0,610 Sekunden Vorsprung brachte Marc Marquez am Freitagvormittag im 1. Freien Training am Sachsenring auf seinen ersten Verfolger auf identischer Reifenwahl zu Stande. Das MotoGP-Wochenende in Hohenstein-Ernstthal startete damit ganz wie erwartet, nämlich mit einer höchstdominanten Nummer 93. Wenige Stunden später dann aber die große Überraschung: Nicht Marquez fuhr im Training die überlegene Bestzeit, sondern Fabio Di Giannantonio.

Eine neue Rekordrunde in 1:19.071 Minuten brachte ihm 0,337 Sekunden Vorsprung auf den Rest des MotoGP-Feldes. "Das war eine gute Runde, ja", strahlte der VR46-Pilot daher nur folgerichtig in seiner Medienrunde und zeigte sich generell sehr glücklich mit seinem Tag eins am Sachsenring: "Wir waren schnell in allen Bedingungen, haben sehr gute Arbeit geleistet. Es ist natürlich erst Freitag, es gibt keine Punkte oder Startplätze. Aber auf solche Art und Weise zu starten, ist immer schön."

Fabio Di Giannantonio kopiert Marquez erfolgreich: Alles andere wäre dumm!

Tatsächlich war es sogar die erste MotoGP-Bestzeit an einem Freitagnachmittag für Di Giannantonio. Umso beeindruckender, das ausgerechnet auf der Marquez-Strecke schlechthin zu schaffen. Wo er den Unterschied machte? "Ich habe die Daten noch nicht gesehen und weiß daher noch nicht, wo ich mich am meisten verbessert habe", verriet der 26-Jährige aus Rom. "Aber ich habe einfach versucht, meine Stärken zu maximieren und in meinen schwächeren Stellen nicht zu viel zu verlieren. Dabei kam dann eine ganz gute Runde heraus."

Eine große Hilfe war dabei ausgerechnet Marquez, dem Di Giannantonio am Freitag einige Runden hinterherfuhr. "Das ist eine seiner Strecken schlechthin. Es ist nicht einfach zu verstehen, was er hier anders macht [als andere, Anm.]. Ich habe versucht, ihn zu kopieren und umzusetzen, was er besser macht", meinte die Startnummer 49 und gab offen und ehrlich an: "Du musst vom Besten lernen. Das läuft in jedem Sport so. Wenn es jemanden gibt, der besser als du ist, dann wäre es ja dumm, ihn nicht zu kopieren und von ihm zu lernen."

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Marc Marquez im Hintertreffen? Alles Taktik!

Das klappte am Freitag jedenfalls bestens. Ist Di Giannantonio am Sachsenring nun sogar besser als sein unfreiwilliger Lehrmeister? Wohl eher nicht, denn Marquez zeigte im Training noch nicht all seine Stärke. Der Ducati-Star verzichtete in den letzten Minuten auf einen frischen Soft-Hinterreifen, fuhr seine beste Rundenzeit bereits rund zehn Minuten vor Schluss.

Ob er sich nach den Ereignissen der letzten zwei Jahre selbst geschont und unnötiges Risiko vermieden hätte? "Nein", gab Marquez an. Stattdessen stand die Vorbereitung des Hauptrennens am Sonntag im Vordergrund, denn "das wird wohl das nächste Mal sein, dass wir im Trockenen fahren, wenn wir Glück haben." Keine Pace-Probleme also beim WM-Führenden, vielmehr alles Taktik: "Ich wollte alle Hinterreifen ausprobieren, auch Vorderreifen und Setups. Das kannst du während einer Timeattack nicht machen. Wir hatten das schon vor dem Training geplant: Eine Timeattack machen und im ersten Umlauf eine schnelle Runde fahren. Ich habe gesehen, dass diese etwas langsam war und bin noch eine zweite gefahren, die besser war. Im zweiten Run würde ich dann den Medium-Hinterreifen ausprobieren."

Wo Marquez und Di Giannantonio genau stehen, lässt sich nach dem Freitag also nicht klar sagen. Dass Marquez noch Reserven im Tank hat, steht aber fest. "Diggias Rundenzeit war sehr schnell. Es ist nicht garantiert, dass ich sie mit einem frischen Reifen gepackt hätte", zeigte sich der MotoGP-Superstar zwar zurückhaltend, aber "das war heute auch nicht das Ziel. Das Ziel war, in Q2 zu kommen."

Marquez vs. Di Giannantonio? Regen könnte entscheidend werden

Ohnehin könnten sämtliche Erkenntnisse vom Freitag am Samstag bereits wieder vollkommen irrelevant werden, denn es dürfte nass werden in FP2, Qualifying und Sprint. Nicht unbedingt ein Vorteil für Di Giannantonio. "Zum Saisonstart hatte ich kein gutes Gefühl im Regen", erinnerte er und ergänzte: "Wir haben jetzt eine bessere Basis gefunden, vielleicht kann ich damit auch im Nassen konkurrenzfähig sein. Das werden wir morgen wohl herausfinden."

Eine Rolle im Kampf um den Sieg könnte am Samstag überraschenderweise auch Alex Marquez spielen. Wie es dem WM-Zweiten nach seinem Handbruch am Freitag erging, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel: