Die ersten offiziellen MotoGP-Testfahrten im Kalenderjahr 2026 sind geschafft. Drei Tage lang testete die Königsklasse des Motorradsports ausgiebig auf dem Sepang International Circuit in Malaysia. Zeit für eine erste Analyse: Wie könnte das Kräfteverhältnis in der neuen MotoGP-Saison aussehen? Motorsport-Magazin.com liefert euch die Erkenntnisse aus Sepang.

Rundenzeiten: Nur ein Herausforderer für Ducati

Beginnen wir mit einem Blick auf das Gesamtklassement des Sepang-Tests im Jahr 2026. Hier zeigt sich eines direkt: Nach vermeintlichen Problemen am Mittwoch hat Ducati am Donnerstag eindrucksvoll zurückgeschlagen. Alex Marquez fuhr die zweitschnellste jemals in Sepang gefahrene MotoGP-Runde, schrammte nur hauchdünn am Rekord von Francesco Bagnaia (1:56.337 Minuten, Anm.) aus dem legendären Qualifying im Jahr 2024 vorbei. Eine echte Ansage des Vizeweltmeisters, dass auch 2026 wieder mit ihm zu rechnen ist. Dazu schafften es auch alle seiner Ducati-Kollegen in die Top-Sieben. Seht hier selbst:

Die kombinierte Zeitenliste des MotoGP-Tests in Sepang:

Pos.FahrerRundenzeitRückstand
1Alex Marquez1:56.402-
2Marco Bezzecchi1:56.5260.124
3Fabio Di Giannantonio1:56.7850.383
4Marc Marquez1:56.7890.387
5Joan Mir1:56.874*0.472
6Francesco Bagnaia1:56.9290.527
7Franco Morbidelli1:56.983*0.581
8Pedro Acosta1:57.116*0.714
9Maverick Vinales1:57.126*0.724
10Raul Fernandez1:57.2450.843
11Enea Bastianini1:57.2900.888
12Ai Ogura1:57.3260.924
13Luca Marini1:57.565*1.163
14Alex Rins1:57.5801.178
15Brad Binder1:57.5901.188
16Johann Zarco1:57.6011.199
17Fabio Quartararo1:57.869**1.467
18Jack Miller1:58.1561.754
19Toprak Razgatlioglu1:58.3261.924
20Diogo Moreira1:58.4762.074
*vom Mittwoch
**vom Dienstag

Zumindest auf eine Runde scheint es erstmal also nur einen Herausforderer für die Roten zu geben: Marco Bezzecchi. Der Aprilia-Pilot lag lediglich 0,124 Sekunden hinter Marquez zurück. Allerdings gilt hier anzumerken, dass er seine beste Rundenzeit erst am Donnerstagabend fuhr, während alle Ducatisti ihre Bestmarke schon am Donnerstagvormittag in den Asphalt brannten. Bezzecchi selbst lag zu diesem Zeitpunkt des Tages noch 0,624 Sekunden zurück. Es ist also durchaus möglich, dass sich die Desmosedicis am Abend ebenfalls noch hätten steigern können. Der geringe Abstand zwischen P1 und P2 könnte also täuschen. Positiv wiederrum, dass Aprilia in Sepang überhaupt so nahe an Ducati herangekommen ist. Schließlich zählte die GP-Strecke in Malaysia in den letzten Jahren stets zu den schwächsten der Mannen aus Noale. Das macht Hoffnung, dass sich Aprilia und Ducati auf anderen Kursen noch weiter annähern könnten.

