünf Plätze", sagt Bottas. "Damit kann ich noch immer ein gutes Rennen haben. Aber die Hauptsache ist jetzt für mich, mich auf die Rennpace zu konzentrieren. Darauf haben wir uns heute vor allem im zweiten Training fokussiert", berichtet der Finne. Ein gutes Qualifying-Ergebnis kann Bottas dennoch gut gebrauchen. Holt er P1 startet der Finne noch immer aus der dritten Startreihe.

Balance auf Flickenteppich COTA gibt Mercedes Rätsel auf

Doch ist das möglich? "Heute hat gezeigt, dass es vorne ziemlich eng ist", sagt Bottas. "Vielleicht haben wir im zweiten Training verglichen mit der Konkurrenz einen kleinen Schritt zurück gemacht." Doch habe man sich eben auch auf Longruns konzentriert, wiederholt der Mercedes-Fahrer. Das war allerdings nicht alles. Auch die Abstimmung auf dem 5,313 Kilometer langen COTA gibt Mercedes noch Rätsel auf.

"Mit dem Setup ist noch viel Arbeit zu erledigen, das ist nicht leicht ganz hinzubekommen", schildert Bottas und klagt: "Es fühlt sich so an, als hätte diese Strecke an manchen Stellen einiges an Grip verloren und die Balance ist etwas inkonstant." Möglicher Hintergrund: Der Streckenbetreiber legte jüngst auf verschiedene Weise Hand an, um der in Austin hartnäckigen Bodenwellen Herr zu werden. Teile der Strecke wurden neuasphaltiert, andere abgefräst.

Das führte Mercedes-intern sogar zu einem völlig unterschiedlichen Eindruck. Anders als Bottas spürte Hamilton eher mehr als weniger Grip - und kämpfte damit, die Reifen zusammenzuhalten. "Die Streckenoberfläche ist rauer als zuvor. Es ist fast unmöglich die Temperatur aus den Reifen zu bekommen. Deshalb gibt es mehr Abbau als wir hier zuvor hatten", berichtet Hamilton. Da das richtige Setup sowohl für Qualifying-Trimm als auch Longrun zu finden, sei schwierig. "Aber das ist es mit diesem Auto generell nicht", ergänzt Hamilton.

Aufzuarbeiten hat Mercedes in Austin trotz des überragenden Starts nun also doch mehr als zunächst anzunehmen war. "Das ist einiges, kein Zweifel", bestätigt Bottas. Gerade der Finne muss sich für noch mehr Eventualitäten wappnen. Wegen seiner Strafe könnte Bottas zu Rennbeginn im Verkehr hängen und braucht deshalb ein Auto, mit dem er besonders gut überholen kann. Einfach vorneweg in den Horizont fahren, das ist nicht drin. "Ich werde auf jeden Fall gegen andere Autos fahren und überholen müssen, wenn ich es auf das Podium schaffen oder um den Sieg kämpfen will", sagt Bottas vor seinem sechstletzten Rennen für Mercedes.


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