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Formel 1

Formel 1, Interview: Sprachnachricht von Kimi Räikkönen

Ungewöhnliches Interview mit Kimi Räikkönen. Es fand nicht von Angesicht zu Angesicht statt, sondern als zwölfminütige Sprachnachricht in der Coronapause.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Egal, was man nun von Kimi Räikkönen hält, ob man zu den zahlreichen Fans des letzten Ferrari-Weltmeisters zählt oder man mit der kühlen Mentalität wenig anfangen kann: Die Formel 1 tut gut an solchen Typen. 2020 war seine 18. Saison in der Königsklasse - und wie wir wissen, nicht seine letzte. 21 Siege, 18 Pole Positions und sagenhafte 46 schnellste Rennrunden hat er bereits gesammelt. Dass er diese Statistik mit Alfa noch ausbauen kann, ist eher unwahrscheinlich. Räikkönen ist im Herbst seiner Karriere angekommen, deren Höhepunkt der WM-Titel 2007 war.

Über den Weltmeistertitel der Formel 1 durfte sich Kimi Räikkönen ein Jahr lang freuen. Den Titel 'Interview-Endgegner' hatte der kühle Finne jahrelang inne - bis Max Verstappen die Bühne betrat. Red Bulls Juwel ist nicht nur im Auto kompromisslos, sondern auch bei Interviews. Für einen zehnminütigen Interview-Slot sollte man bei Verstappen schon mehr als 20 Fragen vorbereiten - oder schlagfertig sein. Räikkönen hat den Titel aber nicht nur verloren, weil mit Verstappen ein neuer Verweigerer der großen Worte kam. Inzwischen ist der 41-jährige Iceman etwas aufgetaut, die einsilbigen Antworten werden weniger. Möglicherweise hat er erkannt, dass er mit längeren Antworten die Interviews besser steuern kann: Je länger er spricht, desto weniger Zeit bleibt für unangenehme Fragen.

Trotzdem bleibt der letzte Ferrari-Weltmeister ein schwieriger Interview-Partner. Aber auch ein gefragter: Eigentlich hätte dieses Interview schon im vergangenen Jahr erscheinen sollen. Doch immer wieder wurde unser Termin verschoben. Selbst beim Test nach dem Saisonfinale in Abu Dhabi war der Alfa-Pilot zu beschäftigt für zusätzliche Medientermine. Die Presseabteilung des Rennstalls bemühte sich, den Starpiloten auch nach der Saison zugänglich zu machen. Aber auf ein Interview in ausschließlich schriftlicher Form wollten wir verzichten. Ohne Alfas Presseabteilung Böses unterstellen zu wollen, aber ein Interview in PR-Sprache würde dem Charakter Kimi Räikkönen genauso wenig gerecht wie unserem Anspruch, den Lesern, die sich noch bewusst für ein Print-Produkt entscheiden, ein nicht tatsächlich geführtes Interview vorzusetzen. Also einigten wir uns darauf, den Termin auf die neue Saison zu verschieben.

Die neue Saison also. Die Saison, die bis Juli keine Saison war. Alfa hatte uns glücklicherweise trotzdem nicht vergessen. Und so fanden wir einen Weg, in der Coronapause ein faires Interview mit dem Publikumsliebling zu führen: Via Whatsapp-Sprachnachricht. Wir schickten unsere Fragen an Alfa-Saubers Presseabteilung, die wiederum Räikkönen den Fragenkatalog zukommen ließ. Weil bei Räikkönen schwer absehbar ist, wie ausführlich er die Fragen beantwortet, haben wir sicherheitshalber ein paar Fragen mehr mitgeschickt. Zum Beispiel, wie er den Ferrari-Abschied seines ehemaligen Teamkollegen und Freundes Sebastian Vettel sieht. Oder, ob Ferrari ein besonders schwieriger Ort ist, um erfolgreich zu sein. Leider fielen diese Fragen dem Versuch, das Interview für den ehemals so wortkargen Finnen auf ein erträgliches Maß zu bringen, zum Opfer.

