Formel 1

Gary Paffett: Warum der 36-Jährige 'Young Driver' für Williams so wichtig ist

Gary Paffett is back! Nach fast vier Jahren Abstinenz kloppte der DTM-Star in Bahrain endlich wieder F1-Kilometer, und gilt dabei als 'Young Driver' - mit Wert.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Da rieb sich der eine oder andere Fan, Experte und Journalist durchaus die Augen: Am zweiten Tag der Formel-1-Testfahrten in Bahrain kletterten bei Williams nicht Routinier Felipe Massa oder der stets nach Track-Time lechzende Rookie Lance Stroll ins Cockpit, stattdessen gab Simulatorfahrer Gary Paffett nach fast vier Jahren Pause sein Comeback als F1-Testfahrer.

Zuletzt war Paffett im Juli 2013 in ein echtes F1-Cockpit gestiegen - damals noch mit McLaren für einen Test in Silverstone. Insgesamt blickt Paffett zurück auf eine durchaus umfassende Testfahrer-Karriere in der Königsklasse, hat zwischen 2001 und 2013 ganze 72 Testtage im F1-Boliden von McLaren verbracht. Nun folgte Nummer 73 - aber mit Williams.

Gary Paffett - 'Young Driver' mit 36 Jahren

Möglich - und nötig - war das wegen der Regularien der Formel 1 für die Testfahrten innerhalb der Saison. An mindestens zwei der vier Tage sind die Rennställe verpflichtet, sogenannte 'Young Driver' einzusetzen. Das soll dem Nachwuchs trotz des begrenzten Test-Programms der Formel 1 der Neuzeit zumindest ein wenig Luft zum Reinschnuppern in die Königsklasse garantieren. Als 'Young Driver' gilt dabei jeder Pilot, der nicht mehr als zwei F1-Grands-Prix bestritten hat. Eine Auflage, die Gary Paffett erfüllt, somit zum 'Young Driver' avancierte - im zarten Alter von 36 Lenzen.

Doch Paffetts Engagement für Williams kommt weder von ungefähr noch ist es ein Einzelfall. Auch McLaren hatte am Dienstag mit Oliver Turvey einen Simulatorfahrer und arrivierten Racer in den MCL23 gesetzt. Während Turvey seinen Job jedoch nur stark limitiert erledigen konnte - nach 17 Runden war der McLaren-Honda einmal mehr eher Fall für Schrottpresse als Rennstrecke -, spulte Paffett am Folge-Tag ein Pensum von satten 126 Runden ab. Öfter umrundete den Kurs nur noch Mercedes-Mann Valtteri Bottas.

Gary Paffett fuhr in Bahrain ein Monsterprogramm für Williams: 126 Runden in der Hitze - Foto: Sutton

Warum Simulatorfahrer auch mal auf die echte Strecke müssen

Doch warum setzt ein Team überhaupt den Simulatorfahrer auch aktiv im Cockpit ein? Das auflösende Zauberwort: Korrelation. Der Simulatorfahrer soll durch sein Engagement auf der realen Rennstrecke Rückschlüsse auf die Qualität der virtuellen Welt im Simulator gewinnen. Oder anders ausgedrückt: Paffett soll lernen, wie sich der Williams-Simulator optimieren lässt, um der Realität noch ein Stück näher zu kommen.

Die Simulatoren sind heute auf einem sehr hohen Level.
Gary Paffett

Paffetts Fazit fällt für Williams überaus erfreulich aus. "Es war sich alles sehr ähnlich. Die Simulatoren sind heute auf einem sehr hohen Level. Sie spiegeln die Kurse perfekt wider", lobt der Brite sein 'Büro' in Grove. "Die Kurse werden ja gescannt und alle Modelle der Autos sind bis aufs kleinste Detail vermessen. Also ist alles, was die Balance des Autos betrifft, da sehr ähnlich. Du könntest die ganze Setup-Arbeit im Simulator machen." Zumindest in der Theorie. Real kommen jedoch Faktoren wie Temperatur, Wind und G-Kräfte dazu.

Aber dann kommst du hier her und denkst 'Wow - das ist eine massive Veränderung!' Also ist es schon gut, ins Auto zu steigen.
Gary Paffett

"Für einen Ingenieur ist der Simulator deshalb großartig, aber für einen Fahrer ist es eine andere Erfahrung", sagt Paffett. Er sei zwar sofort von der ersten Runde klargekommen, doch um so richtig in Fahrt zu kommen, brauche es wegen der genannten Faktoren doch noch ein bisschen. "Aber dann kommst du hier her und denkst 'Wow - das ist eine massive Veränderung!' Also ist es schon gut, ins Auto zu steigen." Genau deshalb betreibe man ja die Simulator-Arbeit - um dann im Auto dasselbe zu machen und danach im Simulator noch einmal.

Paffett fühlte sich auch im Rennteam sofort wohl - Foto: Sutton

Wiedersehen mit Auto-Ingenieur aus McLaren-Zeiten

Integriert ins Team gefühlt habe er sich an der Strecke indes sofort - obwohl er das Rennteam fast nie sehe. "Dave Robson, der heute mein Auto gemanagt hat, war schon bei McLaren als ich damals mit denen getestet habe. Es war wie zurück zu den alten McLaren-Tagen. Da lief also alles glatt", berichtet der DTM-Star. Auch die Kommunikation zwischen der Basis in Grove und dem Team an der Strecke könne besser kaum laufen. "Da gibt es viel Vertrauen zwischen den Ingenieursgruppen", versichert Paffett.

