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Formel 1

Formel-1-Analyse Mugello: Gewinner & Verlierer des Crash-Chaos

Zwei Rotphasen, acht Ausfälle: Im Formel-1-Rennen von Mugello ging es rund. Warum Verstappen, Bottas, Ricciardo und Russell sich richtig ärgern dürfen.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 hinterließ beim ersten Antreten in Mugello ein großes Chaos. Und dennoch präsentierte das Rennergebnis ein Bild, wie man es von fast jedem GP der Saison 2020 kennt: Zwei Mal Mercedes vorne. Lewis Hamilton vor Valtteri Bottas. Ein Red Bull - wenngleich zum ersten Mal Alex Albon - als Dritter auf dem Podium.

Während Lewis Hamilton und Mercedes als große Gewinner abreisen, haben also offensichtlich viele Fahrer und Teams im Chaos große Chancen verspielt. Valtteri Bottas und Max Verstappen trauern dem Sieg nach, Daniel Ricciardo dem ersten Podium seit dem Renault-Comeback, und George Russell seinem ersten WM-Punkt. Motorsport-Magazin.com rollt in der Rennanalyse auf, wer zu den Gewinnern und Verlierern zählt.

Mugello - Mercedes gewinnt: Rote Flaggen lösen Reifen-Sorgen

Die größten Gewinner sind in Mugello die, die auch tatsächlich ganz oben auf dem Podium standen: Lewis Hamilton und Valtteri Bottas konnten nach dem Ausfall von Max Verstappen unbeeindruckt vom Chaos hinter ihnen den Doppelsieg locker nach Hause fahren.

Vor dem Rennen hatte Mercedes noch zwei Sorgen: Potenzielle Restarts, und die Abnutzung der Reifen. Sie fürchteten Verstappen und Red Bull. "Unser Plan war, eine Zweistopp zu erzwingen", verrät Chefingenieur Andrew Shovlin. "Wir dachten, eine Einstopp sei nicht unmöglich, aber wenn wir das vorne mit langsamem Tempo zu einer Einstopp hin gemanagt hätten, dann gehst du die ganzen Risiken ein."

Stattdessen wollten sie sofort Tempo machen und mit hoher Pace eine Vorentscheidung herbeiführen. Doch Verstappens Ausfall entfernte die einzige echte Gefahr. Als Valtteri Bottas zur Rennmitte auf dem Medium-Reifen plötzlich trotzdem Vibrationen von den Vorderreifen meldete, konnte es sich die Box leisten, die Fahrer zum Sicherheits-Stopp zu holen und danach mit der Bitte einzubremsen, von den Kerbs fernzubleiben.

Hamilton und Bottas kontrollierten in Mugello das Rennen - Foto: LAT Images

"In seinen Augen war es Silverstone nicht unähnlich", beschreibt Shovlin Bottas' Beschwerden. "Aber es war wirklich ein Übermaß an Vorsicht. Denn an dem Punkt im Rennen fuhren nur unsere zwei Jungs gegeneinander, und uns war es lieber, wenn sie das taten, ohne Auto und Reifen extra zu belasten."

Mugello - Hamilton gewinnt zweite Chance, Bottas verliert

Von den beiden dominanten Mercedes konnte dann aber nur einer gewinnen. Das war Lewis Hamilton. Obwohl er den ersten, den eigentlichen Start ins Rennen etwas verschlafen hatte und von Bottas kassiert wurde. Hamilton bekam eine zweite Chance, nach der ersten von zwei roten Flaggen folgte wieder ein stehender Start. Den gewann Hamilton.

Ein kritischer Moment. Denn Hamilton hatte nun freie Fahrt und saubere Luft. Das sollte Bottas schnell herausfinden: "Ich habe mein Bestes gegeben und richtig hart gepusht, besonders im mittleren Stint. Dadurch konnte ich den Abstand beibehalten. Aber wenn man hinten liegt, rutscht das Auto mehr und verbraucht die Reifen mehr."

Er fuhr sich seine Medium-Reifen bei der Jagd auf Hamilton im ersten und einzigen echten Rennstint kaputt, ohne nennenswerte Ergebnisse. Hamilton fragte noch am Funk nach, warum er denn stoppen müsse - seine Reifen fühlten sich noch gut an.

Einen Mangel an Pace kann man Bottas nicht vorhalten. Wieder waren es seine schlechten Starts, die den Ausschlag gaben. "Der Rennstart war perfekt", klagt er. Er hätte ihn zweimal wiederholen und Hamilton in die Dirty Air zwingen müssen, dann hätte er gewinnen können.