Räikkönen ist ungewohnt gesprächig

Die vorliegenden Fragen beantwortete Räikkönen dann gewohnt emotionslos, aber mit seinem neugewonnenen Wortreichtum. 12:04 Minuten Sprachnachricht von Kimi Räikkönen. Damit war nicht zu rechnen. Noch wenig damit, dass in diesen 12:04 Minuten zwar allerlei Laute zu hören sind, die auf ein gründliches Überlegen auf die Frage hindeuten, kein einziges Mal aber das Räikkönen'sche Füllwort 'Bwoah' fällt.

Kimi Räikkönens typisches 'Bwoah' amüsierte auch die Fans beim Portugal GP - Foto: LAT Images

Mal von den Umständen, die zur aktuellen Situation geführt haben, abgesehen: Isolation und Kimi Räikkönen passen doch wie die Faust aufs Auge. Was hast du während des Lockdowns gemacht? Genießt du die Zeit sogar?
Kimi Räikkönen: Hmmm. Die Situation ist für niemanden schön oder einfach. Für mich war es ähnlich wie Sommerferien oder Winterpause, so hat es sich in etwa angefühlt. Wir sind die meiste Zeit in Finnland geblieben, ich war mit der Familie zusammen und habe ganz normale Dinge gemacht. Wir sind nirgends hingegangen. Wir sind einfach zuhause geblieben und haben verschiedene Dinge gemacht. Ich hatte nichts dagegen, es hat sich wie Sommerferien angefühlt. Für mich zumindest war es nicht sehr ungewöhnlich.

Freust du dich auf Rennen ohne Zuschauer (und deutlich weniger Medien), oder wirst du sie vermissen?
Kimi Räikkönen: Wir sind noch keine Rennen ohne Zuschauer und Medien gefahren, deshalb weiß ich nicht, wie das laufen wird und wie es sich anfühlen wird. Es werden jedenfalls viel weniger Leute da sein, weil es Limitierungen und Einschränkungen gibt. Ich weiß nicht, wie das alles sein wird, da müssen wir die ersten Rennen abwarten. Ich bin mir sicher, es ist wie beim Testen. Oder vielleicht sogar noch weniger Leute als beim Testen.

Das wird interessant, aber ehrlich gesagt ist es mir egal. Es wäre natürlich toll, wenn auch Zuschauer da wären, die das Rennen sehen könnten und alles normal wäre, aber das ist es im Moment nicht. Hoffentlich dürfen wir dann später dieses Jahr mehr Leute und Zuschauer zulassen. Die Medien können zuhause bleiben - das ganze Jahr. Das wäre mir egal.

Wie viel Kontakt zum Team hast du während dieser Zeit gepflegt?
Kimi Räikkönen: Wir hatten tatsächlich etwas Kontakt, aber nur sehr wenig. Ich habe manchmal mit Fred [Frederic Vasseur, Alfa Teamchef] gesprochen und mit meinen Ingenieuren geschrieben, aber das war sehr selten. Es war hauptsächlich, wie es ihnen geht und ob alles okay ist. Aber sehr wenig - es gibt nicht viel, über das man sprechen könnte: Es gab Einschränkungen, nichts ist passiert. Jeder ist zuhause geblieben und hat ganz normale Sachen gemacht.

Je näher wir an das erste Rennen kommen, desto mehr Bewegung kommt wieder rein, wir machen uns bereit. Mal sehen, wie es in der ersten Woche läuft, nachdem man sich so lange nicht gesehen hat und so lange nicht gefahren ist. Man muss nur sicherstellen, dass alles von Anfang an passt.

Du hast die Formel 1 dafür kritisiert, dass sie nach Melbourne geflogen ist - schon vor der Absage. Stehst du dem Restart der Saison ebenfalls skeptisch gegenüber?
Kimi Räikkönen: Es war nicht clever: Sie haben versucht, das Rennen durchzuziehen, aber zumindest meiner Meinung nach war es ziemlich offensichtlich, das irgendeiner krank wird. Wir waren über 20 Stunden im Flieger. Wenn man ans andere Ende der Welt reist, ist die Gefahr recht hoch, dass jemand den Virus bekommt. Und genau so ist es gekommen. Es war ein langer Weg dorthin.

Räikkönen hat keine Zeit für Computerspiele

Viele deiner Kollegen haben in der Pause am Simulator gespielt, du nicht. Es gibt ein Bild von dir, auf dem du während des Wehrdienstes Colin McRae Rally auf der Playstation spielst. Spielst du noch immer auf der PS1 und hast keine Online-Funktion oder bist du kein Fan von Simulatoren?
Kimi Räikkönen: Ganz ehrlich: Ich hätte nicht einmal Zeit dafür. Wir waren immer mit ganz normalen Dingen mit den Kindern und der Familie beschäftigt. Wenn man es machen will, kostet es viel Zeit. Ich habe bessere Dinge zu tun, als vor einem Simulator zu sitzen und das Spiel zu zocken. Als ich jünger war habe ich gespielt, ja, wenn nichts zu tun war. Wir haben eine Playstation, aber wir haben sie seit zehn Jahren nicht genutzt. Robin [Räikkönens Sohn] wollte eine, weil die Kinder meines Bruders eine haben. Er wird wohl damit anfangen, sie zu benutzen. Aber ich habe andere Dinge zu tun als spielen. Es ist schön, aber sehr limitiert.

Wenn wir über den jungen PS1-zockenden Kimi sprechen: Wie sehr hast du dich im Laufe der Zeit verändert? Manche sagen, du bist heute viel offener. Deine Antworten tendieren inzwischen dazu, länger zu sein, du bist sogar auf Social Media unterwegs…
Kimi Räikkönen: Ich glaube nicht, dass ich mich stark verändert habe. Natürlich ändert sich jeder über die Jahre, man wird älter, man lernt dazu und man durchlebt verschiedene Dinge. Wenn du jünger bist, machst du andere Dinge. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich so verändert habe. Aber es ist schwierig, das selbst zu beurteilen, weil man von Tag zu Tag lebt und ich darüber nicht nachdenke.

Ich habe bessere Dinge zu tun, als vor einem Simulator zu sitzen und das Spiel zu zocken.
Kimi Räikkönen

Wahrscheinlich ist es einfach so, dass man andere Dinge macht, wenn man älter wird als mit 20. Bis zu einem gewissen Grad ändert man sich, aber ich bin was ich bin und ich bin glücklich, so wie das Leben ist. Von meiner Seite ist es schwierig zu sagen. Vielleicht muss du jemand anderen fragen, ob ich mich verändert habe oder nicht. Die Welt hat sich stark verändert, seit ich 20 war. Das ändert die Leute auch.

Hast du dich als Fahrer verändert?
Kimi Räikkönen: Sicher. Die Antwort darauf ist ähnlich. Du hast mehr Erfahrung und du machst Dinge etwas anders. Aber ich habe das Gefühl, dass es einfacher wird, weil du mehr Dinge kennst. Wenn du älter wirst, da fährst du vielleicht an verschiedenen Stellen etwas anders. Vielleicht hast du die Fahrweise etwas geändert, aufgrund der ganzen Regeln und Reifen und diesem und jenem. Aber ich versuche, die Dinge noch immer so zu machen, wie ich sie für mich für richtig erachte. Ich glaube, das ist der einzige Weg, wie man das Beste aus sich herausbekommt: Wenn man sich selbst dabei vertraut, was gut für einen ist und was nicht gut für einen ist. Manchmal läuft es besser, manchmal nicht, aber so läuft es.

Kimi Räikkönen informiert sich lieber in persönlichen Gesürächen über Transfers - Foto: LAT Images

In der Pause ist viel passiert. Dein Freund Sebastian Vettel hat bekanntgegeben, Ferrari zu verlassen. Hast du die Formel 1 verfolgt?
Kimi Räikkönen: Ich habe die Nachrichten nicht wirklich verfolgt. Natürlich, wenn du Nachrichten anschaust, sind da auch viele Nachrichten über die Formel 1. Über die Jahre habe ich nicht wirklich viel verfolgt, weil ich weiß, wie es läuft: Wahrscheinlich sind 80 Prozent Spekulation und 20 Prozent irgendwo nah an der Wahrheit. Ich schaue lieber nicht und wenn etwas fix ist, dann ruft mich jemand vom Team an oder ich spreche mit meinen Freunden im Fahrerlager, die ich kenne. Da bekomme ich wahrscheinlich viel bessere und ehrlichere Antworten, was passiert als in den Nachrichten. Es ist heutzutage mehr Klatsch als alles andere. Ich verschwende meine Zeit nicht damit, diese Geschichten zu lesen.

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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