Weiter geht es für Paffett nun in der kommenden Woche wieder im angestammten Simulator - eben für den Rückabgleich mit den Streckendaten und - erfahrungen. Gut geeignet für ein derart akribisches Programm sei der Williams-Simulator inzwischen jedenfalls. "Simulationen sind nicht perfekt darin, dir das Feedback zu geben. Denn manche Dinge passieren im F1-Auto einfach so schnell, dass es sehr hart ist, das zu reproduzieren. Aber wir kommen nah ran", versichert Paffett.

Das ist kein Rennauto. Es fühlt sich nicht im Ansatz wie eines an.
Paffett über den alten Williams-Simulator

Speziell im Zuge eines Umbaus seines Sim-Programms hatte Williams Paffett Anfang 2016 überhaupt verpflichtet. "Als ich mit dem Team Anfang vergangenen Jahres angefangen habe, war das Team den anderen weit hinterher was den Simulator angeht. Ich habe das Auto im Simulator angelassen und gesagt, 'das ist kein Rennauto. Es fühlt sich nicht im Ansatz wie eines an'", erinnert sich Paffett an seine Anfänge in Grove. "Über das Jahr haben wir jetzt einen massiven Schritt gemacht, wir haben viel verändert", berichtet Paffett.

Vor Paffetts Ankunft in Grove war der Williams-Simulator nicht state of the art - Foto: WilliamsF1

Große Fortschritte im neuen Williams-Simulator

Die Stammfahrer seien damit zunächst nicht sehr glücklich gewesen. "Sie waren einfach an den alten Simulator gewöhnt", erklärt Paffett. "Ich habe ihnen dann gesagt, 'ja, aber jetzt ist er so wie es in der Realität ist.'", schildert Paffett von seinen Überzeugungskünsten.

Vergangenes Jahr haben wir noch die Ingenieure gefragt, ob sie im Simulator arbeiten wollen. Jetzt kommen sie und fragen uns, dort zu arbeiten.
Gary Paffett

Die Ergebnisse würden ihm Recht geben. Schritt für Schritt laufe es immer besser. Dafür spricht auch Williams' aktuelle Performance als vierte Kraft der Königsklasse. Nicht wenige hatten die jüngsten Abwärtstrend des Teams sich auch 2017 fortsetzen sehen. Hat der Simulator diese Entwicklung gestoppt? Die Ingenieure jedenfalls würden sich jetzt auf den Simulator verlassen können, sagt Paffett. "Vergangenes Jahr haben wir noch die Ingenieure gefragt, ob sie im Simulator arbeiten wollen. Jetzt kommen sie und fragen uns, dort zu arbeiten. Genau da müssen wir hin. Und da kommen wir jetzt hin. Sie bauen auf unsere Ergebnisse. Es ist jetzt ein echt nützliches Tool." Auf dem Niveau der Top-Team sei Williams zwar noch nicht angelangt. "Aber schon ziemlich nah an der Spitze", meint Paffett. "Ich bin aber vorher nur mit dem von McLaren gefahren. Das war zu der Zeit die Benchmark. Aber von Red Bull, da hörst du ja viel. Aber nur vom großen Geheimnis - da darf außer den Fahrer ja niemand rein", sagt der Brite grinsend. "Aber der ist bestimmt sehr gut, auch der von Ferrari. Aber ich denke, dass auch wir jetzt eine sehr gute Plattform haben."

Neben dem Abgleich mit dem Simulator ging es für Paffett in Bahrain auch um Setup-Arbeit für die nächsten Renneinsätze des Williams - Foto: Sutton

Feinschliff für Williams-Setup und Downforce-Pakete

Doch damit nicht genug der Arbeit für Gary Paffett. Neben der Simulatorabgleiche galt es für Williams in Bahrain, virtuell getestete, neue Teile mit der Realität abzugleichen. "Wir haben heute Morgen fundamentale Aero-Arbeit erledigt. Wir hatten in den vergangenen Monaten noch ein paar Sachen im Simulator erprobt und wollten das hier evaluieren", berichtet Paffett in Bahrain. Dabei handele es sich um eher langfristige Upgrades für das Williams-Konzept.

Am Nachmittag habe man sich dann mehr auf Setup-Arbeit und verschiedene Downforce-Level konzentriert,welche das Auto eher kurzfristig verbessern sollen. Doch wären hier nicht Massa oder Stroll die besseren Tester gewesen - 'Young Driver'-Regel einmal ausgenommen? Nicht unbedingt. Williams-Testchef Rod Nelson: "Es war interessant, die Meinung eines anderen Piloten zu hören und sich anzusehen, wie der Fahrstil eines routinierten Mannes sich unterscheidet." Klingt, als könnten wir Paffett vielleicht bald schon wieder im F1-Paddock begrüßen. In Ungarn steigt der nächste In-Season-Test.


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