Hat da jemand den Mund womöglich zu voll genommen? Nach starkem MotoGP-Debüt im Valencia-Test im letzten November hatten sich Toprak Razgatlioglu und Manager Kenan Sofuoglu lange optimistisch gezeigt, auch in der Motorrad-WM schnell Fuß fassen zu können. Wie sich nun mehr und mehr herausstellt, könnte das jedoch ein Irrtum gewesen sein. Bereits zu Beginn der Woche musste Razgatlioglu infolge des Shakedowns etwas zurückrudern und größere Anpassungsprobleme gestehen. Und nach dem Sepang-Test scheint 'El Turco' jetzt vielleicht sogar auf dem Weg in seine erste MotoGP-Krise.
Vorletzter! Toprak Razgatlioglu verzweifelt an der MotoGP-Timeattack
"Ich habe ein paar Dinge gelernt, aber nicht allzu viel. Ich versuche immer noch, meinen Fahrstil anzupassen", verkündete Razgatlioglu am Donnerstag nach Testende und gab offen zu: "Ich bin etwas genervt, weil die Rundenzeit einfach nicht kommt." Während Alex Marquez am Donnerstagvormittag in 1:56.402 Minuten die zweitschnellste je in Sepang gefahrene MotoGP-Runde in den Asphalt brannte, kam der Pramac-Neuzugang nicht über 1:59.314 Minuten hinaus. Fast drei Sekunden Rückstand also, wenig überraschend gleichbedeutend mit dem letzten Platz im Klassement. Am Nachmittag gab es dann eine Steigerung auf 1:58.326 Minuten, aber auch das reichte in der Gesamtwertung des Sepang-Tests nur zum vorletzten Platz. Einzig Rookiekollege Diogo Moreira war nochmal einen Ticken langsamer.
"Nachmittags haben wir ein besseres Setup gefunden und ich fühlte mich etwas besser. Aber ich hatte eine 1:57er-Zeit erwartet und die kam nicht. Ich hatte zwei frische Reifen und habe alles gegeben, aber nur eine 1:58.3 geschafft. Selbst mit einer idealen [fehlerfreien, Anm.] Runde hätte es nur zu 58.1 oder 58.0 gereicht, nicht aber für den 57er-Bereich", musste Razgatlioglu gestehen. Keine leichte Situation für den dreimaligen Superbike-Weltmeister: "Meine Motivation sinkt gerade. Es fällt mir nicht leicht, meinen Namen so weit unten zu sehen, wenn ich auf die Zeitenmonitore blicke - speziell nach meiner Zeit bei den Superbikes."
Dort war 'Stoprak' in den letzten Jahren bekanntlich das Maß der Dinge, insbesondere nach seinem Wechsel zu BMW. In der MotoGP weht nun aber ein anderer Wind. "Heute morgen bin ich einige Zeit hinter Alex Marquez gefahren. Sein Bike lenkt unglaublich und hat eine fantastische Beschleunigung. Auch der Grip ist viel größer. Ich habe versucht, zu fahren wie er, aber ich kann das nicht. Ich bekomme das Motorrad nicht um die Kurven gelenkt", offenbarte Razgatlioglu frustriert. Seine anschließenden Worte hörten sich fast schon wie Durchhalteparolen an: "Ich versuche, schnell zu lernen und mich zurück zu kämpfen, aber ich weiß nicht wie. Ich werde einfach jeden Tag weiter kämpfen."

Nicht die Front! Was Toprak Razgatlioglu die größten Probleme bereitet
Das größte Problem der neuen Nummer 7 sind weiterhin die ihr unbekannten Michelin-Reifen. Allerdings nicht wie erwartet an der Front, sondern am Heck. "Vom Vorderreifen bekomme ich jetzt schon sehr gute Rückmeldung. Auf der Bremse geht es also, da fühle ich mich stark. Ich kann hart bremsen und das Motorrad stoppen", lieferte Razgatlioglu einen Einblick in seine Anpassungsschwierigkeiten. "Aber mit dem Hinterreifen habe ich Probleme, weil er so sensibel ist. Da verstehe ich den Grip einfach nicht. Dadurch habe ich große Schwierigkeiten mit dem Kurvenspeed. Bei den Superbikes habe ich immer das Gas benutzt, um das Motorrad zu lenken. Ich bin mit dem Hinterrad geslidet, um das Motorrad früh aufzurichten und beschleunigen zu können. Aber in der MotoGP geht das nicht. Du musst das Gas sehr vorsichtig öffnen, weil der Reifen so sensibel ist. Mein Team sagt mir immer wieder, dass ich geschmeidiger fahren muss. Aber von den Superbikes kommend, ist das leichter gesagt als getan."
Speziell am Kurvenausgang verliert Razgatlioglu aktuell also noch viel Zeit, und das zeigt sich übrigens auch in den Statistiken. Mit 334,3 km/h erreichte er im Sepang-Test den niedrigsten Topspeedwert aller 20 Stammfahrer und brachte es über alle drei Testtage gesehen [am Mittwoch nahmen Razgatlioglu und alle anderen Yamaha-Fahrer bekannterweise nicht Teil, Anm.] sogar nur auf eine durchschnittliche Höchstgeschwindigkeit von 329,3 km/h. Damit blieb er als einziger Pilot unter der 330er-Marke. Während die ohnehin schon leistungsschwachen Yamahas allein auf den langen Geraden des Sepang International Circuits pro Runde vier Zehntel auf ihre Rivalen anderer Hersteller liegen lassen, sind es bei Razgatlioglu also nochmal etwas mehr. Das erklärt seinen markeninternen Rückstand auf Alex Rins und Jack Miller.
Immerhin: Eine Lösung könnte in Sicht sein. "Wir haben noch zwei Testtage in Thailand. Vielleicht werden wir dort ein paar verschiedene Setups ausprobieren, denn am Fahrwerk haben wir in diesem Test nichts verändert. Wir haben nur neue Teile getestet. Ich denke, dass wir das Setup da anpassen werden, denn ich brauche wirklich mehr Hilfe dabei, um die Kurven zu kommen", gab 'Stoprak' an. Eine Wunderheilung erwartet er sich davon aber auch nicht: "Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich in den ersten fünf Rennen sehr leiden werde."
Deutlich besser ist die Laune nach dem Sepang-Test bei Ducati. Die Italiener haben sich am letzten Testtag eindrucksvoll zurückgemeldet - auch, weil Technikguru Gigi Dall'Igna mal wieder zugeschlagen hat. Markus verrät euch alle Details in unserem neusten Video:



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