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MotoGP

Vierkampf um den Sieg? - Favoritencheck: Gigantenduell - jetzt oder nie

Die Big-Four liegen in Misano so eng beieinander wie noch nie in dieser Saison. Motorsport-Magazin.com analysiert die minimalen Unterschiede.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Gerade einmal 0,288 Sekunden trennten Polesetter Jorge Lorenzo im Qualifying zum Grand Prix von San Marino vom Viertplatzierten Dani Pedrosa, dazwischen rangierten Marc Marquez und Valentino Rossi. Ähnlich die Situation im für die Renn-Pace so aussagekräftigen vierten Freien Training, wo Rossi als Langsamster des Spitzenquartetts noch rund dreieinhalb Zehntelsekunden verlor.

Abstände so eng, wie man sie in dieser Saison an einem Samstag nur ganz selten zwischen den vier erfolgreichsten MotoGP-Piloten der letzten Jahre gesehen hat. Die Big-Four könnten den Fans am ausverkauften Misano World Circuit Marco Simoncelli also einen echten Leckerbissen servieren. Wir verraten euch, wer von ihnen am Sonntag die besten Chancen auf das Filetstück - den Sieg - hat:

Jorge Lorenzo: Die Pole Position und drei Trainingsbestzeiten konnte sich Lorenzo an diesem Wochenende bereits sichern. Keine Frage, der Mallorquiner ist der große Favorit auf den Rennsieg. Hauptverantwortlich dafür ist aber wohl eher seine Performance im vierten Training. Denn da zeigte Lorenzo einmal mehr, dass er bei freier Fahrt eigentlich kaum zu stoppen ist. Nur in seinem allerersten schnellen Umlauf blieb Lorenzo über der Marke von 1:34 Minuten und umrundete die Strecke fünf Mal unter 1:33.5 - das schaffte außer ihm kein anderer Fahrer.

Lorenzo dominierte das Wochenende größtenteils - Foto: Yamaha

Ein weiterer Trumpf im Ärmel Lorenzos ist seine unglaubliche Start-Performance in dieser Saison. Praktisch in jedem Rennen schoss er wie eine Rakete weg, oft genug ging er so in Führung. Was dann folgte, war meist eine Machtdemonstration seines Könnens. Ähnliches ist auch am Sonntag zu erwarten. Die Konkurrenz muss also alles versuchen, um den Mann mit der Nummer 99 in der Anfangsphase in Zweikämpfe zu verwickeln. Denn ist er erst einmal enteilt, wird Lorenzo wohl nicht mehr zu halten sein.

Marc Marquez: Am knappsten heran an Lorenzos Rundenzeiten im Longrun von FP4 kam Marc Marquez. Nur eine Hundertstelsekunde fehlte ihm im schnellsten Umlauf. Einige weitere Runden im niedrigen 1:33er-Bereich beweisen, wie schnell der Weltmeister in Misano mit seiner Honda unterwegs sein kann. Die Betonung liegt hier aber auf 'kann'. Denn während Lorenzo seine Runden mit unglaublicher Konstanz in die Zeitenlisten hämmert, passieren Marquez immer wieder Ausreißer. Auch wenn man an der 2015er-Honda einige Probleme beseitigen konnte, fehlerverzeihend ist die Maschine eben nach wie vor nicht.

Außerdem gibt es im Rennen von Marc Marquez noch eine ganz große Unbekannte - den Reifenverschleiß. Seine Honda nimmt die Bridgestone-Pneus am neuen Asphalt in Misano extrem her, die Yamaha geht wesentlich schonender mit den Gummis um. Eine Eigenschaft, die sich in der Schlussphase des GPs negativ auswirken könnte. Marquez dachte deshalb am Samstag bereits laut darüber nach, sich das Rennen so lange wie möglich hinter den Yamahas anzusehen und dann erst am Ende einzugreifen, um Reifen zu schonen. Bei der angesprochenen Pace Lorenzos bei freier Fahrt ein gewagtes Unternehmen, doch vielleicht tut ihm ja jemand den Gefallen und verwickelt den Polesetter an seiner Stelle in einen Zweikampf.

Marc Marquez sorgt sich um seinen Hinterreifen - Foto: Repsol

Valentino Rossi: Er könnte die Position des Lorenzo-Störers übernehmen, wenn sich Marquez aus taktischen Gründen weigert, diese zu erfüllen. Eigentlich kann er es sogar nicht nur, er muss es beinahe. Misano ist Rossis Heimrennen, die Strecke wird am Sonntag bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Ein Großteil der Fans wird wegen ihm hier sein. Doch noch viel wichtiger ist die Tatsache, dass Rossi bestimmt nicht nach einem Rennen schon wieder seinen mühevoll zurückerkämpften Vorsprung deutlich schmelzen lassen will.

Was hat Rossi nun also so alles in seinem Waffenarsenal im Kampf gegen den Teamkollegen? Ein Blick auf das bisherige Wochenende verrät: Einiges! Er fuhr in Misano mit Startplatz drei ein für seine Verhältnisse sehr gutes Qualifying. Auch in den Trainings war er stets einigermaßen gut dabei. Alles Dinge, die an Wochenenden wie jenes in Assen erinnern, aus dem Rossi schließlich siegreich hervorging.

