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Formel 1

Formel 1 feiert Alonso-Show: Für V10-Sound bezahlen die Leute

Fernando Alonsos Weltmeister-Renault von 2005 war in Abu Dhabi die große Attraktion. Nach dem V10-Genuss ist dem Paddock klar: der modernen F1 fehlt Sound.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Das letzte Formel-1-Rennen im Jahr 2020 riss am Sonntag in Abu Dhabi niemanden wirklich vom Hocker - anders als Fernando Alonsos Ausfahrt im Renault R25. Die Showruns des Spaniers in seinem Weltmeister-Boliden von 2005 waren die große Attraktion des Wochenendes und sorgten flächendeckend für Begeisterung. Das Paddock war sich nach dieser eindrucksvollen Demonstration eines kreischenden V10-Motors einig: das kann die moderne F1 nicht bieten.

"Es ist etwas, das uns ehrlich fehlt", so Alonso, der an allen drei Veranstaltungstagen die Chance bekam, den 15 Jahre alten Renault auszuführen. Die Franzosen feierten mit der Aktion die 2021 anstehende F1- Rückkehr des 39-Jährigen mit Renault-Nachfolger Alpine. Den R25 auf dem Yas Marina Circuit zu sehen, war eine Zeitreise und eine Premiere zugleich, denn die Rennstrecke ist noch jünger als das Auto. Sie feierte erst im Jahr 2009 ihren Einstand in der Königsklasse.

Bis auf die fehlenden Rillenreifen, die zwischen 1998 und 2008 in der Formel 1 die Norm waren, befand sich das Auto im Originalzustand. Doch es war vor allem Alonsos Einsatz hinter dem Lenkrad, der aus den Demorunden auf Pirellis Academy-Slicks einen Ausflug in die Vergangenheit machte. Der zweifache Champion umrundete den Kurs in 1:39 Minuten, womit er Daniel Ricciardos schnellste Rennrunde vom Sonntag um eine gute Sekunde unterbot. Auf die Pole-Zeit von Max Verstappen fehlten rund vier Sekunden.

Als Alonso seine Runden drehte, stand praktisch das gesamte Fahrerlager an der Boxenmauer oder in der Boxengasse, um dem Sound des 950 PS starken und bis 19.000 U/min orgelnden Aggregats zu lauschen. Mechaniker, Ingenieure und Fahrer wurden plötzlich wieder zu Fans, die mit dem Smartphone filmten und applaudierten.

Ricciardo vermisst den Wow-Faktor

"Es hört sich so schön an", freute sich auch Ricciardo, der sich in seine Kindheit zurückversetzt fühlte: "Ich habe immer noch dieses Bild im Kopf, als Kind im Albert Park in Melbourne anzukommen. Ich erinnere mich, wie wir [Ricciardo und sein Vater] aus dem Taxi gestiegen sind und unsere Koffer genommen haben. Wir sind am Hotel angekommen und ich konnte die Formel-1-Autos draußen auf der Strecke hören."

Für ihn war es ein besonders einschneidender Moment. "Du konntest sie hören, denn ihr Echo ging durch die Stadt. Ich erinnere mich, wie Papa und ich uns anschauten und wir Gänsehaut hatten. Ich dachte mir 'woah, wir sind hier, du kannst sie hören, wir sind ganz nah dran.' und das ist für mich der Wow-Faktor", erklärt er.

Mit der Einführung der Hybrid-Motoren mussten sich die F1-Fans von Erlebnissen dieser Art verabschieden. Doch für Ricciardo ist der Sound ein wichtiger Bestandteil der Faszination Formel 1. "Es hört sich beeindruckender an. Es ist dieser V10 und er schreit. Das hat den Wow-Faktor und es hat auch den Angstfaktor", erklärt er. Und der entgeht heute nicht nur den Fans, sondern auch den jungen Fahrern.

Ricciardo gab 2011 für HRT sein Debüt, als V8-Motoren mit 2,4 Litern Hubraum eingesetzt wurden. "Ich kann ja aus erster Hand sprechen. Bei mir war es zwar nur ein V8, als ich das erste Mal in einem F1-Auto saß, aber wenn die Mechanik hinter dir startet und du dieses Getöse hörst, macht dir das Angst. Ich denke, für die jungen Fahrer fehlt dieses 'wow' und dieser erste Angstmoment."

Fernando Alonso fuhr in Abu Dhabi an drei Tagen im Renault RS25 - Foto: LAT Images

Alonso: Alle vermissen diesen Sound

Alonso sieht das ganz ähnlich. "Ich denke, nicht nur die Fans, sondern jeder hier im Paddock vermisst diesen Sound. Wir vermissen die Formel 1, in die wir uns als Kinder vor dem Fernseher verliebt haben", sagt er. Das Event zu seiner Rückkehr in den Sport genoss augenscheinlich jeder, der anwesend war: "Es war schön, allen hallo zu sagen. Und es waren nicht nur die Renault-Mechaniker, denn alle standen draußen in der Boxengasse."