Ob es anderenorts vielleicht sogar einen Drei- oder Vierkampf an der Spitze geben wird? Wohl eher nicht, denn Honda und KTM schafften es am Donnerstag nicht, ihre besten Rundenzeiten vom Mittwoch zu unterbieten. Speziell KTM scheint auf eine Runde weiterhin Probleme zu haben, liegen Pedro Acosta und Maverick Vinales in Summe doch happige sieben Zehntel hinter Marquez zurück. Joan Mir war da schon deutlich näher dran, aber eben auch allein auf weiter Flur. Die restlichen Honda-Piloten kamen nicht einmal im Ansatz in seine Nähe. HRC muss also erst noch nachweisen, dass die Tagesbestzeit vom Mittwoch kein positiver Ausrutscher war. Anderenfalls bleiben die großen Träume vom Mittwoch erstmal nur Träume:

Sprint-Simulationen: Ducati in eigener Liga - vermeintlich

Weiter mit den Sprint-Simulationen über zehn Runden (entspricht der Sprintdistanz beim Malaysia-GP, Anm.), die während des Sepang-Tests glücklicherweise nahezu jeder Toppilot absolvierte. Auch hier ist es Alex Marquez, der am besten abschnitt. Er brachte es am Ende seiner Sprint-Simulation auf eine durchschnittliche Pace von 1:58.028 Minuten pro Runde. Damit landete der Gresini-Pilot knapp vor Morbidelli (1:58.126), Bagnaia (1:58.167), Di Giannantonio (1:58.217) und Bruder Marc (1:58.289). Also alle fünf Ducatis gesammelt an der Spitze, wobei hier noch anzumerken ist, dass die VR46-Jungs keine komplette Sprint-Simulation abspulten. Sie beendeten ihren Run jeweils schon nach vier Runden. Ob sie ihre Pace bis zum Ende eines kompletten 10-Runden-Runs aufrechthalten könnten, ist also unklar.

Die Sprint-Simulationen im MotoGP-Test von Sepang:

FahrerSchnittLongrun-Länge*
Alex Marquez1:58.02810 Runden
Morbidelli1:58.1264 Runden
Bagnaia1:58.16710 Runden
Di Giannantonio1:58.2174 Runden
Marc Marquez1:58.28910 Runden
Acosta1:58.67610 Runden
Bezzecchi1:58.93610 Runden
Mir1:58.93810 Runden
Zarco1:59.22910 Runden
Bastianini1:59.4329 Runden
Miller1:59.42410 Runden
Marini1:59.51010 Runden
Ogura1:59.6667 Runden

Auf eine Runde noch nah dran, liegt Bezzecchi in dieser Disziplin plötzlich deutlich zurück. Wer Aprilia nun aber eine schlechte Longrun-Pace zuschreiben will, der irrt wohl. Denn Bezzecchi begann seine Sprint-Simulation nicht wie alle Anderen auf frischen Reifen, sondern auf bereits recht altem Gummi. Seine Pace entspricht also eher jener vom Ende eines Grands Prix als jener in einem Sprint und dann sieht das auch schon gar nicht mehr so übel aus. Mit Aprilia sollte also definitiv zu rechnen sein, zumal Sepang eben nie zu den Lieblingsstrecken der RS-GP zählte. Die große Frage lautet nur: Wie viele Aprilias werden wir 2026 vorne im Kampf mit den Ducatis sehen? Raul Fernandez verzichtete auf einen Longrun, war aber zumindest am Donnerstagmorgen auf eine Runde nur unwesentlich langsamer als 'Bezz'. Ihm ist es also noch am ehesten zuzutrauen. Stallgefährte Ai Ogura dagegen nicht, sein Longrun war der schwächste aller Piloten und der angeschlagene Jorge Martin ist ohnehin eine komplette Wundertüte.

Auch 2026 nicht den ganz großen Sprung geschafft zu haben scheint unterdessen KTM. Die zahlreichen Updates an der RC16 scheinen den Grip am Heck zwar verbessert zu haben - Acosta brach in seiner Sprint-Simulation hintenraus nicht mehr so stark ein wie in der Vergangenheit - aber der Rückstand zur Spitze ist mit sechs Zehnteln pro Runde eben weiterhin sehr groß. Da wird es auch 2026 schwierig mit einem konstanten Kampf um Rennsiege. Immerhin: Die Österreicher scheinen zumindest im Longrun die Oberhand über Honda behalten zu haben, denn Mir und Co. gelangen in Sepang keine wirklich ansehnlichen Sprint-Simulationen. Je länger die Distanz, desto größer scheint der Rückstand der RC213V zu werden.

