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Formel 1

Alfa Romeo homologiert Räikkönen & Giovinazzi: Trumpf beim Test

Als eins von nur drei Formel-1-Teams startet Alfa Romeo die Saison 2021 einem unveränderten Fahrerduo. Vorteil durch Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi?
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Nur drei Teams starten in der Formel-1-Saison 2021 mit einem unveränderten Fahreraufgebot. Neben Weltmeister Mercedes und Williams zählt auch Alfa Romeo Racing zu diesem Trio. Für die Sauber-Truppe aus Hinwil in der Schweiz starten im dritten Jahr in Folge erneut der noch immer letzte Ferrari-Weltmeister Kimi Räikkönen und Ferrari-Junior Antonio Giovinazzi. Selbst der Posten des Ersatzfahrers blieb mit Robert Kubica unverändert.

„Langweilig“, behaupten manche Beobachter und Kommentatoren der Szene. „Vorteil“, kontert Sauber. Im Rahmen der Präsentation des neuen Alfa Romeo C41 im polnischen Warschau erklären die Teamführung und die Fahrer, warum sie ein konstantes Fahreraufgebot gerade 2021 für unschätzbar wertvoll erachten.

Formel-1-Testfahrten 2021 extrem kurz: Kontinuität als Schlüssel

„Man hat die Gewissheit, dass du weißt, was deine Fahrer mögen und was nicht. Wir haben nur wenig Zeit beim Wintertest“, erklärt Jan Monchaux, Technischer Direktor bei Sauber. Nur drei Tage stehen den Teams in diesem Jahr zur Verfügung, das entspricht gerade einmal eineinhalb Tagen je Fahrer. Die FIA strich die Wintertestfahrten zusammen, weil sie die Boliden der Vorsaison ohnehin qua Reglement weitgehend homologierte.

Alfa Romeos neuer Formel-1-Bolide: Nur Ferrari kann helfen: (17:51 Min.)

Deshalb ‚homologierte’ Alfa Romeo in direkter Reaktion darauf auch sein Fahreraufgebot. Immerhin seien nicht allein die Testfahrten kürzer, so Monchaux. „Das 2021er Auto ist letztendlich eine Schwester des C39, des 2020er Autos, und wir wissen, was sie [Räikkönen und Giovinazzi] wollen und erwarten“, erklärt der Franzose.

Kimi Räikkönen & Antonio Giovinazzi kennen C41 in Grundzügen

Soll heißen: Die Ingenieure von Sauber Motorsports feilten im Winter insbesondere an jenen Schwächen, die der Finne und der Italiener im Vorjahr moniert hatten. „Wir haben am Auto gearbeitet, um einige Charakteristika abzustellen, die sie nicht mochten“, sagt Monchaux.

Diesen Vorteil hätte es mit neuen Fahrern, etwa Mick Schumacher, der nun für anderen Ferrari-Kunden Haas starten wird, in dieser Form nicht gegeben. „Wenn wir neue Fahrer hätten, mit ganz anderen Fahrstilen, würden wir in diese letzte Saison mit sehr wenig Testzeit auf einem weißen Blatt Papier starten - das wäre sicherlich eine zusätzliche Herausforderung“, erklärt Monchaux. „Kontinuität bei den Fahrern zu haben, hilft den Ingenieuren sicherlich, um ihnen hoffentlich ein Auto hinzustellen, in das sie Vertrauen haben, um konstant ans Limit gehen zu können.“

Sauber-Teamchef Vasseur: Räikkönen & Giovinazzi passen ideal

Teamchef Frederic Vasseur bestätigt diese Argumentation, ergänzt diese allerdings noch um eine zwischenmenschliche Komponente. „Du brauchst Fahrer, die gut zusammenarbeiten und helfen, das Team nach vorne zu bringen. Mit Kimi und Antonio haben wir ein gutes Line-up, eine gute Kombination von Fahrern, die einander ergänzen und eine sehr positive und produktive Beziehung pflegen - sowohl untereinander als auch mit dem Team“, berichtet der Franzose.

Im dritten gemeinsamen Jahr würde man sich nun sehr gut kennen. „Wir wissen, was die Fahrer innerhalb und außerhalb des Autos brauchen. Das wird uns sehr dabei helfen, uns weiter zu verbessern“, sagt Vasseur.

DTM-Aussteiger Robert Kubica hat 2021 mehr Zeit für Simulator

Hinzu kommt Kubica. „Die Zusammenarbeit wird mit der Zeit stärker und stärker. Letztes Jahr bin ich zum Team gestoßen, jetzt kenne ich alle natürlich schon viel besser, was uns bei unserer Arbeit helfen wird“, sagt der Pole. 2021 wird Kubica zudem über mehr Zeit im Simulator und für Abgleichsfahrten in Freien Trainings verfügen. Statt sich zusätzlich einer ganzen DTM-Saison zur verpflichten, startet Kubica dieses Jahr lediglich bei sechs Rennen der European Le Mans Series.