Während der TV-Interviews nach dem Qualifying beschallte der Sound des R25 das Areal des Yas Marina Circuit. Den Altgedienten im Paddock war die Geräuschkulisse nicht neu, und dennoch wurden sie von diesem Alltagsproblem längst vergangener Tage irgendwie überrascht. "Ein echtes Auto...", schmunzelte Wolff, als die Durchfahrt Alonsos auf Start-und-Ziel ihm am Mikrofon von Sky UK ins Wort fiel.

"Ich glaube, das verkörpert einen schönen Spirit, wenn du diese Technologie und diese Ära siehst. Es hat uns in gewisser Weise alle vereint", so Alonso, der auch im Cockpit vom Charakter seines ehemaligen Dienstfahrzeugs mitgerissen wurde. "Du fühlst die Vibrationen, du spürst alles. Es ist ein sehr leichtes Auto und du spürst all die Emotionen", erklärt er. "Ich habe zwar die Maske auf, aber ich werde wahrscheinlich noch bis 2021 grinsen."

Alonso ohne Selbstbeherrschung: Langsam ging nicht

Wie sehr sich die Formel 1 in den letzten 15 Jahren allein optisch verändert hat, wurde beim Fotoshooting vor der Renault-Box deutlich. Der R25 mutete neben dem R.S.20 wie ein Formel-3-Auto an. Das letzte Weltmeister-Auto mit einem V10-Motor misst 4,800 mm in der Länge, bei einer Breite von 1,800 mm und einer Höhe von 950 mm. Der 2020er Boliden hat nur Letztere mit ihm gemein und ist 200 mm breiter sowie 625 mm länger.

Mit den kompakten Chassisabmessungen und dem nur rund 90 kg schweren Motor der letzten 3-Liter-V10-Generation galt 2005 ein Mindestgewicht von 600 kg inklusive Fahrer. Im Jahr 2020 liegt es bei 746 kg. "Wir fahren die gleichen Zeiten wie die Autos im Rennen, was ziemlich beeindruckend ist. Du weißt, dass es sich schnell anfühlt. Es hört sich fantastisch an und es hört sich schnell an", schwärmt Alonso.

Er konnte sich nicht einfach auf ein paar gemütliche Demorunden beschränken. "Ehrlich gesagt kann ich mit diesem Auto nicht langsam fahren. Jedes Mal, wenn ich in diesem Cockpit oder diesem Auto sitze, mit all den Erinnerungen, ist es für mich ganz natürlich, schnell zu sein. Der Speed ist unglaublich. Ich weiß, dass es ein altes Auto ist, aber für mich ist es eine perfekte Maschine", erklärt er.

Ricciardo erkennt Vorteile fürs Geschäft

Ricciardo wurde von der Performance des alten Eisens sichtlich überrascht. "Echt? Warte mal, 1:39?! Der geht ja vorwärts!", so der geschockte Australier, der Alonso für seinen Auftritt Rosen streute: "Ich hatte mir die Onboard angeschaut, das war ziemlich cool. Ich glaube, jeder der denkt, dass Fernando zu alt ist - das ist nicht der Fall, so viel ist klar. Der Typ kennt nur eine Geschwindigkeit, und die heißt schnell."

Neben der F1-Tauglichkeit Alonsos wurde ihm allerdings auch ein wichtiger kommerzieller Aspekt der Aktion bewusst. "Das ist wie bei einem Kampfflugzeug, einer F-18. Wenn die elektrisch wäre, würde das auch nicht cool aussehen, oder? Das macht auch der Sound, er schafft eine Atmosphäre. Dafür bezahlen die Leute, denn so etwas begeistert sie", sagt er.

Er hat keinen Zweifel daran, dass die Geräuschkulisse ein Element ist, dass das Produkt Formel 1 für die Zuschauer wieder anziehender machen würde. "Versteht mich nicht falsch, visuell haben die Autos heute einen größeren Wow-Faktor als je zuvor, weil sie so schnell sind. Aber sie haben nicht diesen einschüchternden Sound, dieses Getöse und Geschreie", so Ricciardo.

Mercedes-Boss Wolff sieht Potential für F1

Den Sound zurückzubringen, ist in Anbetracht der heutigen kommerziellen Ausrichtung der Automobilbranche allerdings nicht so einfach. "Die Autos mit diesem Motor sind ein Relikt der Vergangenheit, als die Reduktion von CO2-Emissionen noch niemand interessiert hat und E-Mobilität nicht auf der Agenda war", ordnet Wolff den unterhaltsamen Showrun trotz der emotionalen ersten Reaktion wirtschaftlich nüchtern ein.

Als ehemaliger Rennfahrer kann sich der Mercedes-Teamchef der Anziehungskraft allerdings auch nicht verschließen, zumal der Sound für ihn nicht der alleinige Grund für das Spektakel war. "Sie waren zwar viereinhalb Sekunden langsamer als wir, aber es sah aus, als wäre es schneller. Die Formel 1 kann immer lernen. Was hat es so attraktiv gemacht? War es eine audiovisuelle Erfahrung? Ich habe die Bilder auch ohne Sound gesehen und es war immer noch toll", so der Österreicher.


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