Als Lucio Cecchinello zur Saison 2006 mit seinem LCR-Team in die MotoGP-Klasse einstieg, ging der siebenmalige Grand-Prix-Sieger erstmal nur mit einem Fahrer an den Start. Daran änderte sich auch viele Jahre nichts, erst 2015 gab es mit Cal Crutchlow und Jack Miller temporär zwei LCR-Piloten im Feld. Dauerhaft zum MotoGP-Inventar wurde das zweite LCR-Bike aber erst mit der Saison 2018, als sich mit Idemitsu ein großzügiger Sponsor fand. Seither war jenes Motorrad stets einem asiatischen MotoGP-Fahrer vorbehalten: Viele Jahre lang Takaaki Nakagami, seit dieser Saison dann Somkiat Chantra. Doch damit könnte nun Schluss sein.

Wie 'Motorsport.com' in Erfahrung gebracht haben will, soll Honda die künftige Ausrichtung des eigenen MotoGP-Projekts aktuell überdenken, nachdem Chantra den Erwartungen in der laufenden Saison deutlich hinterher fährt. Der 26-Jährige aus Thailand hatte den LCR-Platz ohnehin nur erhalten, weil Nakagami nicht mehr als Stammfahrer weitermachen wollte und Moto2-Weltmeister Ai Ogura lieber zu Trackhouse und Aprilia wechselte. Da Chantra die Chance nicht beim Schopfe packen konnte und kein alternativer asiatischer Pilot für LCR in Sicht scheint, könnte das Idemitsu-Engagement zur Saison 2026 nun beendet werden.

Takaaki Nakagami hielt zwischen 2018 und 2024 die Idemitsu-Farben bei LCR hoch, Foto: MotoGP.com
Takaaki Nakagami hielt zwischen 2018 und 2024 die Idemitsu-Farben bei LCR hoch, Foto: MotoGP.com

LCR-Boss deutet an: Idemitsu-Engagement auf dem Prüfstand

"Honda wird da die finale Entscheidung treffen", bestätigte Cecchinello während des FP1 zum Tschechien-Grand-Prix im offiziellen Livestream der MotoGP zumindest entsprechende Gedankenspiele. "Dieses Programm wurde mit dem Ziel geboren, asiatischen Fahrern eine Chance zu geben. Leider konnte Somkiat sein Potenzial bislang nicht zeigen und durch seine Verletzungen - erst die Armppump-Probleme, jetzt das Knie - nicht viel lernen. Ich weiß nicht, wie die Zukunft genau aussehen wird, aber das wird sicher auch bald in Japan besprochen."

Chantra erhielt im letzten Herbst nur einen Einjahres-Vertrag für die Saison 2025, eine Verlängerung für 2026 soll laut 'Motorsport.com' an die Erreichung gewisser Performance-Ziele gebunden sein. Dass der 26-Jähirge aus Chon Buri diese bislang nicht erreicht haben dürfte, ist aber mit bloßem Auge zu erkennen. Nahezu jede Session der bisherigen zwölf Grands Prix beendete er als schlechtplatziertester Stammfahrer, erst einmal schaffte er es im FP2 zum Thailand-GP als Neunter überhaupt in die Top-Zehn.

Somkiat Chantra fährt 2025 bislang nur hinterher, Foto: IMAGO / Naushad
Somkiat Chantra fährt 2025 bislang nur hinterher, Foto: IMAGO / Naushad

"Er fährt noch im Moto2-Stil", lieferte Takaaki Nakagami während seines Ersatzauftritts in Brünn eine mögliche Erklärung für die bislang so schwachen Leistungen Chantras. "Er muss in den Kurven geschmeidiger werden und auch beim Richtungswechsel, da stimmt das Timing nicht. Er fährt zu schnell in die Kurven und verpasst den Ausgang. Dabei ist in der MotoGP besonders wichtig, wie du das Motorrad aufrichtest. Und auch beim Richtungswechsel braucht er zu lange. In diesen Bereichen muss er sich verbessern."

Honda-Testfahrer hoffen auf zweite MotoGP-Chance für Somkiat Chantra

"Er hat aktuell keine leichte Zeit", fand auch der zweite Honda-Testfahrer Aleix Espargaro bereits in Assen ähnliche Worte. Dort hatte Chantra mit P15 seinen ersten und bislang einzigen MotoGP-Punkt eingefahren - allerdings nur, weil ihn Espargaro in der letzten Runde durchgewunken hatte. "Die MotoGP ist sehr hart und er sitzt nicht auf dem besten Bike, um die Karriere zu starten. Ich hoffe, dass er sich verbessern kann", kommentierte Espargaro. Viel Zeit scheint der Startnummer 35 dazu aber nicht mehr zu bleiben, falls die Entscheidung gegen sie nicht ohnehin schon gefallen ist.