Die Stammfahrer selbst pflichten alldem - wenig überraschend - vollumfänglich bei. Vor allem ein Routinier wie Kimi Räikkönen weiß genau, welche Bedeutung einem gesunden Maß an Kontinuität zukommt, gerade in einem schnellen und schnelllebigen Sport wie der Formel 1. „Antonio kennen uns natürlich schon von unseren Tagen bei Ferrari“, erinnert der Finne sogar noch. In der zweiten Amtszeit Räikkönens in Maranello diente Giovinazzi als Simulatorfahrer der Scuderia. Der Italiener wusste also schon im Voraus, wie Räikkönen tickt. Ob im Hinblick auf das Setup für den Boliden, oder in Sachen Mindset.

Räikkönen & Giovinazzi: Schon aus Ferrari-Tagen eingespielt

„Das hat es uns ziemlich leicht gemacht, als wir Teamkollegen wurden“, berichtet Räikkönen. „Aber natürlich wird es nur noch besser, je mehr Jahre wir zusammen verbringen. Umso besser lernen wir uns kennen. Wir hatten aber immer eine gute Beziehung und hatten gemeinsam viel Spaß.“

Für Giovinazzi gilt das nicht nur im Bezug auf seinen Teamkollegen, sondern auch seine Ingenieure und Mechaniker. „Mit zwei vollen Saisons im Team kenne ich die Leute um mich herum jetzt viel besser, sodass wir bessere Arbeit abliefern können“, sagt der Italiener.

Giovinazzi träumt vom Podium, Räikkönen hofft auf Fortschritt

Die steht ohnehin sehr viel mehr im Fokus, so gut nordisch-südländische Duo auch abseits der Strecke funktionieren mag. 2020 kam Alfa Romeo immerhin nicht über WM-Rang acht mit genauso wenigen Punkte hinaus. „Antonio und ich arbeiten daran, das Team nach vorne zu bringen“, verspricht Räikkönen. Allerdings wisse er jetzt natürlich noch nicht, wie weit nach vorne ihn sein 19. Formel-1-Auto tragen kann, so der Altmeister bei der Vorstellung des C41 weiter.

Räikkönen: „Wir sind noch auf unbekanntem Terrain. Wir hatten ein paar Regeländerungen. Da müssen wir erst abwarten, wie das alle trifft. Wo wir sein können? Hoffentlich sind wir besser dran als letztes Jahr. Bei den Testfahrten bekommen wir einen ersten Eindruck und beim ersten Rennen wissen wir es dann wirklich. Wir werden unser Bestes geben - egal wo wir stehen!“

Teamkollege Giovinazzi wagt eine forschere Prognose. „Mein Traum wäre es, ein Podium mit diesem Team zu holen. Das würde ganz oben auf unserem Zettel stehen, aber wir müssen natürlich erst einmal abwarten, wo wir in Sachen Performance und Speed stehen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir dieses Jahr sehr gut abschneiden können“, sagt der Italiener.

Jetzt kommt es allerdings erst einmal auf problemfreie Testfahrten an. „Mit nur eineinhalb Tagen darf es dieses Jahr kein einziges Problem mit der Zuverlässigkeit geben“, fordert der Finne. „Du kannst es dir nicht leisten, einen halben oder sogar einen ganzen Tag zu verlieren, weil du dann nicht viel haben wirst, womit du weiterarbeiten kannst.“

Sauber will an die Spitze des Mittelfelds

Noch dazu komme es selbst bei perfekter Standfestigkeit mehr denn je darauf an, zu priorisieren. Genau hier kommt insbesondere Räikkönens riesige Erfahrung von 329 Rennstarts - Rekord (ein unbedeutender für den Iceman selbst) - ins Spiel. „Wir müssen, die richtigen Dinge auswählen, die wir da testen wollen und versuchen, diese auf die drei Tage zu verteilen“, sagt Räikkönen.

Das Ziel ist jedenfalls klar, wenngleich nicht konkret. „Wir sind in der vergangenen Saison auf P8 gelandet, also müssen wir 2021 ein besseres Resultat anstreben“, fordert Teamchef Vasseur. Eine konkrete Hausnummer gibt der Franzose allerdings nicht vor - außer, sich Stück für Stück wieder in Richtung Spitze des Mittelfelds orientieren zu wollen. Ein mittelfristiges Ziel, keines für 2021 - da reichen auch die große Hoffnung auf einen wieder besseren Ferrari-Motor, das neue Nasen-Konzept des C41 und natürlich die Kontinuität des Fahreraufgebots zusammengenommen nur für kühnste Optimisten.


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