Rossi musste sich auch im Longrun dieses Mal nicht hinter Lorenzo verstecken. Zwar war er nicht ganz so schnell unterwegs, fuhr aber zehn schnelle Runden in Serie unter 1:34. Das waren die meisten von allen Piloten! Sowohl über mehrere Umläufe als auch was den Speed auf eine Runde betrifft ist Rossi Lorenzo also auf den Fersen und dass er am Sonntag noch einmal zulegen kann, bezweifelt mittlerweile wohl niemand mehr.

Rossi will seinen Vorjahressieg wiederholen - Foto: Yamaha

Dani Pedrosa: Der kleine Katalane ist wieder einmal die große Unbekannte im Kampf um den Sieg. Ist er schnell genug? Mit Sicherheit. Das hat er durch Longrun-Rundenzeiten auf dem Niveau von Lorenzo oder Marquez bewiesen. Liegt ihm Misano? Ja. Er konnte immerhin als einziger Honda-Pilot bisher hier gewinnen. Kann er das alles in einen Erfolg ummünzen? Man weiß es nicht. Wohl nicht einmal Pedrosa selbst. "Ich muss auf jeden Fall eine gute erste Runde fahren", meinte er am Samstag. Für einen Sieg werden wohl eher 28 gute Runden notwendig sein. Ob das Pedrosa kann? Vielleicht.

Die anderen Fahrer: Hinter den Top-Vier sieht es in puncto Siegeschancen sehr bald sehr düster aus. Wildcard-Pilot Michele Pirro fuhr auf der Ducati als Fünfter ein sensationelles Qualifying, im Rennen wird er aber chancenlos sein. Bradley Smith auf P6 konnte am Rennsonntag ebenfalls noch nie die Pace der Spitzenfahrer zeigen. Die Ducati-Piloten in Reihe drei - Iannone, Dovizioso und Petrucci - waren an diesem Wochenende nur auf dem weicheren Reifen annähernd schnell genug, der kommt für das Rennen aber nicht in Frage.

Pirro gab Ducatis einziges Lebenszeichen ab - Foto: Ducati

Die Tipps der Redaktion:

Andrea Blendl: Ich glaube, Jorge Lorenzo wird das Ding heimfahren. Egal, ob er letztlich kleine Plastikflügelchen an seine Yamaha bastelt oder nicht, an ihm führt kein Weg vorbei. Auf zwei tippe ich Valentino Rossi, der wird im Rennen sicher noch einen Zahn zulegen. Ich glaube nicht, dass es reicht, um Lorenzo zu schlagen, aber schneller als Marquez wird er in seinem Vorgarten mit einer Extraportion Motivation schon sein. Marquez sehe ich auf dem dritten Platz, und ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass Pedrosa im Kampf ums Podium mithalten kann.

Andreas Top-3-Tipp: 1. Lorenzo, 2. Rossi, 3. Marquez

Tobias Ebner: Für mich sieht es ganz nach einem spannenden Dreikampf im Rennen aus. Auch wenn Lorenzo und Marquez im FP4 (mit leichten Vorteilen für Lorenzo) am Stärksten unterwegs waren, Rossi wird vor heimischem Publikum nicht klein beigeben wollen, zudem ist er bekannt dafür, zum Rennsonntag noch ein Wunder-Setup aus dem Ärmel zu zaubern. Von daher lässt sich eine Reihenfolge nur schwer festmachen. Ich denke, am Ende wird sich Rossi mit den Tifosi im Rücken und seiner Extra-Motivation daheim durchsetzen, knapp vor Lorenzo und Marquez

Tobias' Top-3-Tipp: 1. Rossi, 2. Lorenzo, 3. Marquez

Rossi oder Lorenzo? Die Redaktion ist gespalten - Foto: Yamaha

Sophie Riga: Auch wenn sich die Fans auf dem ausverkauften "World Circuit Marco Simoncelli" wahrscheinlich nichts sehnlicher wünschen würden, als ein Sieg vom Doktor, glaube ich, dass Jorge Lorenzo das Rennen für sich entscheiden wird. Seit Assen 2013 ist der Gute zwar nicht mehr wirklich zu gebrauchen, sobald die Umstände nicht mehr optimal sind, aber die Chancen auf sturzbachartige Regenfälle in Misano sind doch eher gering. Im Trockenen und unter perfekten Bedingungen ist Lorenzo in dieser Saison jedoch praktisch unschlagbar. Auch nicht, wenn Millionen von Rossi-Fans sich das wünschen würden. Der Doktor wird es sich bei seinem Heim-GP jedoch nicht nehmen lassen, immerhin hinter dem Teamkollegen aufs Podium zu fahren und wenigstens einen Hai mit dem Namen Marquez hinter sich zu lassen.

Sophies Top-3-Tipp: 1. Lorenzo, 2. Rossi, 3. Marquez

Markus Zörweg: Rossi macht's noch einmal! Wie schon im Vorjahr liegt in Misano etwas in der Luft. Der Altmeister ist hier einfach die Spur schneller als überall sonst. Das zeigte sich im Training, das zeigte sich im Qualifying und das wird sich auch im Rennen zeigen. Rossi wird es schaffen, Lorenzo nicht enteilen zu lassen und ihn in einen Zweikampf bis zum Ende verwickeln. Da schnappt sich Rossi dann mit all seiner Routine den Sieg, Lorenzo wird Zweiter. Marquez kann die Pace der Yamahas nicht mitgehen und muss sich mit Rang drei begnügen.

Markus' Top-3-Tipp: 1. Rossi, 2. Lorenzo, 3. Marquez


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