Motorsport-Magzain.com Plus
Tipp
Formel 1

Formel 1 Mugello-Trainingsanalyse: Red Bulls Wiederauferstehung

Red Bull kämpft in der Formel-1-WM 2020 verzweifelt um den Anschluss. Und den könnte Max Verstappen in Mugello tatsächlich schaffen. Doch Mercedes droht.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Nach dem großen Sieg von Silverstone kehrte Red Bull in der Formel-1-Saison 2020 auf den Boden der Tatsachen zurück. In keinen der darauffolgenden Rennen hatten sie eine Chance gegen Mercedes, in Monza versanken sie im Mittelfeld. Neuer Anlauf also in Mugello - und der Kampf um die Rehabilitation beginnt.

Er beginnt nicht einmal schlecht: Max Verstappen kämpfte sich im zweiten Training am Freitag bis auf 0,246 Sekunden an die Trainings-Bestzeit von Valtteri Bottas heran, und verlor gar nur 39 Tausendstel auf Lewis Hamilton. Aber kann er den übermächtigen Mercedes wirklich Paroli bieten? Die Trainings-Analyse zum Toskana GP.

Verstappen findet auf eine Runde Anschluss

Dass Verstappen diesmal wieder eindeutig auf den dritten Platz vorfuhr, stimmte den Niederländer schon einmal zuversichtlich: "Wir können ganz zufrieden mit dem Verhalten des Autos sein, und wir sind nicht allzu weit von Mercedes weg, das ist gut." Die Balance-Probleme, mit denen Red Bull schon die ganze Saison kämpft und die mit dem Low-Downforce-Paket in Spa und Monza besonders gravierend zum Vorschein traten, sollen sich auf der kurvigen Achterbahn von Mugello deutlich entspannt haben.

Red Bull kann jetzt im Qualifying den Beweis für die These antreten, dass das Verbot der Motor-Modi ihnen tatsächlich hilft. In Monza verwiesen sie auf die einzigartige Charakteristik der Power-Strecke. In Mugello vertrauen sie darauf, dass sie durch das deutlich konventionellere Layout wirklich auf eine Runde die Lücke verringern können. In den Geschwindigkeitsmessungen tauchen die Red Bulls von Verstappen und Albon diesmal auch tatsächlich ganz vorne auf, und oft vor Mercedes.

Dort bleibt man aber nach dem Training betont entspannt. "Da ist noch sehr viel an Rundenzeit zu holen", gibt Valtteri Bottas nach seiner Bestzeit zu Protokoll, wie auch Hamilton noch viel Luft nach oben sieht.

Mugello überrascht die Formel-1-Teams

Pirelli berichtet nach dem Training vor allem von starkem Reifenverschleiß durch die anspruchsvolle Strecke und vom Abrieb durch den Asphalt. Graining beobachteten sie nicht, und auch keine Blasenbildung - trotz der Hitze, im 2. Training kletterte die Streckentemperatur auf über 40 Grad. "Blasenbildung könnte im Rennen ein Thema werden, ist aber kontrollierbar", schätzt Pirelli-Sportchef Mario Isola.

Die Teams schielen schon auf eine Einstopp-Strategie. Ursprünglich hatte Pirelli, obwohl sie die härtesten Reifen nach Mugello gebracht hatten, noch mit einer Zweistopp gerechnet, doch diese Prognose wird immer unwahrscheinlicher. "Sie waren okay, eigentlich haben sie sogar sehr gut gehalten", beurteilte Lewis Hamilton die Reifen.

Pirelli warnt: Zweites Silverstone bei Einstopp nicht ausschließen

Aber die hohe Belastung der Reifen - durch die Highspeed-Passagen wie Arrabbiata besonders links vorne - birgt Gefahren, die nach dem ersten Silverstone-Rennen nur allzu gut bekannt sind. Pirelli warnt daher auch davor, eine Einstopp bis aufs Äußerste zu strapazieren.

Die Fahrer glauben nicht an diese Gefahr. "Sie halten sich überraschend gut, keine Ahnung warum sogar die Softs so gut abliefern", meint Alex Albon. "Es sieht alles ganz vernünftig aus. Ich glaube nicht, dass wir die Probleme von Silverstone haben werden."

