"Es interessiert mich nicht, welche Ausrede er hat. Für mich gibt es keine Entschuldigung. Das war eine der dümmsten Aktionen, die ich je auf einer Rennstrecke gesehen habe", sagte Oscar Piastri nach dem Ungarn GP zu Viaplay. Das war nur eine der vielen Wutreden, die der McLaren-Fahrer nach dem Formel-1-Rennen über Carlos Sainz hielt. Die Kollision bei der Überrundung brachte nicht nur sein sonst kühles Gemüt zum Überkochen, sondern löste auch Unverständnis und Ärger bei Christian Danner aus.
Der Experte ist vor allem wegen der Ausreden des Williams-Fahrers aufgebracht: "Ein Carlos Sainz, der sich gern über alles und jeden aufregt, überall Beschwerdepotenzial sieht, sollte sich hier an die eigene Nase fassen. Es ist schon blamabel, dass Sainz sich herausreden möchte und sagt, dass er [Piastri, Anm. d. Red.] im toten Winkel war. Er muss vorher wissen, wer da kommt. Das hat mich geärgert."
Sainz duellierte sich mit Fernando Alonso um den vorletzten Platz, als Piastri zu ihnen aufschloss. Der Australier versuchte, einen Overcut von Lando Norris zu verhindern, und kämpfte praktisch um den Sieg. Wegen eines Fehlers im automatisierten System bekam Sainz auf seinem Lenkrad keine Meldung, dass er überrundet wurde. Jedoch wurde auf den Licht-Panels rund um die Strecke blau gezeigt, ebenso schwenkten die Streckenposten die Flaggen. Mehrmals fuhr Sainz an diesen Anzeichen vorbei. Dennoch beteuerte er nach dem Rennen, dass er keine Ahnung von Piastri hatte.
Danner: Piastris Wutausbruch war völlig berechtigt
Dass ein erfahrener Rennfahrer wie Sainz nicht auf diese Signale reagiert, ist für Danner inakzeptabel: "Blaue Flaggen, die einem eine ganze Runde lang gezeigt werden, sieht man. Die Welt des Motorsports hat über Jahrzehnte hinweg diese Flaggen gesehen. Nicht immer beachtet, aber sie waren sichtbar." In Kurve drei lenkte Sainz ein und touchierte Piastris Vorderrad mit seinem Hinterrad. Der hatte daraufhin zu tun, seinen McLaren nicht zu verlieren, und tickte am Funk auf eine für ihn beispiellose Art aus.
"Wenn Piastri sich einmal aufregt und flucht, dann muss schon allerhand vorgefallen sein. Normalerweise hält der den Mund, fährt weiter und grummelt nur vor sich hin", ist sich auch der Experte über die Signifikanz des Wutanfalls bewusst. "Ich verstehe ihn vollkommen. Er wusste, dass er damit zumindest Position eins verloren hat. Das war völlig berechtigt, meiner Meinung nach."
Durch die Kollision – und dadurch, dass Sainz ihn sogar noch drei weitere Kurven aufhielt, während er sich am Funk rechtfertigte, warum er Piastri übersah – verlor der McLaren-Fahrer so viel Zeit, dass Norris knapp vor ihm aus der Box kam. Schlussendlich wurde sein Rennen durch einen Getriebeschaden in Runde 56 frühzeitig beendet. Ob er ohne Zusammenstoß den Sieg geholt hätte, haben wir uns in der Rennanalyse angesehen:
Nicht blind auf "Teletubbie"-Ingenieure vertrauen!
Genau genommen wurde Sainz über Piastris Präsenz informiert – nur leider indirekt. Als er auf der Start-Ziel-Geraden war, kam der Funkspruch: "Alonso hinter dir hat blaue Flaggen für Piastri." In Kurve eins ging der Aston Martin am Williams vorbei. Gaetan Jego informierte seinen Fahrer dann aber nicht, dass die blauen Flaggen jetzt ihm galten und nicht mehr Alonso. Erst als die Kollision bereits passiert war, ließ er Sainz wissen, dass ihm blaue Flaggen gezeigt wurden.
Das heimste dem Team nicht nur viel Kritik von Toto Wolff ein, der manche Renningenieure als "Teletubbies, die nur in den Himmel schauen" bezeichnete, sondern ist für Danner auch keine ausreichende Entschuldigung. "Wenn die nichts sagen oder ihm das Falsche sagen, heißt das noch lange nicht, dass er das nicht sehen muss", nahm der Experte den Fahrer in die Verantwortung. "Man hat zwei Augen im Kopf und man hat auch einen Rückspiegel, in den man hineinschauen kann."
F1-Experte versteht Überrundete: Überblick bei Informationswasserfall schwierig
Nicht nur Sainz hat sich in Ungarn bei seinen Kollegen unbeliebt gemacht. Oliver Bearman stand Isack Hadjar fast zwei Runden lang im Weg, Gabriel Bortoleto ließ Kimi Antonelli länger nicht vorbei und die zwei Racing Bulls fingen an, sich zu bekämpfen, als Max Verstappen daherkam.
Als ehemaliger Formel-1-Fahrer hat Danner auch Verständnis für die Situation der Überrundeten: "Wenn man Rad an Rad kämpft, ist es schwierig, alle möglichen Sachen aufzunehmen, wahrzunehmen und umzusetzen. In der modernen Formel 1 werden wahnsinnig viele Dinge vom Fahrer verlangt. Man muss permanent irgendetwas verändern. Da ist man abgelenkt. Es ist sehr schwer, bei dem ganzen Informationswasserfall den Überblick zu behalten und die Basics nicht außer Acht zu lassen. Besonders in Ungarn, wo Kurve nach Kurve kommt und du dauernd am Bremsen, Einlenken und Gasgeben bist."
Dennoch weiß der Experte: "Das gehört nun einmal zum Beruf des Formel-1-Fahrers dazu." Damit sich so eine Situation wie in Ungarn, die ohnehin schon selten vorkommt, nicht wiederholt, hat er einen Rat an die 22 Piloten: "Vielleicht müssen sich die Fahrer daran gewöhnen, dass neben den ganzen Infos, die man übers Ohr bekommt und auf die man sich blind verlässt, auch noch die eigene Aufnahmefähigkeit gefragt ist." Auch für Sainz hat er noch eine Empfehlung, wie er seine Sommerpause verbringen könnte: "Ein bisschen nachdenken, entspannen und dann wieder gut gelaunt und mit offenen Augen die zweite Saisonhälfte in Angriff nehmen."
Wie Christian Danner zu seiner Formel-1-Zeit mit blauen Flaggen umging und was er zu Cadillacs anhaltenden Problemen, Lando Norris' Leistung und den Änderungen im Rennkalender sagt, könnt ihr im AvD Motorsport-Magazin sehen! Einfach das Video starten:



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