Sollte dem so sein, fände Espargaro das jedenfalls schade. Ob Chantra gut genug für die MotoGP sei? "Ja", war die ganz klare Antwort des Routiniers aus Granollers. "Er hat sich in der Moto2 bewiesen. Er hat gezeigt, dass er dort um Siege und Podien kämpfen kann." Außerdem erinnert Espargaro: "Wann bist du gut genug? Letztes Jahr haben zu dieser Zeit alle Sergio Garcia in die MotoGP geredet, jetzt ist er nicht einmal mehr in der Weltmeisterschaft. Es gibt in der MotoGP einige Fahrer, die länger gebraucht haben, jetzt aber gute Resultate liefern. Auch ich war anfangs sehr langsam und nicht gut genug, bevor ich in die MotoGP gekommen bin. Dann habe ich Rennen gewonnen und um die WM gekämpft. Das ist immer schwieirig, zu beurteilen. Somkiat ist in keiner leichten Position, aber er ist noch jung und hat nicht viel Erfahrung." Chantra habe daher noch etwas Zeit verdient, das findet auch Nakagami: "Er hat den Speed. Wenn er ein paar kleine Dinge verbessert, werden auch die Rundenzeiten schneller werden."

Gerüchte um Diogo Moreira: Holt Honda einen Moto2-Shootingstar?

Wie bereits erwähnt, könnte eine mögliche Leistungssteigerung Chantras nach der Sommerpause aber schon zu spät kommen. Denn Honda benötigt verlässliches Feedback und Daten von allen vier Fahrern, um Lücke zur MotoGP-Spitze und Ducati schließen zu können. Der Thailänder kann genau das aktuell nicht liefern und es deutet eben auch nur wenig darauf hin, dass sich das zeitnah ändern wird. Daher scheint bei HRC nun die Idee zu reifen, zur Saison 2026 einen Fahrerwechsel vorzunehmen. Rein kommen würde nach aktuellem Stand aber nicht etwa ein erfahrener Pilot wie Miguel Oliveira, der seinen Pramac-Platz wohl verlieren wird, sondern ein hochspannender Moto2-Shootingstar: Diogo Moreira.

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Der 21-jährige Italtrans-Pilot absolviert aktuell seine zweite Moto2-Saison und zeigte bereits Ende 2024 mit einigen starken Rennen auf, schaffte aber speziell im laufenden Kalenderjahr den Sprung ins Spitzenfeld. Nach vier Top-Fünf-Resultaten zum Saisonstart fuhr er in Silverstone und Aragon als Zweiter jeweils auf das Podium, in Assen gelang ihm dann der erste Moto2-Sieg. Und am Sachsenring beeindruckte er lange mit einer starken Aufholjagd, ehe er es im Zweikampf mit Jake Dixon übertrieb, unvorsichtig auf die Strecke zurückkehrte und in den Weg von David Alonso geriet. Es kam zur Kollision, für die Moreira in Brünn mit einem Start aus der Boxengasse bestraft wurde. Ein dicker Aussetzer des 21-Jährigen, doch dessen großes Talent ist unverkennbar.

Und dann kommt da noch ein zweiter Faktor hinzu, der Moreira besonders interessant macht: Sein Reisepass. Als Brasilianer bringt er großes Marketingpotenzial mit, wäre der einzige Südamerikaner im MotoGP-Feld. Vor allem spannend mit Blick auf die geplante Rückkehr des Brasilien-GPs ab 2026. Auch Trackhouse und Pramac wurden in den letzten Wochen und Monaten deshalb bereits mit Moreira in Verbindung gebracht, die Tendenz scheint aktuell aber klar zu Honda zu gehen. Glaubt man manchen Medienberichten, soll HRC mit einem Dreijahres-Vertrag und einem Jahresgehalt von 1,5 Millionen Euro locken, der Moreira 2026 bei LCR platzieren und ab 2027 ins Honda-Werksteam befördern würde. Ob es tatsächlich dazu kommt, werden nun die nächsten Wochen aufzeigen.

Diogo Moreira könnte 2026 in die MotoGP aufsteigen, Foto: IMAGO / ANP
Diogo Moreira könnte 2026 in die MotoGP aufsteigen, Foto: IMAGO / ANP

Was meint ihr: Setzt LCR Honda in der kommenden Saison auf Diogo Moreira statt Somkiat Chantra? Bleibt der Thailänder oder kommt doch gar ein ganz anderer Fahrer? Lasst uns eure Meinung in den Kommentaren wissen! Was aktuell sonst noch so auf dem MotoGP-Fahrermarkt los ist, verrät euch Markus in unserem neusten Video:

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