Als einziger MotoGP-Hersteller sorgte Aprilia bereits unmittelbar vor Beginn des Sepang-Tests für Schlagzeilen. Nachdem es Massimo Rivola schon vor geraumer Zeit zur Priorität 'Numero Uno' erklärt hatte, wurde am vergangenen Montag Klarheit geschaffen: Der auslaufende Vertrag mit Marco Bezzecchi konnte verlängert werden, der WM-Dritte der Vorsaison wird mindestens bis Ende 2028 auf einer RS-GP verweilen. In Noale herrschte deshalb schon vor offiziellem Testbeginn am Dienstagmorgen gelöste Stimmung - und daran hat sich auch drei Tage später nichts geändert.

"Das waren erfolgreiche Tage für uns. Der Nachmittag fehlt natürlich noch, aber bis jetzt kann ich mich nicht beschweren", berichtete der frisch verheiratete Marco Bezzecchi bereits während seiner Mittagspause am letzten Testtag und auch Technikdirektor Fabiano Sterlacchini zeigte sich mit dem Verlauf des Sepang-Tests durchweg zufrieden: "Wir haben hier zahlreiche neue Items hergebracht, um das Motorrad von letzter Saison noch weiter zu verbessern. Und es sieht so aus, als hätten vielleicht nicht 100, aber zumindest 80 Prozent dieser Teile auch geholfen."

Ducati lässt die Muskeln spielen: MotoGP-Update bringt Erfolg (08:57 Min.)

Neue Aero: Aprilia verbessert MotoGP-Bike noch weiter

Die wohl auffälligsten Neuerungen an der Aprilia RS-GP: Spannende Aero-Updates. Zum einen wurde eine neue Frontverkleidung eingeführt, die mit zwei dicken Luftdurchlässen links und rechts an den Ducati-Stil der letzten Jahre erinnert. Der altbekannte geschwungene Frontflügel, der pro Seite aus zwei Elementen bestand, ist dafür Geschichte. Des Weiteren wurden noch größere Flügel rund um den Sattel des Motorrads angebracht und zwei neue Aero-Varianten am Heck installiert. Einmal ein recht flacher, durchgehender Bogen und einmal eine noch detailliertere Version der Stegosaurus-Flügel, die fast schon an Bargeboards aus der Formel 1 erinnert.

Hier seht ihr alle Varianten einmal im direkten Vergleich:

Marco Bezzecchi (Aprilia Racing Team)
Zunächst die 2025er-Aprilia..., Foto: Tobias Linke
... dann die 2026er-Aprilia mit neuer Front- und Heck-Aero..., Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS
... dann die 2026er-Aprilia mit neuer Front- und Heck-Aero..., Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS
...und abschließend noch die 2025er-Front mit den Bargeboards am Heck, Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS
...und abschließend noch die 2025er-Front mit den Bargeboards am Heck, Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS

Eine finale Entscheidung, welche Version es am Heck werden soll, muss erst noch gefällt werden. Ansonsten passt der grundsätzliche Tenor aber. "Die neue Aero verbessert jene Bereiche, in denen unsere Fahrer Verbesserungen sehen wollten. Sie sagen alle, dass uns damit ein Fortschritt gelungen ist", frohlockte Sterlacchini im MotoGP-Format 'Midday Live' und Bezzecchi kommentierte mit einem Grinsen im Gesicht: "Das neue Motorrad sieht wirklich nicht schlecht aus. Wir haben viel getestet und können sehr zufrieden mit der Arbeit sein, die wir in Noale und hier an der Strecke geleistet haben. Das war gut!"

Ducati gibt den Ton an: Wo steht Aprilia im MotoGP-Hersteller-Ranking?

