Marc Marquez erlebte am Sonntag ohne Zweifel einen dramatischen Thailand Grand Prix. Als klarer Favorit auf den MotoGP-Sieg in die regnerischen Bedingungen gegangen, kam der Gresini-Pilot im 14. Umlauf auf Platz zwei liegend zu Sturz und schied somit vorzeitig aus dem Kampf um den obersten Platz auf dem Podium aus. Vorbei war der Thailand-GP damit aber noch lange nicht, denn Marquez nahm das Rennen nochmal auf und sorgte mit einer Kollision mit Joan Mir für eine weitere Kontroverse.

Marquez' Überholversuch in Kurve drei verlief nämlich alles andere als glücklich. Auf der Bremse nie ganz neben Mir kommend, drückte er sich mehr frech als recht samt Kontakt vorbei und beschädigte sich dabei die Aero-Elemente an der linken Motorradseite. Sein Ex-Honda-Teamkollege wurde von der Strecke geschoben, woraufhin Marquez von den MotoGP-Stewards aufgefordert wurde, eine Position zurückzugeben. Da Marquez dieser Aufforderung allem Anschein nach nicht nachgekommen war, wurde er nach Zielankunft zunächst auf Rang zwölf zurückgestuft.

Onboard zeigt: Marc Marquez mit offener Lederkombi unterwegs

Rund eine Stunde nach Rennende bekam er Platz elf dann aber doch wieder zurück, da eine Videoauswertung ergeben hatte, dass der Spanier der Stewards-Anweisung doch Folge geleistet hatte. "Ich habe [Takaaki] Nakagami in Kurve drei überholt, ihn dann wieder vorbeigelassen und vor Kurve vier erneut überholt", erklärte Marquez selbst. Ob er durch dieses kurze Vorbeiwinken von Nakagami tatsächlich angemessen bestraft wurde, darf jeder Leser nun selbst entscheiden. Der Stewards-Anweisung hatte er jedenfalls tatsächlich Folge geleistet. Dennoch muss angezweifelt werden, ob Marquez den elften Platz im Thailand-GP wirklich hätte behalten dürfen.

Denn wie Onboard-Kameras der Gresini-Ducati nun enthüllten, fuhr Marquez fast die gesamte zweite Rennhälfte mit offener Lederkombi. "Der Reißverschluss hat sich beim Crash geöffnet, als der Airbag ausgelöst hat", gestand auch der 31-jährige Spanier selbst in seiner Medienrunde. "Es wurde viel Druck auf die Schultern ausgeübt. Wir haben eigentlich ein Sicherheitssystem [das ein Öffnen des Reißverschlusses verhindern soll, Anm.], aber er ging trotzdem auf. Anfangs nur ein kleines Bisschen, aber als ich ins Ziel gekommen bin, hatte ich das Gefühl, dass er sich noch etwas mehr geöffnet hatte."

Eine optimistische Wiedergabe des Sachverhaltes, denn die Onboard-Aufnahme zeigt eindeutig, dass Marquez' Lederkombi schon wenige Runden nach dem Crash fast bis zur Hälfte [dem mittigen Gresini-Racing-Schriftzug auf der Lederkombi, Anm.] geöffnet war. Hätte der Spanier also nicht eigentlich von den Stewards zur Schließung bzw. Reparatur des Reißverschlusses an die Box oder zumindest an den Streckenrand beordert werden müssen?

Bei Marc Marquez öffnete sich der Reißverschluss bis zum Gresini-Schriftzug, Foto: LAT Images
Bei Marc Marquez öffnete sich der Reißverschluss bis zum Gresini-Schriftzug, Foto: LAT Images

MotoGP-Reglement sieht keine explizite Strafe vor

Nun, die Regeln sind eigentlich eindeutig. In Artikel 2.4.5.2 des MotoGP-Reglements, in dem das Sicherheitsequipment der Fahrer definiert wird, heißt es: "Es ist zwingend vorgeschrieben, dass jeder Fahrer bei jeder Rennveranstaltung mit mindestens zwei vollständigen und unbeschädigten Sicherheitsausrüstungen antritt. Ein volles Set beinhaltet Helm, Lederkombi, Handschuhe, Schuhe, Rücken- und Brust-Protektor. Die Ausrüstung muss während der gesamten Dauer der Aktivität auf der Rennstrecke korrekt angelegt sein."

Dass dies bei Marquez nicht mehr der Fall war, steht außer Frage. Ebenso wenig handelt es sich dabei um den ersten Vorfall dieser Art. Im Katalonien-GP 2021 hatte sich bei Fabio Quartararo die Lederkombi etwa schon einmal geöffnet. Dieser entfernte daraufhin auch den Brustschutz und fuhr im Grunde oberkörperfrei, wofür ihn die MotoGP-Stewards mit einer Drei-Sekunden-Zeitstrafe belegten. Eine explizite Strafe ist im Regelwerk nicht festgehalten, obliegt vielmehr dem Ermessen der Stewards. Dass die Bestrafung Quartararos in Anbetracht des enormen Sicherheitsrisikos zu gering ausgefallen war, war damals jedoch dem gesamten Paddock klar.

Bagnaia hofft auf Schützenhilfe von Marc Marquez - vergeblich! (06:33 Min.)

Warum wurde Marc Marquez nicht bestraft?

Die Rennleitung darf Fahrer daher seither zum Wiederanlegen ihrer defekten Schutzausrüstung zwingen, wenn sie den Zustand dieser als gefährlich einstuft. Als sich vor knapp 13 Monaten dann bei Jorge Martin im Indien-GP der Reißverschluss seiner Lederkombi öffnete, hätte er im schlimmsten Fall zum Anhalten am Streckenrand befehligt werden können. Der Pramac-Pilot konnte den Reißverschluss jedoch noch rechtzeitig aus eigener Kraft während der Fahrt wieder verschließen und kam daher um eine Strafe herum.

Marquez gelang das jedoch nicht und er versuchte es - gemessen an seinen Aussagen in der Medienrunde - wohl auch nicht einmal. Warum blieb eine Strafe also aus? Nun, das ist am Montag das große Geheimnis, denn eine offizielle Erklärung der Stewards liegt nicht vor. Im 'Stewards Penal Activity Report' wird auch keine Untersuchung erwähnt, weshalb einzig spekuliert werden kann, dass die Entscheider um Chefsteward Freddie Spencer bis zur Beendigung ihres Arbeitstages keine Kenntnis von dem Vorfall hatten. Sollte dem tatsächlich so sein, könnte Marquez beim kommenden Rennwochenende in Sepang (01. - 03.11.) noch ein Nachspiel drohen. Garantiert ist das jedoch nicht.

Was meint ihr: Hätte Marquez bestraft werden müssen? Oder findet ihr es in Ordnung, dass der Gresini-Pilot das Rennen ohne weitere Konsequenzen beenden konnte? Sagt uns eure Meinung in den Kommentaren!