Der Ungarn-GP 2026 sorgte in der Formel 1 für große Empörung. Der zur Überrundung anstehende Carlos Sainz rammte unachtsam mitten im Rennen den um den Sieg kämpfenden McLaren von Oscar Piastri. Leider bei Weitem nicht das erste Mal, dass ein Nachzügler mit blauen Flaggen überfordert ist.
Die Szene zwischen Piastri und Sainz war da ja fast noch harmlos. Sainz, in einem Zweikampf mit Fernando Alonso verstrickt, verlor raus aus der zweiten Kurve auf dem Hungaroring in Runde 38 den Überblick. Piastri dachte, der Williams würde ihn außen in Kurve drei vorbeilassen, doch kaum hatte er sich danebengesetzt, zog Sainz nach links und fuhr ihm gegen den Reifen.
Piastri kostete die Szene gut zwei Sekunden und potenziell die Führung. Trotzdem wäre er potenziell immer noch Zweiter geworden, wenn sein McLaren nicht einige Runden später mit einem nicht zusammenhängenden Getriebeschaden ausgerollt wäre. In sechs anderen berühmten Fällen in der Formel-1-Geschichte gingen solche Unachtsamkeiten viel übler aus.
Brasilien 2018: Max Verstappen wird gegen Esteban Ocon handgreiflich
Die jüngste und potenziell skandalöseste Szene trug sich hier erst vor wenigen Jahren beim Brasilien-GP zu. Max Verstappen hatte sich dort bis Runde 43 eine sehr sichere Führung gegenüber Lewis Hamilton erarbeitet und schien sicher auf Kurs zum Sieg, als plötzlich in seinem Rückspiegel der rosafarbene Force India von Esteban Ocon auftauchte.



Ocon war bereits überrundet und gerade an der Box gewesen. Mit diesen neuen Reifen schloss er jetzt aber überraschenderweise zum Führenden auf. Kurz inquirierte er bei der Box, ob er sich zurückrunden dürfte, dann setzte er sich vor der ersten Kurve außen neben den nichtsahnenden Verstappen. Der steckte nicht einfach zurück. Ocon auch nicht. Sie fuhren den Berg runter in den zweiten Teil der Schikane, Ocon steckte immer noch nicht zurück - und es krachte, Ocon drehte Verstappen um. Dafür kassierte er eine zehnsekündige Stop-and-Go-Strafe.
Verstappen verlor die Führung und konnte sie mit beschädigtem Auto auch nicht zurückholen. Im Ziel war er fuchsteufelswild: "Ich hoffe, ich kann ihn jetzt im Paddock nicht finden..." Leider konnte er. Wenige Augenblicke später kam es bei der FIA-Waage zwischen den beiden zu Handgreiflichkeiten, als Verstappen meinte, Ocon habe seine Argumente nicht ernst genommen: "Ich habe dazu wirklich nicht viel zu sagen, außer, dass er da eine ziemliche Pussy war." FIA-Offizielle schritten nach dem ersten Geschubse ein. Verstappen wurde mit zwei Tagen Öffentlichkeitsarbeit bestraft.
Brasilien 2001: Überrundeter Jos Verstappen fliegt über Juan Pablo Montoya
Verstappens Vater Jos hatte 2001 auf der gleichen Strecke seinen eigenen Moment - auf der anderen Seite als Überrundeter. Das Rennen hatte davor im Zeichen von Juan Pablo Montoya gestanden, der in seinem erst dritten Formel-1-Rennen mit einem spektakulären Manöver bei einem frühen Safety-Car-Restart Michael Schumacher vom ersten Platz verdrängt hatte und seitdem das Rennen anführte.

In Runde 39 fuhr der zehntplatzierte Verstappen brav nach dem Senna-S runter von der Ideallinie, um Montoya überrunden zu lassen. Dann scherte er hinter dem Williams wieder ein, verpasste den nächsten Bremspunkt, krachte Montoya ins Heck und flog über ihn spektakulär in die Auslaufzone. Für beide Fahrer war das Rennen vorbei.