Überrascht zeigte man sich auch von der Performance-Differenz zwischen den Soft- und den Medium-Reifen. Das Delta liegt mit 0,9 Sekunden höher als erwartet. Ein deutlich schnellerer Soft könnte es im Qualifying schwierig machen, sich auf Medium zu qualifizieren, und sich so optimal für eine Einstopp aufzustellen.

Racing Point mischt in Mugello wieder mit

Zwei rote Flaggen brachten das zweite Training in Mugello außerdem zum Stillstand und kosteten den F1-Teams wertvolle Zeit auf der unbekannten Strecke. Die zweite Rotphase stoppte Longruns vieler Teams - als Konsequenz fuhren Hamilton und Bottas nur zwei Runden auf den Soft-Reifen.

Longruns Soft-Reifen

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Hamilton 12 2 1:22.569
Verstappen 10 4 1:22.788
Bottas 11 2 1:22.944
Vettel 11 5 1:23.381 *
Latifi 11 4 1:23.476 *
Ocon 13 7 1:23.564
Gasly 12 3 1:23.778
Albon 15 5 1:23.792
Sainz 20 8 1:23.809
Ricciardo 16 11 1:23.876
Perez 18 12 1:23.981
Räikkönen 15 9 1:24.019
Stroll 19 13 1:24.174
Giovinazzi 18 11 1:24.325
Kvyat 15 5 1:24.531
Russell 18 11 1:24.729
Magnussen 15 5 1:25.554

*: Vettel und Latifi fuhren die Reifen antizyklisch im zweiten Stint.

Auf den verkürzten Soft-Longruns fuhren Hamilton, Verstappen und Bottas dem Feld klar davon. Auf den längeren Medium-Longruns, die alle nach der zweiten Rotphase fuhren, mischte sich das Feld hingegen durch. Unter dem Strich fuhren Verstappen und Bottas auf einem Level, und die Racing Points von Lance Stroll und Sergio Perez schoben sich in das Bild.

Longruns Medium-Reifen

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Stroll 17 8 1:22.525
Verstappen 14 8 1:22.638
Bottas 16 8 1:22.688
Perez 15 8 1:22.725
Albon 12 2 1:23.126
Ocon 15 8 1:23.375
Kvyat 17 9 1:23.603
Giovinazzi 16 7 1:23.911
Latifi 19 5 1:24.800
Vettel 25 14 1:25.136 *

*: Vettel fuhr die Reifen antizyklisch im ersten Stint.

Die Racing Points hatten sich im Qualifying-Trimm und mit den Soft-Reifen noch im Mittelfeld herumgetrieben, auf Medium setzten sie sich von dort ab. "Das Auto fühlt sich gut an und wir haben uns heute ein bisschen mehr auf unsere Renn-Pace konzentriert", erklärt Sergio Perez. Das wird ihnen allerdings nur bedingt helfen - mit einem durchschnittlichen Startplatz und schlechten Soft-Zeiten würden sie im Mittelfeld hängen bleiben.

Renault und AlphaTauri folgen. Der Status quo von vor Monza scheint wiederhergestellt, denn auch Ferrari hält dort wieder Anschluss, wenngleich die Fahrer weiterhin mit dem SF1000 kämpfen. Sowohl Sebastian Vettel als auch Charles Leclerc wurden durch Dreher auffällig.

Aber viele Teams klagten nach dem Training über eine überraschend rutschige Strecke mit wenig Grip. McLaren zählte zu den größten Opfern, ihre Fahrer kamen mit dem Auto am Freitag noch überhaupt nicht zurecht. Sie rechnen damit, dass noch viel Potential im Auto steckt - wenn sie nur den Balance-Sweetspot über Nacht finden.

Longruns Hard-Reifen

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Hamilton 16 6 1:22.755
Ricciardo 16 11 1:23.067
Gasly 17 7 1:23.448
Räikkönen 22 9 1:24.042
Russell 14 6 1:24.339
Magnussen 16 7 1:24.975

Motorsport-Magzain.com Plus