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Formel 1

Formel 1, Askm MSM: Sind alle Fahrersitze gleich?

Die Motorsport-Magazin.com-Leser fragen, die Redaktion antwortet. Dieses Mal klären wir unter anderem, warum die Sitze aller Fahrer unterschiedlich sind.
von Christian Menath & Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 ist nicht nur die Königsklasse des Motorsports, sie ist auch eine der komplexesten Sportarten auf unserem Planeten. Aber was ist erlaubt? Wie wird es kontrolliert? Und noch wichtiger: Wie funktionieren viele dieser Wunderwerke der Technik? Wir beantworten einige der brennendsten Fragen unserer YouTube-Zuschauer.

Racer17 07
Warum sehen die Lenkräder so unterschiedlich aus?

Die Lenkräder in einem Formel-1-Auto sind nicht nur äußerst komplexe kleine Mini-Computer, sondern auch individuell an die Wünsche des jeweiligen Fahrers angepasst. Deshalb ist es möglich, dass die beiden Fahrer eines Teams unterschiedliche Anordnungen der Drehschalter und Knöpfe oder gar andere Lenkradformen verwenden.

Dieses Lenkrad nutzte Kimi Räikkönen beim Abu Dhabi GP 2020 - Foto: LAT Images

Aus diesem Grund sind die Fahrer stark in den Designprozess ihres maßgeschneiderten Lenkrads eingebunden. Sowohl die Ergonomie als auch die Form und die Griffe werden an ihre Hände sowie ihren Umgang mit dem Lenkrad angepasst. Dieser Prozess wird im Laufe der Saison immer mehr verfeinert. So verlangt ein Fahrer vielleicht nach einem veränderten Griff oder einer anderen Anordnung der Knöpfe und Schalter. All das basiert auf den individuellen Wünschen der Fahrer und dem Streckenlayout.

Um zu verhindern, dass ein Fahrer bei hoher Geschwindigkeit und starken Vibrationen einen Knopf versehentlich betätigt, bringen die Teams kleine Plastikränder um bestimmte Knöpfe herum an. Diese Abgrenzungen können sich von Rennen zu Rennen verändern. Sie sind besonders wichtig in engen Kurven wie der Haarnadel in Monaco, wenn die Fahrer den vollen Lenkeinschlag nutzen müssen. Außerdem kommen wie in Flugzeugen spezielle Knöpfe zum Einsatz, die mit viel Kraft betätigt werden müssen. Auf diese Weise merkt der Fahrer selbst mit Handschuhen einen spürbaren Klick, wenn er den Knopf drückt.

Dr. Agnello
Servus, habe eine Frage zu den Onbordkameras auf den F1 Autos. Wie schaut hierbei das Regelwerk aus? Wie viele Kameras müssen an einem Auto montiert werden und wieviel Spielraum haben die Teams für die Platzierung der Kameras am Auto? Stichwort: Aerodynamisches Objekt. Und wer stellt diese Kameras überhaupt her?

Die Kameras stellt der Kommerzielle Rechteinhaber, sprich Liberty Media zur Verfügung. Im Technischen Reglement gibt es mehr als zwei Seiten, die ausschließlich den Kameras und ihren Positionen gewidmet sind. Mindestens sechs Kameras muss jedes Auto auf ziemlich genau vordefinierten Positionen haben. Der Korridor für die Positionierung ist sehr klein, damit die Qualität der Bilder gewährleistet ist. Gewicht und Form ist für jede Kameraposition exakt definiert. Weil nicht alle Autos immer sechs Kameras benötigen, gibt es auch Dummys, die in Form, Position und Gewicht identisch sind.

Max Deffner
Könnt Ihr Euch vorstellen, dass durch den Einsatz von E-Fuels in Zukunft wieder Motoren mit mehr als 1.6 l Hubraum ins Spiel kommen? Günstigere Power-Units, neue Motorenhersteller und endlich wieder richtiger Sound wären dann möglich und doch für alle ein Gewinn :)

Die Idee gibt es tatsächlich: Wenn die Formel 1 mit synthetischen, CO2-neutralen Kraftstoffen fahren würde, wäre es eigentlich völlig egal, wie viel sie davon verbraucht. Deshalb sind durchaus auch andere Motorenkonzepte für die Zeit nach 2025 realistisch. Denkverbote soll es bei der Konzeptfindung nicht geben, sogar Zweitaktmotoren sind im Rennen. Von einem finalen Reglement ist man aber noch weit entfernt. Was letztendlich zum Einsatz kommt, wird auch davon abhängen, welche Hersteller die Technik liefern könnten.

BurnItDown
Sind die Sitzschalen standardisiert?

