Schonungslos gingen die Stewards bei der Formel 1 in Miami mit Charles Leclerc nach dessen chaotischer letzter Runde ins Gericht. Zu schonungslos? Die heftige Durchfahrtsstrafe für sein mehrfaches Abkürzen steht nämlich in keinem Verhältnis zu einem früheren Präzedenzfall. Tatsächlich werfen relevante FIA-Richtlinien Fragen auf. Experte Christian Danner hat dafür eine Rechtfertigung parat.
Leclerc hatte sich bei seinem Highspeed-Dreher zu Beginn der letzten Runde inklusive leichtem Einschlag die Aufhängung und womöglich den Reifen beschädigt. Auf den letzten fünf Kilometern bekam er mit dem krummen Ferrari mehrere Kurven nicht. So wurde er nicht nur noch von George Russell und Max Verstappen überholt, sondern für das Abkürzen mit einer Durchfahrtsstrafe belegt.
Diese Strafe wirft Fragen auf. Denn es sind erst ein paar Monate vergangen, seit Lewis Hamilton infolge eines Bremsdefektes kurz vor Rennende in Singapur faktisch dasselbe machte, nämlich einen Haufen Kurven auf dem Weg ins Ziel abkürzte. Das resultierte damals in einem spektakulären Wutausbruch des hinterherfahrenden Fernando Alonso. Abgesehen davon aber nur in einer Fünf-Sekunden-Strafe.
Warum bestraften die Stewards Charles Leclerc in Miami so hart?
Die Diskrepanz von 5 Sekunden zu Durchfahrtsstrafe ist dann doch signifikant und zu hinterfragen. Fakt ist, dass Hamilton und Leclerc anhand des gleichen Regel-Paragrafen bestraft wurden. In den seit dem Vorjahr öffentlichen Straf-Richtlinien wird für dieses Vergehen - "Strecke verlassen und dauerhaften Vorteil verschaffen" - eine 10-Sekunden-Strafe als Basis definiert.
Bei schweren Vergehen ist eine Durchfahrtsstrafe erlaubt. Bei mildernden Umständen dafür eine Absenkung auf 5 Sekunden. Das klärt die Diskrepanz aber nicht auf, wenn man erst einmal die beiden Urteile liest. Im Hamilton-Urteil von Singapur ist nicht von mildernden Umständen die Rede. Und in Leclercs Urteil aus Miami steht nichts von erschwerenden Umständen.
Was bei Hamilton allerdings im Urteil noch gesondert ausgewiesen wird, ist ein Verweis auf den separaten Paragrafen für "normale" Track-Limit-Verstöße. Also jene kleinen Verstöße, die nicht in Zweikämpfen entstehen, daher gesondert behandelt werden und automatisch beim vierten Übertreten in einer Fünf-Sekunden-Strafe resultierten. Möglich also, dass Hamiltons Vergehen als eine Serie solcher "kleinen" Track-Limit-Übertretungen gewertet wurden.
Härte bei Charles Leclerc: Christian Danner ahnt warum
Der Verweis fehlt dafür bei Leclerc. Bei ihm ist nur vom Standard-Regel-Paragrafen die Rede. Interessant hierbei auch, dass aus dem vierköpfigen Stewards-Gremium von Miami mit Natalie Corsmit eine auch beim Singapur-Zwischenfall dabei gewesen war. Dann bleibt aber immer noch die Frage, warum Leclerc nicht die Standard-Strafe von 10 Sekunden bekam, sondern die Durchfahrtsstrafe für schwere Fälle.
Für F1-Experte Christian Danner lässt sich das durchaus nachvollziehen. "Eine harte Strafe, gar keine Frage, aber die war schon okay", so Danner im 'AvD Motorsport Magazin' und führt weiter aus: "Es wurde auch noch untersucht, ob es nicht sogar gefährlich war, was er da gemacht hat, dass er mit diesem Auto noch ins Ziel gefahren ist."
"Er konnte, man hat es ja gesehen, kaum noch nach rechts lenken", stellt Danner fest. "Das hätte man auch noch involvieren können. Aber das führt dann oft zum Wertungsausschluss. Und deswegen, glaube ich, ist das in diese harte Strafe mit eingeflossen, ohne dass es erwähnt wurde."
Danner warnt: Ein Formel-1-Auto so fahren ist höchst problematisch
"Das ist recht geschickt gelöst gewesen, auch wenn natürlich 20 Sekunden ziemlich hart sind", findet Danner. "Aber ich glaube, wenn man alles zusammenzählt, was man ihm da so hätte anhängen können, dann passt es schon." Die Stewards verwiesen im Urteil lediglich darauf, dass man eine zweite Ermittlung zum Fahren eines gefährlichen Autos eingestellt hat.
Allerdings verlangt der hier relevante Straf-Paragraf einen "signifikanten und offensichtlichen Schaden". Kann man Leclerc das ankreiden? Klar, das Auto fuhr nicht mehr gerade, aber es fuhr noch, und es verlor auch keine Teile, was bei Strafen nach diesem Paragrafen oft maßgeblich herangezogen wird.
So lässt sich eine Strafe nach diesem Paragrafen nicht so einfach argumentieren. Aber ihm eins auf die Finger zu geben, findet Danner dafür in Ordnung: "Da waren schon Teile der Radaufhängung zerstört, und dann ist das Fahrzeug nicht mehr lenkfähig. Dann kannst du auch im Ernstfall unter Umständen einem anderen gar nicht mehr ausweichen. Oder du fährst direkt vor einem anderen nochmal in die Wand. Also das ist schon höchst problematisch."
Nicht problematisch findet Danner nach Miami das Zweikampf-Verhalten von Max Verstappen, obwohl sich dessen Gegner im Mittelfeld nach dem Rennen darüber aufregten. Was es damit auf sich hat, gibt es hier:



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