Mugello - Red Bull verliert: Albon schafft nur Schadensbegrenzung

Gewinnen können hätte in Mugello auch Red Bull, da ist sich das Team fast sicher. Mit Alex Albon brachten sie zwar einen Fahrer hinter Mercedes auf den dritten Platz, doch die Nummer eins Max Verstappen erlebte ein Desaster. Ein vermutetes Elektronik-Problem ruinierte seinen Start und warf ihn ins Mittelfeld zurück. Dort wurde er nach zwei Kurven unschuldiges Unfallopfer.

"Wir haben jetzt gesehen mit dem Albon, der Speed ist sehr wettbewerbsfähig", ärgerte sich Red Bulls Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko während der zweiten Rot-Unterbrechung beim ORF-Interview. "Die Reifen waren besser als Mercedes. Mit Max war die reelle Gewinnchance da."

Mit Albon konnte Red Bull Mercedes nicht unter Druck setzen. Er zeigte zwar besonders im letzten Drittel des Rennens gute Rundenzeiten, doch wie Bottas ruinierte er sich sämtliche Chancen an der Ampel. Zuerst fiel er beim Start hinter den über die Renndistanz chancenlosen Ferrari von Charles Leclerc zurück, beim Restart dann auch noch hinter Sergio Perez, Lance Stroll und Daniel Ricciardo.

Wie bei Bottas wurde es für ihn im Renn-Mittelteil ein Kampf ohne frische Luft: "Auf dieser Strecke ist das Überholen nicht einfach und ich habe im ersten Stint die Reifen sehr beansprucht, um an anderen Autos vorbeizukommen." Nur Perez schaffte er, Stroll jagte er im zweiten Stint neun Runden bis zu dessen Ausfall durch Crash, was die zweite rote Flagge auslöste.

Mugello - Ricciardo & Russell verlieren: Podium & Punkte weg

Dass Albon überhaupt noch aufs Podium kam, verdankt er eben dieser Unterbrechung. Denn auch im zweiten Stint musste er seine Reifen wieder hart rannehmen, um auf Stroll aufzuschließen. Hätte er Stroll überholt, wäre das nur Platz vier gewesen. Er hätte auf seinen alten Medium-Reifen auch den Renault von Daniel Ricciardo kassieren müssen.

Der hatte auf seinem dritten Rang freie Fahrt und seine Medium-Reifen im Gegensatz zu Albon bestens unter Kontrolle. "Er hatte genügend Pace in der Hinterhand", ärgert sich Renaults Rennleiter Alan Permane. "Er wusste, wo Lance war, er hielt ihn aus dem DRS. Er wusste, er musste nur ins Ziel kommen. Und auch unsere Reifen - wir wussten von den Longruns am Freitag, wir fuhren das Auto viel lockerer. Wir hatten keine Sorgen, es nicht ins Ziel zu schaffen."

Durch die rote Flagge wurden aber die Karten neu gemischt. Stroll war mit seinem Crash aus dem Spiel, und sowohl Albon als auch Ricciardo wechselten für den kurzen Schluss-Sprint auf Soft. Renaults Reifen-Vorteil war weg. "Es ist schade, aber wir waren nicht schnell genug, um Red Bull oder Mercedes in einem ausgeglichenen Kampf zu schlagen", sagt Permane. "Und das war es in diesen letzten zwölf Runden."

Während Renault ein verlorengegangenes Podium betrauert, erwischte es unter der letzten roten Flagge auch den Williams von George Russell. "Wir waren ausgezeichnet unterwegs, Position neun war absolut unter Kontrolle und schon im Sack", ärgert der sich. Ein neunter Rang wurde zu einem elften.

Die Reifen-Strategien beim F1-GP von Mugello - Foto: Pirelli

Die Geschichte bleibt die gleiche - wenngleich mit Variation: Russell hatte freie Fahrt, weil sein Williams zu langsam war, um den Anschluss an die Autos vor ihm zu halten. Doch hinter ihm blieben die zwei Ferrari stecken. "Der Williams war teilweise schneller als wir und hatte weniger Probleme mit abbauenden Reifen", erklärt Sebastian Vettel.

Das Glück kam ihnen zu Hilfe. Als Lance Stroll in Runde 43 crashte, wurde zuerst das Safety Car ausgerufen. Williams holte Russell sofort zum Reifenwechsel, doch Ferrari pokerte und ließ Leclerc auf der Strecke. Das ging auf, zwei Runden später wurde abgebrochen, Leclerc durfte gratis die Reifen wechseln und blieb vor Russell.

Beim letzten Neustart verlor Russell mit zu viel Wheelspin dann Plätze an Vettel - und an Räikkönen, der eigentlich schon eine Runde zurückgelegen war, sich aber unter Rot zurückrunden hatte dürfen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände kostete Williams also die ersten Punkte der Saison.


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