Topspeedwerte: Ducati zeigt auf, Yamaha in großen Problemen

Kommen wir abschließend nun noch zu den Topspeedwerten, denn auch hier lassen sich einige spannende Erkenntnisse ziehen. Zunächst einmal geht es vorne eng zu: Ducati und KTM erreichten eine Spitzengeschwindigkeit von 345 km/h, Aprilia 344 km/h und Honda 343 km/h. Die vier Werke trennt also in absoluten Zahlen praktisch nichts und auch relativ gesehen sind sie fast auf Augenhöhe. Nimmt man aus allen Testsessions die jeweils fünf besten Topspeeds der einzelnen Fahrer und rechnet einen Durchschnittswert pro Hersteller aus, ergibt sich folgendes Bild:

Die durchschnittlichen Topspeedwerte der MotoGP-Hersteller in Sepang:

Pos.HerstellerTopspeed (km/h)
1Ducati339,0
2Honda337,6
3KTM336,6
4Aprilia335,6
5Yamaha331,0

Interessant: Aprilia liegt in Summe zwar nur auf Platz vier, scheint aber noch mehr im Köcher zu haben. Bezzecchi allein bringt es nämlich auf einen Durchschnitt von 340,4 km/h, während seine drei Markenkollegen zusammen auf 334,0 km/h kommen. Womöglich war also nur er mit voller Power unterwegs, während Fernandez und Co. im Schongang fuhren. Außerdem bemerkenswert: Ducati scheint beim Ride-Height-Device über den Winter tatsächlich etwas gefunden zu haben. Denn getrennt betrachtet kommen die vier GP26-Piloten auf 339,7 km/h durchschnittliche Spitzengeschwindigkeit, während Morbidelli auf der einzigen GP25 nur 336,1 km/h schaffte. Ein Unterschied von fast vier km/h also.

Sorgen bereitet unterdessen Yamaha. Auch wenn die Piloten am Donnerstag zwar darauf beharrten, nicht eingebremst worden zu sein, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Am Dienstag erreichten die M1-Fahrer durchschnittlich noch 332,6 km/h, am Donnerstag dann nur noch 328,5 km/h. Ein sichtlicher Rückgang also. Aber selbst mit den Werten vom ersten Testtag war der Rückstand auf die Konkurrenz schon noch groß. Im Paddock wird gemunkelt, dass aufgrund des schwachen Topspeeds in Sepang allein auf den beiden langen Geraden rund vier Zehntel pro Runde flöten gingen. Der V4-Motor? Er hat also zweifelsohne nicht den erhofften Fortschritt gebracht - zumal die Yamaha-Fahrer auch in Timeattack und Sprint-Simulation (nur Miller, Anm.) wahrlich keine Bäume ausrissen.

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Fazit: Viel neu, aber wenig anders

Obwohl 2027 ein gigantischer Regelumbruch wartet, gab sich über den Winter kein Hersteller mit Halbgas zufrieden. Überall waren in Sepang dicke Updates zu sehen, speziell im Aero-Bereich. Wirklich viel scheint das am Kräfteverhältnis aber nicht verändert zu haben. Ducati dürfte auch 2026 tonangebend bleiben - speziell deshalb, weil Marc Marquez in Sepang noch nicht vollkommen fit war und somit noch Reserven im Tank haben dürfte. Mit Bezzecchi scheint es vorerst nur einen echten Herausforderer für Borgo Panigale zu geben. KTM und Honda haben sich zwar verbessert, weiterhin aber einen beachtlichen Rückstand nach ganz vorne. Und Yamaha steuert auf eine ganz schwierige Saison zu.

Wie habt ihr die Testfahrten in Sepang erlebt? Stimmt ihr unseren Erkenntnissen zu oder seht ihr ein anderes Kräfteverhältnis? Sagt uns eure Meinung unbedingt in den Kommentaren!