Die Sitze werden auf die Fahrer maßgeschneidert - teilweise sogar mehrmals pro Jahr, um sich an Veränderungen im Gewicht oder der Muskelmasse anzupassen. Der Sitz besteht aus einer Kohlefaser-Wabenstruktur, sie ist extrem leicht, aber dennoch starr. Der Sitz selbst wird nicht mit dem Cockpit verbunden, stattdessen wird er mit den Sicherheitsgurten an vier Stellen fixiert - das ist bei allen Teams gleich. Sobald der Fahrer fest angeschnallt ist, kann er nicht verrutschen. So kann der Fahrer bei einem Unfall samt Sitz aus dem Cockpit geborgen werden.

Beim sogenannten "Seat-Fitting" wird das Cockpit mit einem Behälter ausgelegt, der mit einem Harz und kleinen Kügelchen gefüllt ist. Dieser "Foam Buck" passt sich dann perfekt an die Körperform des Piloten im Rennanzug an. Das Ergebnis wird mittels 3D CAD-Scan in ein 3D-Modell übertragen, hergestellt und im Autoklaven gebacken. Zum Abschluss werden nur noch die Löcher für die Sicherheitsgurte und den Kopf- und Nackenschutz HANS ausgeschnitten.

Sarogo 1904
Warum sind die heutigen Autos so breit?

Die aktuellen Formel-1-Boliden sind mit 2,00 Meter tatsächlich sehr breit - allerdings noch nicht besonders lange. Erst 2017 wurde die Maximalbreite von 1,80 Meter angehoben. Fast 20 Jahre lang galt das alte Maß, 1997 wurde zuletzt mit zwei Meter breiten Auto gefahren. 1998 hat man die Spur schmaler gemacht, um die Kurvengeschwindigkeiten - der Sicherheit zuliebe - zu reduzieren und das Überholen einfacher zu machen.

Bis 1997 wurde mit zwei Meter breiten Autos in der Formel 1 gefahren - Foto: Sutton

Die Regeländerung 2017 sollte die Autos einerseits wieder schneller machen, andererseits spektakulärer aussehen lassen. Beide Ziele wurden erreicht, aber das Überholen wurde dadurch wieder schwieriger. Es ist ein Kompromiss, den es zu finden gilt. Mit der Regel-Revolution 2022 bleibt die Breite bei 2,00 Meter. Übrigens: Die Autos waren in der Vergangenheit noch breiter! Bis 1992 galt als Maximalmaß 2,15 Meter. Damals war die Aerodynamik aber noch nicht so hinderlich beim Überholen.

Benjamin Claas
Wie sind die Kevlarseile eigentlich an den Reifen befestigt?

Die "Seile" wurden 1998 eingeführt. Seit 2018 sind alle vier Räder mit jeweils drei "Seilen" direkt am Chassis befestigt. Sie bestehen aus Zylon-Faser und sind unabhängig voneinander dazu in der Lage, Kräften von mehr als 70 kN Stand zu halten. Die größere Anzahl an "Seilen" erhöht nicht die Gesamtkraft, sondern sorgt für Redundanz, falls ein oder zwei versagen sollten. Wichtig: Die "Seile" verbinden die Radnabe mit dem Chassis.

Somit gibt es zwei Fälle, in denen sie ein Rad nicht halten können: 1. Wenn ein Reifenschaden vorliegt und die Gummilauffläche davonfliegt. Diese ist jedoch leichter und weniger gefährlich als ein komplettes Rad. 2. Wenn ein Rad nicht korrekt montiert wurde und sich von der Radnabe löst. Selbstverständlich können auch Zylon-Fasern bei einem Unfall mit hoher Geschwindigkeit, extremen Kräften oder ungünstigen Einschlagswinkeln durchtrennt werden und das Rad nicht mehr halten.

FinnTonic
Was passiert eigentlich mit den Reifen nach einem Rennwochenende?

Die Teams geben nach dem Rennen alle Reifen an Pirelli zurück, wo sie von den Felgen abgezogen, gegebenenfalls analysiert und zum Recycling ins britische Didcot geschickt werden. Die Reifen werden zunächst zusammen mit Artgenossen von Straßenfahrzeugen geschreddert, bevor das entstandene Granulat bei extrem hohen Temperaturen von mehr als 1.500°C in Zementwerken verbrannt wird. Der Vorteil dieses Verfahrens: bei diesen hohen Temperaturen entstehen keine giftigen Abgase und es bleibt nur eine nicht-giftige Asche von den F1-Reifen zurück.

Ausgemusterte Reifen werden nach ihrer Nutzung zerkleinert und verbrannt - Foto: LAT Images

Nach der Absage des Australien GP musste Pirelli 1.800 Reifen vernichten. Der Grund: beim Auf- und Abziehen auf die Felge könnten die Reifen beschädigt worden sein. Eine Wiederverwendung ist deshalb nicht möglich, ein ungeschredderter Rücktransport zu kostspielig. Bei Europarennen bleiben sie hingegen aufgezogen und werden per Lkw weitertransportiert.

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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