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Formel 1 Rennanalyse Monza: Mercedes führt Ferrari vor

Lewis Hamilton siegte beim Italien GP dank einer Meisterleistung der Mercedes-Strategen. Ferrari schlägt sich beim Heimspiel selbst. Die Renn-Analyse.
von Christian Menath
Wie Mercedes Ferrari austrickste - Italien GP 2018 (Analyse): (21:32 Min.)

Der Italien GP 2018 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Monza wurde einmal mehr seinem Ruf gerecht und lieferte Windschattenduelle, wie sie auf keiner anderen Strecke zu sehen sind. Sogar mit modernen Formel-1-Autos kann man hier noch überholen - selbst wenn der Performance-Unterschied nicht gravierend ist.

Lewis Hamiltons Sieg ging zur Hälfte auf die Fahrkünste des Briten. Seine Leistung war nicht nur fehlerfrei, sondern auch angriffslustig. Zur anderen Hälfte aber ging sie auf das Konto der Mercedes-Strategen.

Denn Hamilton siegte nicht im schnellsten Auto - und ging trotzdem auf der Strecke vorbei. Eine Konstellation, wie sie im Motorsport eigentlich unmöglich ist. Die meisten Rennen im Motorsport sind langweilig, weil die schnellsten Autos vorne starten. So zieht sich das Feld auseinander. Und wenn der Schnellere hinten ist, kommt es zum Überholmanöver und die Spannung ist vorbei.

Formel 1 2018: Top-Themen nach dem Italien GP: (10:53 Min.)

Ferrari oder Mercedes: Wer hatte in Monza das schnellste Auto?

In Monza 2018 lief es anders. Der Ferrari - das schnellste Auto - startete vorne. Und trotzdem gab es das gesamte Rennen über einen epischen Zweikampf. Warum der Mercedes langsamer gewesen sein soll? Weil Kimi Räikkönen nach der Safety-Car-Phase sofort kontern konnte, als er am Restart von Lewis Hamilton überholt wurde. Hamilton konnte das anschließend nicht mehr.

"Ich glaube, wir hatten heute das schnellste Auto", hält Mercedes Motorsportchef Toto Wolff dagegen, fügt aber an: "Wir haben die wahre Pace von Sebastian nicht gesehen." Vettels Bolide war nach der Startkollision mit Lewis Hamilton stark beschädigt. Und Vettel war es, der abgesehen vom Q3 das Wochenende dominierte. Räikkönen hatte eigentlich keine Chance gegen den Deutschen.

Heißt: Im schnellsten Auto saß nicht unbedingt der schnellste Fahrer - auch wenn das die vielen Räikkönen-Fans an dieser Stelle wohl lieber nicht lesen würden. Aber Zahlen lügen nicht - genauso wenig wie unsere Trainings-Analyse vom Freitag.

Hamilton hatte nur eine Chance, weil sich Räikkönen nicht absetzen konnte. So profitierte er ständig vom Windschatten des Iceman. Doch wenn es 53 Runden lang so gegangen wäre, wären Räikkönen und Hamilton wohl auch in dieser Reihenfolge ins Ziel gefahren. Aber glücklicherweise gibt es noch die Boxenstopps. Und selbst bei einem Einstopp-Rennen gibt es Taktik.

Das zeigte schon das Formel-2-Rennen am Samstag, in dem der spätere Rennsieger Tadasuke Makino von Platz 14 startete, seinen ersten Stint einfach ewig in die Länge zog und erst ganz spät zum Stopp kam. Sebastian Vettel machte es 2010 in Monza ähnlich, für ihn ging es damals aber 'nur' um Rang vier.

Mercedes hat anderthalb Eisen im Feuer

Monza nimmt die Reifen kaum ran, deshalb kann der Zeitpunkt des Reifenwechsels relativ frei gewählt werden. Das Boxenstoppfenster ist groß wie sonst nur in Monaco. Genau damit spielte Mercedes Ferrari aus. Nach Vettels Abflug hatte Ferrari nur noch ein Eisen im Feuer. Mercedes noch anderthalb. Valtteri Bottas wurde am Start von Max Verstappen überholt und war deshalb nicht direkt am Führungsduo dran.

Mit Bottas hinter Hamilton hätte Mercedes Ferrari mit einem frühen Stopp einfach unter Druck setzen können. Ferrari hätte sich dann entscheiden müssen, welchen der beiden Piloten man covert. So aber hatte man in erster Linie nur Hamilton als Druckmittel.

Als das Boxenstoppfenster aufging, bereitete Mercedes die Boxencrew vor. Als Kimi Räikkönen in Runde 20 zum Stopp kam, ging die Mercedes-Truppe aber wieder zurück in die Garage und Hamilton blieb draußen. Einige warfen Mercedes vor, die Regeln gebrochen zu haben. Denn Finten mit der Boxencrew sind nicht mehr erlaubt.

Doch Toto Wolff verteidigt seine Mannschaft: "Es war kein Phantomstopp. Wir wollten nur genau das Gegenteil von dem machen, was Ferrari macht." Als Räikkönen zum Stopp kam, musste Hamilton also draußen bleiben. Sonst wäre der Zweikampf mit ähnlichen Mitteln weitergegangen. Das wollte Mercedes auf keinen Fall.

Hamilton bleibt draußen - und verliert auf Räikkönen

In freier Fahrt konnte Hamilton die Pace etwas anziehen, doch Räikkönen konnte auf frischen Reifen nachziehen. Nach wenigen Runden kam der Punkt, an dem Hamilton nicht mehr mitgehen konnte. Das war spätestens der Punkt, an dem der Overcut nicht mehr funktionieren würde.

