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Formel 1

Alfa Romeo will keine Ferrari-Teile, nur guten Formel-1-Motor

Alfa Romeo will in der Formel-1-Saison 2021 zurückschlagen. Die Hoffnung ruht auch auf Ferrari. Aber nur auf dem Motor. Chassis-Teile? Nein, danke.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Wenn Ferrari diesen Freitag den ersten Teil seiner Präsentation für die Formel-1-Saison 2021 aufführt - leider die Vorstellung des Teams, nicht des SF21 - entschädigt parallel zumindest ein Kunde der Scuderia für die erwartete Ebbe auf technischer Seite: Alfa Romeo Sauber wird am selben Tag erstmals auf die Strecke gehen. Bei einem Shakedown des C41 in Barcelona verrichtet somit zum erstem Mal auch die neue Power Unit aus Maranello ihr Werk.

Auf dem Aggregat ruhen nicht nur die Hoffnungen unzähliger Ferrari-Fans, sondern auch jene der beiden Kundenteams Haas und Alfa-Sauber. Im vergangenen Jahr riss eine nach technischen Direktiven Ende 2019 völlig aus dem Konzept gebrachte Power Unit Ferraris auch die Kundenteams mit in den sportlichen Abgrund. Während das Werksteam im Mittelfeld versank, konnten Alfa und Haas noch froh sein, sich unter dem Strich vor Williams zu retten.

Alfa Romeo Sauber: Langer Krisengipfel mit Ferrari

2021 soll nun der große Aufschwung folgen. Nach positiven Wasserstandsmeldungen des Ferrari-Teamchefs Mattia Binotto vom Motorenprüfstand schon im Winter, bestätigt nun mit Alfa-Teamchef Frederic Vasseur der erste Kundenvertreter Anzeichen der Hoffnung.

Alfa Romeos neuer Formel-1-Bolide: Nur Ferrari kann helfen: (17:51 Min.)

„Die Zusammenarbeit mit Ferrari läuft sehr gut. Wir hatten im Winter ein starkes Meeting - ein langes Meeting -, um die Punkte des vergangenen Jahres zu besprechen, in dem wir vielleicht nicht den perfekten Job gemacht haben“, gesteht der Franzose.

Sauber: Ferrari hat Großteil der Motor-Probleme ausgeräumt

Mit ‚wir’ meint Vasseur dabei ziemlich offensichtlich vor allem Ferrari und den schwachen Motor, nicht Sauber. Vasseur: „Von ihrer Seite werden sie einen vielleicht großen Teil der Probleme wettmachen, die wir vergangenes Jahr hatten. Die Zusammenarbeit wird besser und besser.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass Alfa Romeo sich noch anderweitig in Maranello bedienen wird. Nicht in Form von Personal wie etwa Haas. Auf seinen anderen Kunden übertrug Ferrari in Maranello eine ganze Gruppe von Mitarbeitern samt Büros - die hatte man wegen der Vorgaben der 2021 neuen Budgetobergrenze ohnehin umschichten müssen. Aber in Form von Teilen, die auch der US-Stall seit Jahren von Ferrari bezieht?

Formel 1: Alfa Romeo will kein freies Upgrade von Ferrari

2021 würde das mehr Sinn ergeben denn je. Geht es um das Chassis, waren im Winter nur zwei Upgrades durch eine sogenannte Token-Regelung gestattet. Ausnahme: Alle Teile, die bereits 2020 homologiert wurden, auch von anderen Teams, können zugekauft werden - sofern es sich wiederum nicht um sogenannte ‚Listed Parts’ handelt, also Teile, die jedes Team qua Reglement ohnehin selbst designen muss.

Heißt im konkreten Fall: Alfa Romeo könnte sich theoretisch beim Ferrari SF1000 des Vorjahres bedienen. Ähnlich geschah es bei AlphaTauri, das für den AT02 Teile des 2020er Red Bull RB16 übernahm. Sauber jedoch wollte das nicht. Die Möglichkeit, die homologierten Teile durch eine Shoppingtour im Einkaufszentrum Maranello aufzuwerten, sei nie auch nur in Erwägung gezogen worden, hören wir aus Hinwil.

Teile des 2020er Ferrari zu schlecht für Alfa Romeo?

Das bestätigt Vasseur auch für noch kommende Tage. „Wir wollen nichts von ihrem Auto nehmen - vielleicht ein oder zwei Elemente, aber nicht viel mehr. Ich denke, das ist kein Teil der Zusammenarbeit“, betont der Franzose. „Der Kern der Zusammenarbeit ist, überzeugt zu sein, dass wir im Rahmen der Regeln voneinander lernen können. Damit müssen wir spielen und den bestmöglichen Job verrichten, den wir tun können.“

Kimi Räikkönen fuhr im Alfa 2020 mehr als nru einmal vor Ferrari - Foto: LAT Images

Gründe für diese Entscheidung nannte Alfa Romeo nicht. Steckt ganz einfach Stolz und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten dahinter, es über die Aerodynamik und mit den zwei erlaubten Token allein - eingesetzt für eine neue Nase - richten zu können? Oder war Sauber nicht nur der Motor, sondern auch das 2020er Ferrari-Chassis schlicht zu schlecht? Auszuschließen ist das - zumindest als Nebeneffekt - angesichts der Ferrari-Performance im Vorjahr auch auf diesem Gebiet nicht - immerhin war Alfa vereinzelt sogar vor den Roten gefahren.

Vasseur: Sauber-Ingenieure haben Antwort auf neue Aero-Regeln

Offiziell spricht davon natürlich niemand, wohl aber über die eigene Entwicklung. Dass ein besserer Ferrari-Motor allein nicht genug sein wird, um wieder den angestrebten Weg zurück ins Mittelfeld zu finden, weiß man in Hinwil ganz genau. Vasseur ist jedoch überzeugt: Seine Ingenieure rund um Technikchef Jan Monchaux haben im Winter einen erstklassigen Job gemacht.

„Selbst mit den Restriktionen und Regeländerungen haben wir noch immer ein wenig Freiheit, um die Aero des Autos zu entwickeln - und das haben wir getan“, berichtet der Franzose. „Aber es zählt nicht, dass du das Auto entwickelt hast - du musst einen besseren Job machen als die andere. Wir haben ein paar gute Verbesserungen vorgenommen. Die FIA hat sich entschieden, die Regeln zu ändern, um die Autos einzubremsen, aber ich denke, dass wir auf einen ordentlichen Level zurückgefunden haben.“

Neue Formel-1-Regeln 2022: Alfa entwickelt C41 trotzdem weiter

Wie erst Alfa Romeo die Formel-1-Saison 2021 nimmt, sie nicht als klares Übergangsjahr sieht, wie etwa Haas, zeigt ein zweiter Unterschied zum US-Rennstall abseits der Thematik Zukaufteile. Sauber wird den C41 wohl noch intensiver weiterentwickeln als Haas sein neues Auto. Wegen der Regel-Revolution für 2022 gilt allerdings auch in Hinwil: Seit dem Jahreswechsel liegt der Fokus auf der nächsten Saison. Erst seit dem ersten Januar ist Entwicklungsarbeit für 2022 überhaupt erlaubt.

Dennoch wird Sauber offenbar länger als manch anderer - Haas will bereits Ende Februar nahezu vollständig auf 2022 umschalten - auch noch an die aktuelle Saison denken und den C41 weiterentwickeln. Wie sehr, soll von den Ergebnissen der ersten Rennen abhängen. „Wir werden sehen, wie sich die Saison entwickelt, ob wir gezwungen sind, etwas mehr zu tun, als wir gehofft hatten oder ob wir eine Spur früher [mit dem vollen Switch auf 2022] anfangen können“, sagt Technikchef Monchaux.

Budgetobergrenze macht parallele Entwicklung unmöglich

Erschwert wird die Abwägung in diesem Jahr nicht nur durch die eigenen Ressourcen, sondern auch durch die Budgetobergrenze. Monchaux: „Es wird ganz sicher eine andere Saison, was das technische Rennen anbelangt, da die meisten Teams ein Auge auf 2022 richten werden. Wegen der Budgetobergrenze kannst du es dir nämlich nicht leisten, zwei Autos parallel zu entwickeln.“

Unter dem Strich weiß allerdings auch Alfa Romeo um seine wahre Chance. „2022 wird eine neue technische Ära in der Formel 1. Für uns als relativ kleines Team ist das eine große Gelegenheit, den Rest des Feldes einzuholen“, sagt Monchaux. „Es wird also ein entscheidendes Jahr für uns. Das und die Tatsache, dass wir 2021 zum ersten Mal eine Budgetobergrenze haben, führt dazu, dass wir abwägen müssen. Alle Teams werden abwägen, wie viel sie für das aktuelle Auto ausgeben und wie viel in das nächstjährige fließt.“

Robert Kubica freut sich: Job ohne C41-Entwicklung unnötig

Zunächst denkt Sauber jedenfalls noch klar an 2021. „Das heißt nicht, dass wir das [aktuelle] Auto nicht entwickeln werden“, sagt Monchaux über die Großchance 2022. „Wir planen Evolutionen bei den ersten Rennen und arbeiten noch immer am Windkanal an diesem Auto.“

Das freut auch Robert Kubica. Nur so ergeben Freitagseinsätze im Training für den Ersatz- und Simulatorfahrer der Hinwiler Sinn, auch abseits von möglichen Vereinbarungen mit dem polnischen Hauptsponsor Orlen. Zum Abgleich Theorie versus Praxis. Teamchef Vasseur kündigte ohnehin schon an, den Polen mindestens alle zwei Monate im Auto haben zu wollen.


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