Die große Frage, die sich viele MotoGP-Fans nun stellen: War Aprilias Arbeit über den Winter und im Sepang-Test auch gut genug, um Ducati in der neuen Saison vor ernsthafte Probleme zu stellen? Die reinen Fakten sprechen erstmal gegen Noale. Beim Topspeed noch auf Augenhöhe, wurde Bezzecchi bei den Sprint-Simulationen am Donnerstag von sämtlichen Ducatisti klar in den Schatten gestellt. Fast eine Sekunde verlor er dort pro Runde auf den tonangebenden Alex Marquez. Und auch auf eine Runde haperte es zunächst. Als Marquez in den Morgenstunden des finalen Testtages die Bestmarke aufstellte, kam 'Bezz' nicht näher als 0,624 Sekunden heran. Erst ein zweiter Anlauf in den Abendstunden spülte ihn auf Platz zwei nach vorne. Insofern könnten nur 0,124 Sekunden Rückstand nach Testende also etwas trügerisch sein, denn Ducati fuhr am Donnerstagabend keine 'Timeattacks' mehr.

Doch Bezzecchi ordnete schon zur Mittagszeit am letzten Testtag ein: "Ich habe mich [während der Timeattack am Vormittag, Anm.] etwas schwer getan, die letzten Zehntel zu finden. Aber das ist normal, glaube ich. Denn ich saß jedes Mal auf einem veränderten Motorrad, als ich auf die Strecke gefahren bin. Selbst während der Timeattacks war das noch der Fall. Ich musste mich also erst wieder darauf einstellen und anpassen. Das war also sicher nicht die beste Timeattack meines Lebens." Somit könnten die 0,124 Sekunden Rückstand vom Donnerstagabend also doch realistischer sein als jene 0,624 Sekunden vom Vormittag - und das wäre dann ein äußerst positives Zeichen für Aprilia.

Denn auch bei der Sprint-Simulation gilt es anzumerken, dass Bezzecchi diese im Gegensatz zu seinen Rivalen nicht auf frischen, sondern auf bereits gebrauchten Reifen absolviert hatte. Seine Pace auf diesem 10-Runden-Run entspricht also eher jener am Ende eines Grands Prix als jener in einem Sprint. Sollte das so stimmen, wäre er plötzlich wieder in Reichweite zu den Ducatis - und das wäre doppelt erfreulich, denn der Sepang International Circuit war in den letzten Jahren wohl die schwächste Strecke der RS-GP. Kann sie nun auch hier mit der Desmosedici mithalten, könnte das bedeuten, dass sie auf anderen Strecke sogar vorne liegt.

(Noch) keine Kampfansage von Aprilia: Warten auf Thailand

"Ducati und Aprilia sind mehr oder weniger auf dem gleichen Level", erkannte auch der dreimalige MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo, der die Action in Sepang in seiner neuen Rolle als Coach von Maverick Vinales live vom Streckenrand verfolgte. Ein WM-Angriff könnte also machbar sein, aber Bezzecchi will noch abwarten. "Die Streckenbedingungen waren wirklich gut, durch den Shakedown lag viel Gummi. Da müssen wir aufpassen und genau analysieren, ob das Motorrad oder die Strecke unsere Verbesserungen ermöglicht hat", warnte er und führte aus: "Thailand ist nochmal eine ganz andere Strecke, auf der wir letztes Jahr auch Probleme hatten. Ich will erst dorthin gehen und schauen, wie wir uns dort fühlen, bevor ich mehr sage." Racing-CEO Rivola blies ins gleiche Rohr: "Ich bin mir sicher, dass die 2026er-Aprilia nochmal besser ist als die 2025er-Version. Aber es hat sich jeder verbessert. Honda war schnell, KTM besser als letztes Jahr. Ducati führt weiter … aber wir sitzen ihnen im Nacken."

Ob das nur für Marco Bezzecchi oder auch für Jorge Martin gilt, werden die kommenden Wochen zeigen. In Sepang musste der Weltmeister von 2024 schließlich noch verletzt zusehen. Immerhin war er diesmal vor Ort und verriet in diesem Zuge auch, warum er seine beiden Operationen über den Winter zunächst geheim hielt: