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Daniel Ricciardo im Interview: Warum unterschreibst du nicht?

Daniel Ricciardos Poker um einen neuen Vertrag bei Red Bull zieht sich hin, obwohl die Alternativen schwinden. Motorsport-Magazin.com hakte bei ihm nach.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Daniel Ricciardo [blickt auf unser Magazin-Cover]: Bestes Rennen des Jahres! Oder?

Das heißt Dreikampf deluxe.
Daniel Ricciardo: Das wäre lustig.

Das Magazin erscheint leider nur alle zwei Monate, vielleicht ist der Titel nicht mehr ganz so aktuell. Damals warst du noch mehr im WM-Kampf.
Daniel Ricciardo: Jetzt nicht so sehr. Eh. Es ist okay. Ich habe in Monaco gewonnen! [lacht]

Normalerweise bist du ein sehr angenehmer Interviewpartner, man brauch nicht so viele Fragen wie bei deinem Teamkollegen vorbereiten, weil du viel erzählst. Diesmal ist es aber schwieriger, weil du in der Luft hängst. Warum ist es so schwierig für dich, bei Red Bull zu unterschreiben? Realistisch betrachtet ist es die einzig sinnvolle Option für dich. Kein Top-Team hat einen Platz frei.
Daniel Ricciardo: Ich glaube, es gibt noch immer Unsicherheiten. Die bleiben aber wohl so lange, bis das Auto im nächsten Jahr auf der Strecke fährt. Ich nehme an, Honda gehört da dazu. Ehrlich gesagt sind Mercedes und Ferrari ziemlich dominant, auch wenn wir ein paar Rennen gewonnen haben. Es ist schwer vorstellbar, dass sie jemand im Titelkampf wirklich herausfordern kann. In diesem Jahr kommen wir vielleicht nahe ran, aber ... Ich versuche einfach herauszufinden, ob es realistisch ist, dass Red Bull und Honda diesen nächsten Schritt machen können. Ich will es natürlich glauben, und so gut wie möglich verstehen.

Was schaust du dir da an? Daten, oder besprichst du es zum Beispiel mit Dr. Marko, weil er die Daten von Toro Rosso kennt? Was willst du sehen? Neben dem Geld natürlich...
Daniel Ricciardo: Ich rede mit den Leuten, die im Moment mit Honda arbeiten. Da bekomme ich jetzt schon ein paar Analysen. Ich will einfach verstehen, warum sie in den letzten Jahren so gescheitert sind, und wo die große Verbesserung jetzt herkommen kann. Ihre Anlagen, das alles ist Wahnsinn, da gibt es sicher viel Potential. Aber bis jetzt haben sie das ganze Potential nicht wirklich ausgenutzt. Es geht darum, zu verstehen: Haben sie ein kleines, magisches Detail verpasst, welches sie im nächsten Jahr finden wollen? Ich will einfach Vertrauen in die Sache gewinnen.

Hast du den perfekten Zeitpunkt für den Vertrag verpasst? Nach deinem Sieg in Monaco und Max' Krise wäre es vielleicht ganz gut gewesen.
Daniel Ricciardo: Nein ... nein, ich glaube der Zeitpunkt war nicht perfekt, was das ganze Drumherum angeht. Ich finde jedenfalls, ich habe alles gemacht, was möglich war. Zwei der ersten sechs Rennen gewonnen, besonders Monaco. Die anderen zwei Top-Teams hatten wohl andere Pläne. So ist es eben.

Daniel Ricciardo stellt sich den Fragen von Motorsport-Magazin.com-Redakteur Christian Menath - Foto: Sutton

Ist es wie beim Kaufen von Aktien...
Daniel Ricciardo: Ich kaufe keine Aktien [grinst].

Nach Monaco müsste deine Aktie auf einem Allzeithoch gewesen sein. Der Preis geht rauf und runter.
Daniel Ricciardo: Nein. Es ist ja auch das erste Mal, dass ich in solch einer Position bin. Dann gibt es viele Leute, die dir helfen wollen, die dir Ratschläge geben wollen. Da bekommst du wahrscheinlich mehr Informationen als du brauchst, dann ist es ... 'aargh'. Du bist wo nah dran, dann woanders, es ist ... Da brauche ich einfach ein bisschen Zeit für mich, damit ich alles ordnen kann. Schließlich ist es meine Karriere, da muss ich rausfinden, was für mich persönlich am besten ist.

Max war zu Saisonbeginn nicht so gut unterwegs und Red Bull braucht jemanden mit Erfahrung, der Ergebnisse einfährt. Das warst du. Jetzt sieht es so aus, als ob Max wieder besser dabei ist, und Red Bull dich nicht mehr so dringend braucht.
Daniel Ricciardo: Ich glaube, die ideale Zeit ist bis zu den Regeländerungen 2020. Wo auch immer ich hingehe, dort muss ich mich langfristig orientieren und eine Zukunft für mich selbst sehen. Es ist ziemlich komplex, nur mache ich es vielleicht auch komplexer als notwendig. Ich will 100 Prozent von dem überzeugt sein, was ich mache. Wenn es eine Woche länger dauert als es dauern sollte, dann akzeptiere ich das.

Letztes Jahr standest du bei der Performance ein wenig im Schatten von Max. Es sah so aus, als würde es mit Vettel, Hamilton und Verstappen die drei herausragenden Fahrer geben und dann gibt es die sehr guten, zu denen du gehörst. In diesem Jahr hast du gezeigt, dass du auch zu diesen herausragenden Piloten gehörst. Hattest du selbst Mal Zweifel, dass du nicht in dieser Liga fährst?
Daniel Ricciardo: Ich habe das Selbstvertrauen sicherlich noch immer. In jeder Saison wirst du immer ein schlechtes Rennen haben, oder ein Rennen wo du nicht verstehst, warum du langsam bist. So läuft das beim Rennfahren. Es gibt Momente, da fragst du dich warum du es an diesem Wochenende nicht zusammengebracht hast. Generell habe ich immer starkes Selbstvertrauen. Sogar jetzt will ich besser sein. Ich will noch immer mehr abliefern, und in diesem Jahr habe ich an den Sonntagen gute Leistungen gezeigt. Es gibt trotzdem noch immer offensichtliche Dinge, die wir lernen. Zum Beispiel manchmal nach dem Qualifying. Es ist einfach immer ein Lernen, und ich will immer schneller lernen!

Was hat sich im Vergleich zum letzten Jahr verändert? Letztes Jahr hast du gesagt, dass die Regeln eher Max entgegenkommen. Hast du dich jetzt besser ans Auto angepasst oder passt das Auto besser zu dir?
Daniel Ricciardo: Ich denke, ich habe mich besser ans Auto angepasst. Ich bin offener an die Sache herangegangen. Vielleicht habe ich einfach weniger Druck auf mich selbst ausgeübt, und jetzt bin etwas entspannter und fahre befreiter. Ich glaube, das hat mir geholfen, damit bin ich beim Fahren glücklicher.

Bei der ein oder anderen Frage verging selbst Daniel Ricciardo das Lachen - Foto: Sutton

Du sagtest, dass von 2016 auf 2017 das Auto irgendwie zu schnell war, dass du dir immer dachtest, du müsstest die Reifen schonen oder was auch immer, dass du zu vorsichtig warst. Ist das jetzt weg?
Daniel Ricciardo: [denkt nach] Zum Teil. Keine Ahnung, ich meine die Autos sind auf jeden Fall schnell, und es macht Spaß ... aber ich weiß nicht. Ich schaue mir Onboards von 2014 oder 2016 an und es war langsamer, aber wir hatten mehr zu kämpfen und hatten normalerweise auch mehr Boxenstopps. Ich glaube hier (in Hockenheim) gab es 2016 ein Drei-Stopp-Rennen. Keine Ahnung, es wird immer Gutes und Schlechtes geben, es wird nie perfekt sein. Meiner Meinung nach ist die Balance des Autos aber etwas einfacher als im Vorjahr. Du kannst mehr driften, ohne gleich abzufliegen. Das Grip-Niveau fühlt sich dennoch manchmal etwas hoch an. Copse zum Beispiel, die alte Kurve 1 in Silverstone, die ging locker voll. Auf der Onboard war es nicht beeindruckend, weil wir einfach einlenken. Wir fahren mit 280 in der Kurve, aber wenn wir vom Gas gehen müssten und etwas rutschen, wäre es vielleicht aufregender. Da bin ich etwas zweigeteilt.

2019 werden die Autos wieder etwas langsamer. Kommt dir das denn wieder etwas entgegen?
Daniel Ricciardo: Hoffentlich. Das wäre gut. Es wird definitiv etwas langsamer werden, mit den Flügeln und so. Wir werden sehen.

In einer Situation wie im letzten Jahr: Wie wichtig ist da der Teamkollege? Er ist der einzige, mit dem du dich vergleichen kannst. Wenn du einen durchschnittlichen Teamkollegen hast, wirst du wahrscheinlich dieses letzte Zehntel nicht finden, weil du denkst, dass du am Limit bist.
Daniel Ricciardo: Ich denke es ist für jeden wichtig, einen starken Teamkollegen zu haben. Damit bleibst du bei 100 Prozent. Du glaubst es vielleicht nicht, aber es geht trotzdem immer ein bisschen mehr, wenn du einen echten Konkurrenten neben dir hast. Er macht das Leben schwerer, aber am Ende des Tages findest du mehr über dich selbst heraus. Du findest heraus, wo das Limit liegt. Das hat uns beiden geholfen, glaube ich. Es hat auch ihm viel geholfen.

Und andererseits - wie schlimm ist es, so einen Teamkollegen zu haben? Wir haben in der Formel 1 und in anderen Serien gesehen, dass der Teamkollege manchmal das Team hinter sich hat. Dann ist irgendjemand immer in seinem Schatten ... es schien manchmal fast so, als ob du dieses Gefühl hattest. In der letzten Saison, und auch in dieser Saison.
Daniel Ricciardo: Ja. Ich meine, ich habe nie darüber nachgedacht, keinen Teamkollegen zu haben und nur ein Auto im Team zu haben. Aber das wäre cool. Es würde weniger Kontroversen geben, und manche Teams davon abhalten, Nummer-1- und Nummer-2-Fahrer zu verpflichten. Am Ende ist es zwar ein Teamkollege, aber du fährst für dich selbst. Jeder versucht den anderen zu schlagen. Ja, ein Fahrer pro Team. Klingt perfekt.


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