Mercedes reagierte und verlängerte Hamiltons Stint weiter. Von Runde 21 bis Runde 27 schrumpfte sein Vorsprung auf Räikkönen um rund fünf Sekunden. Viele dachten hier schon, Mercedes hätte sich verzockt und Hamilton nun zu lange draußen gelassen. Außer natürlich, eine Safety-Car-Phase würde Hamilton Zeit beim Stopp schenken.

Doch falsch gedacht: Mercedes wollte Hamilton solange wie nur vertretbar draußen lassen, damit später der Reifen-Unterschied möglichst groß ist. Je größer der Unterschied, desto eher hat Hamilton eine Chance, auf der Strecke an Räikkönen vorbeizugehen.

Gleichzeitig hatte Mercedes noch ein Eisen im Feuer: Valtteri Bottas. Der Finne war ebenfalls noch nicht in der Box und fuhr deutlich langsamer als Räikkönen und Hamilton. So lief Räikkönen in Runde 28 auf seinen Landsmann ohne Stopp auf.

Bottas kostet Räikkönen fünf Sekunden

Bottas' Aufgabe war klar: Unter keinen Umständen durfte Räikkönen vorbeigehen. Jede Runde, die der Ferrari-Pilot hinter Bottas fährt, ist eine gewonnen Runde für Hamilton. Just bevor Räikkönen auf Bottas auflief, kam Hamilton zum Stopp.

Die Konstellation war nun ideal für Hamilton. Im Verkehr verlor Räikkönen zwischen Runde 29 und 33 fast die gesamten fünf Sekunden, die er sich zuvor mühevoll erkämpfen musste. Hamilton war nun mit deutlich frischeren Reifen direkt im Heck des Ferrari. In Runde 36 bog endlich Bottas vor Räikkönen in die Box ab.

Es dauerte weitere acht Runden, bis Hamilton den ersten richtigen Angriff auf Räikkönen startete. Und schon der erste Angriff saß, der WM-Führende übernahm in Runde 45 auch die Führung beim Italien GP. Räikkönen brach anschließend ein, seine Hinterreifen litten unter starkem Blistering.

Doch wie konnte es dazu kommen? Der frühe Stopp alleine war nicht dafür verantwortlich. Aber die Gesamtkonstellation: Weil Hamilton nach Räikkönens Stopp auf abgefahrenen Reifen Druck ausüben konnte, musst der Finne seine nagelneuen Pirelli-Pneus gleich richtig rannehmen. Hamilton ließ Räikkönen keine einzige Sekunde Verschnaufpause im Fernduell.

Und dann lief Räikkönen auch noch auf Bottas auf. Im Verkehr leiden die Reifen noch ein wenig mehr - selbst in Monza. Als Hamilton dann direkt hinter Räikkönen war, musste er nur noch abwarten. "Ich konnte sehen, dass er seine Reifen in gewissen Kurven killt. Ich dachte mir schon, dass er das nicht besonders lange machen kann. Und so war es dann auch", erklärte Hamilton.

Räikkönen nimmt Reifen zu hart ran

Räikkönen fuhr für jedermann offensichtlich aggressiver, musste mehr ans Limit gehen, um Hamilton hinter sich zu halten. Nahezu in jeder Runde kam dem Iceman am Ausgang der Variante della Roggia das Heck. Gepaart mit dem Reifenalter konnte das nicht gut gehen.

Viele stellten nach dem Rennen Mercedes' Methoden in Frage. Einige sahen darin mehr als nur eine Teamorder. Sie sahen gar eine Teamtaktik. Ein Fahrer wurde nur dafür missbraucht, einen anderen Fahrer zu behindern. Aber stimmt das wirklich?

"Valtteris Strategie hat nicht nur für Lewis funktioniert, sondern auch für ihn selbst", erklärt Wolff. Für Bottas galt im Kampf gegen Verstappen genau das gleiche wie für Hamilton gegen Räikkönen. Je ähnlicher die Mittel, desto unwahrscheinlicher ist ein Überholmanöver. "Indem wir so lange wie möglich draußen blieben, haben wir den größtmöglichen Reifen-Unterschied für das Rennende geschaffen", so Wolff. Außerdem verlor Bottas währenddessen keine Zeit auf Verstappen.

Bottas selbst bestätigt: "Wir sind vor dem Rennen durch alle Szenarien gegangen und bei diesem Rennen hier gibt es beim Boxenstoppzeitpunkt nur eine minimale Differenz bei der absoluten Rennzeit, weil die Reifen so lange halten. Mein Rennen wurde also nicht geopfert, solange ich Kimi hinter mir gehalten habe. Wenn er mich überholt hätte, hätte ich natürlich Zeit verloren."

Am Ende ging der Plan perfekt auf: Mit frischeren Reifen konnte Bottas Verstappen angreifen. Für den Überholvorgang sorgte Verstappen schließlich selbst, indem er Bottas abdrängte und dafür eine Strafe kassierte.

Mercedes schlug Ferrari in Monza mit einem überragenden Lewis Hamilton und am Kommandostand. Erst trieb Mercedes Ferrari in den frühen Stopp, dann wurde Hamiltons Stint zusätzlich verlängert. Gleichzeitig wurde Bottas perfekt eingesetzt, ohne sein Rennen zu opfern. Bei all dem trieb Mercedes Räikkönen auch noch in die Reifen-Falle. Besser geht es kaum.

Wie Mercedes Ferrari austrickste - Italien GP 2018 (Analyse): (21:32 Min.)


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