Die wohl wichtigste Meldung des Tages in der Formel 1 (zumindest aus sportlicher Sicht) war am Freitag in Spa die Motorstrafe von Max Verstappen. Erinnerungen an 2022 werden wach. Damals verwandelte der Red-Bull-Pilot einen14. Startplatz in einen 18-Sekunden-Sieg. 2024 ist der Spaß mit Strafen vorbei. Die Trainings-Analyse zieht sogar in Zweifel, ob Spa-Ausnahmekönner Verstappen überhaupt Favorit wäre.

Red Bull minimierte zwar die Straf-Auswirkungen, indem nur beim Verbrennungsmotor das Limit überschritten wurde. So hängen Verstappen nur 10 Strafplätze an. Aber das bedeutet im Umkehrschluss: Maximal Startplatz 11. Und am Freitag konnte Verstappen im 2. Training nicht einmal die Bestzeit holen. Lando Norris schlug ihn um 0,215 Sekunden. Auch Oscar Piastri war schneller, aber nur um 2 Tausendstel.

Wie schon an den letzten Wochenenden möchten einige Konkurrenten bei McLaren einen stärker aufgedrehten Motor orten. Doch schon in der Vergangenheit materialisierte sich das weder im Qualifying noch im Rennen in Form eines sich ändernden Kräfteverhältnisses.

Wie an vergangenen Freitagen hatte Verstappen aber auch in Spa eine nicht optimale Runde. In FP1 war er dem Feld über eine halbe Sekunde enteilt. Für FP2 bekam er einen kleineren Heckflügel mit weniger Abtrieb. Eine logische Entscheidung im Angesicht der nötigen Aufholjagd - dafür braucht es dringend Topspeed.

Verstappen war auch mit weniger Abtrieb schnell, scheiterte aber an einer einzelne Kurve, nämlich Campus. Basierend auf seiner FP1-Runde wären noch gute zwei Zehntel drin. Damit wären er und Lando Norris wieder im Pole-Kampf auf Augenhöhe.

Spaß mit Strafen 2024 vorbei: Was kann Verstappen noch ausrichten?

Norris war nur am Freitag noch sehr unglücklich mit der McLaren-Balance, noch ohne Antworten: "Es sah in der Zeitentabelle gut aus, aber ich habe mich nicht gerade komfortabel dabei gefühlt, die Zeit zu fahren." Anders als Oscar Piastri, der am Freitagabend von den Top-3 wohl der glücklichste Fahrer war.

Im Longrun schwächelte Norris - fuhr aber auch auf Soft. Verstappen sah seinerseits mit vollen Tanks und Medium-Reifen im Renn-Trimm gut, aber nicht wie ein Fahrer aus, der locker von außerhalb der Top-10 zum Sieg fahren könnte. Piastri war im Schnitt eine Zehntel pro Runde schneller. Verstappen aber nahm seine Reifen zu Stint-Beginn härter ran und bezahlte das mit einem deutlicheren Einbruch.

Ferrari, im Quali-Trimm auf den Plätzen 4 und 5, könnte hier noch besser. Tatsächlich war Leclercs Qualifying-Sim auch gut. Er verpatzte Campus und die Curve Paul Frere, sonst wäre er zumindest näher an Verstappen dran. Im Renn-Trimm hatte die Scuderia aber als dritte Kraft Respektabstand. Doch beide Fahrer sind schnell auf den Geraden und damit nicht leicht zu überholen.

FahrerS1km/h KemmelS2S3
1Norris30,23833743,78228,240
2Piastri- 0,039+ 2,2+ 0,167+ 0,087
3Verstappen+ 0,043- 0,7+ 0,122+ 0,052
4Leclerc- 0,095- 2,8+ 0,362+ 0,31
5Sainz+ 0,102- 0,2+ 0,560+ 0,176
6Russell+ 0,074+ 1,1+ 0,676+ 0,28
7Ocon- 0,103+ 3,1+ 1,198+ 0,046
8Magnussen- 0,014+ 1,4+ 1,180+ 0,059
9Perez+ 0,204+ 1,2+ 0,743+ 0,297
10Hamilton+ 0,450+ 6,1+ 0,596+ 0,213

Neuer Asphalt macht Formel 1 in Spa Probleme: Überraschung im Rennen?

Bei den Rennvorbereitungen gerieten am Freitag in Spa jedoch einige in Schieflage. Eine zur Hälfte neu asphaltierte Strecke machte Probleme. Von Kemmel bis Malmedy, durch Campos und Paul Frere und durch die Bus-Stop-Schikane ist die Oberfläche neu. Das machte die Strecke zum einen massiv schneller, weil der neue Asphalt viel mehr Grip bietet.

Aber nur an den neuen Stellen. "Ich verstehe nicht, warum die ein paar Kurven ausgelassen haben, gerade 12 und 13, die sind richtig mies", klagt Nico Hülkenberg. Dass das Auto in den einen Kurven klebt und in den anderen rutscht, stellt vor Setup-Probleme. "Es hat wohl zu mehr Graining geführt, besonders auf dem Medium und dem Soft", analysiert Pirellis Chef-Ingenieur Simone Berra. "Das führt zu einem konsequenten Anstieg der performance-relevanten Abnutzung über die Distanz."

Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton
Grip war in Spa am Freitag ein Problem, Foto: LAT Images

"Es macht die Abnutzung weniger kontrollierbar", ergänzt Carlos Sainz. "Das wird uns Fahrern und Teams denke ich heute am Abend Kopfschmerzen bereiten." Im Training beklagten sich einige Fahrer über massive Reifen-Einbrüche. Nur um dann auszusteigen und sich in der Longrun-Tabelle überraschend weit vorne zu finden.

So geschehen etwa bei Alex Albon und Esteban Ocon. Die beiden landeten in der Medium-Tabelle vor Sergio Perez und George Russell. Im Qualifying-Trimm wirkte Albons dritter Platz von FP1 wie ein Strohfeuer, erst recht nach P17 in FP2. Er räumt selbst aber ein: "Wir hatten einen guten Stint auf Medium." Williams sieht er irgendwo dazwischen, jedenfalls im Kampf um die letzten Punkte.

Mercedes-Zwischenkrise in Spa: Ohne Regen schon aufgeschmissen?

Womit wir beim Thema Mercedes wären. Denn Russell landete eben tatsächlich in der Longrun-Tabelle tatsächlich hinter zwei Williams und einem Alpine. Der Tag war uninspiriert. Schon auf einer Runde fehlte über eine Sekunde. Beide Fahrer klagten über schlechte Balance, schraubten in FP2 als Gegenmaßnahmen den Abtrieb hoch. Hamilton montierte gar einen größeren Heckflügel.

Sofort fühlte sich das Auto besser an, aber die relative Performance war nicht da. Hamilton verlor fast 7 Zehntel nur in den Vollgas-Sektoren 1 und 3. Am Ende der Kemmel-Geraden war er 8,9 km/h langsamer als Charles Leclerc, der in der Spitzengruppe hier die Benchmark war. "Es war richtig mieser Tag, ich weiß nicht, was ich sagen soll", resümierte Hamilton. "Auf dem Soft konnte ich mich nicht verbessern" Das Team verwies auf einen Fehler auf dem ersten Versuch und Verkehr im zweiten.

Mercedes hielt außerdem aber noch fest: Das Auto war auf dem alten Asphalt gut. Auf dem neuen jedoch schlecht. Es verdeutlicht die von Carlos Sainz angesprochenen Kopfschmerzen. Die Aero-Balance in Spa zwischen dem kurvigen Mittelsektor und den Highspeed-Passagen zu finden war schon immer schwierig. Dass jetzt nur die halbe Strecke einen extrem griffigen Asphalt bietet, erhöht den Schwierigkeitsgrad immens.

Spa-Kompromiss 2024: Falsche Hoffnung mit mehr Abtrieb?

Verstappen und Hamilton machten es vor. Sie wechselten zwischen Trainings Heckflügel. Verstappen auf einen kleineren mit Ausschnitten. Sein Feedback war uninspiriert, die Balance in FP1 besser. Hamilton freute sich mit größerem Heckflügel über viel besseres Gefühl, war aber viel zu langsam. McLaren und Ferrari vertrauten auf ihre Entscheidung und fuhren mit Low-Downforce-Paketen durch

Die Heckflügel von McLaren, Ferrari, und die jeweils zwei Konfigurationen von Mercedes im Vergleich
Die Heckflügel der Spitzenteams in Spa am Freitag, Foto: LAT Images

Gekrönt wird das Dilemma von dem nur für Samstag angekündigten Regen. Auch hier hilft mehr Abtrieb. Es wird so immer verlockender, mehr und mehr Flügel auf das Auto zu packen. Nur gibt es ein Problem: Die Kemmel-Gerade ist viel zu lang, Überholen viel zu einfach.

Wenn es der Reifenverschleiß zulässt, dann erscheint die Idee, mit viel mehr Abtrieb zu fahren, wie ein Irrweg. Sobald es am Sonntag im Trockenen losgeht, sind die mit den kleinen Flügeln im Vorteil. Kritisch ist also vielleicht die detaillierte Auswertung der Reifen in der Nacht auf Samstag. Bei zu hohem Verschleiß ist im Gegenzug auch ein Topspeed-Vorteil irgendwann keine Hilfe mehr.

Das bringt uns diesmal zu einem nüchternen Freitags-Fazit: Wir wissen eigentlich relativ wenig. Die Schlüssel-Entscheidungen müssen in Spa erst noch getroffen werden. Freitag war eine wichtige Lernerfahrung, aber nur bedingt aussagekräftig. Wenngleich McLarens Stärke auffällig ist. Mit einem maximal von Platz 11 startenden Max Verstappen wäre es vermessen, jemand anderen als Oscar Piastri und Lando Norris als Favoriten zu benennen.