Montoya trug es mit Fassung. Sein Team weniger. Nicht überraschend, war doch der zweite Williams bereits beim Restart in einen Auffahrunfall verwickelt gewesen. Beim nächsten Rennen in Imola klebte das Team sarkastisch einen "Keep your distance!"-Schriftzug hinten auf den Heckflügel.
Währenddessen schaffte es Montoya doch tatsächlich, 2005 noch zweimal mit Überrundeten zu crashen. Im Türkei-GP fuhr ihm Tiago Monteiro im Jordan in einer zum Verstappen-Zwischenfall fast identischen Szene ins Heck. In Spa berührte er das Vorderrad von Williams-Pilot Antonio Pizzonia vor Fagnes, riss sich die Aufhängung ab und verlor einen zweiten Platz.
Spa 1998: Coulthard vs. Schumacher eskaliert in legendärer Regenschlacht
1998 in Spa erlebte die Formel 1 bei Starkregen gleich zwei legendäre Szenen. Einmal natürlich der unvergessene Massencrash beim ersten Startversuch. Als das Rennen im zweiten Anlauf endlich in Gang kam, baute Regenmeister Michael Schumacher sukzessive eine 37-Sekunden-Führung auf. Bei nur noch 11 im Rennen verbleibenden Autos lief er dann auf David Coulthards McLaren auf.
Coulthard hatte einen gebrauchten Arbeitstag. Von P2 gestartet war er ein Schlüsselspieler im ersten Startcrash gewesen, hatte sein Einsatzauto zerstört, im Ersatzauto sich beim zweiten Start in der ersten Runde gleich gedreht und fuhr nun hoffnungslos hinterher. Als er bei miserablem Wetter die Info bekam, dass der Führende hinter ihm sei, nahm er hin zu Pouhon auf der rechten Seite der Strecke Tempo raus.
Das realisierte Schumacher in der dichten Gischt dahinter nicht. Beim unvermeidlichen Auffahrunfall riss er sich das Vorderrad ab. Beide schafften es an die Box, wo Schumacher sofort ausstieg und mit wutverzerrtem Gesicht hinüber zu McLaren marschierte. "Er kam in die Garage und sagte mir, ich hätte ihn umbringen wollen!", berichtete Coulthard später. Eine Wand an Mechanikern und Ferrari-Teamchef Jean Todt unterbanden eine völlige Eskalation.
Coulthard fand Schumachers Reaktion erst völlig überzogen. Bis ihm Jahre später eine ähnliche Situation passierte: "Fakt ist, dass ich vom Gas bin, um ihn vorbeizulassen, aber bei starker Gischt, und auf der Rennlinie. Das solltest du niemals tun. Jetzt würde ich das nie mehr tun."
Monza 1988: Perfekte McLaren-Saison gecrasht, Ferrari-Sensation perfekt
Einen ganz besonderen Platz hat Monza 1988 in der Formel-1-Geschichte. McLaren gewann in dem Jahr nämlich alle anderen Rennen. Nur der Italien-GP endete zwei Runden vor Schluss in einem unvorstellbaren Desaster und verhinderte die einzige perfekte Saison in der Geschichte der Serie.
Die McLaren von Alain Prost und Ayrton Senna hatten davor das Rennen durchwegs angeführt. Prost fiel letztendlich mit einem Defekt aus, aber nicht, ohne davor mit seinem angeschlagenen Auto Senna in ein Duell zu verwickeln, das dessen Benzinverbrauch hochtrieb. Nach Prosts Ausfall managte Senna seine 26-Sekunden-Lücke aber mit Bedacht und war immer noch über 4 Sekunden vorn, als er auf den Williams von Jean-Louis Schlesser auflief.
Der 39-jährige Schlesser, ein Sportwagen-Profi, fuhr in Monza sein einziges F1-Rennen als Ersatz für den kranken Nigel Mansell. Mit dem herannahenden Senna im Rückspiegel verbremste er sich vor der ersten Schikane. Senna stach innen hinein, während Schlesser darum kämpfte, für den zweiten Teil auf der Strecke zu bleiben. Und dort fuhr er Senna aufs Hinterrad und drehte ihn aus dem Rennen.
Unter immensem Jubel übernahmen die Ferraris von Gerhard Berger und Michele Alboreto die Spitze, feierten beim ersten Italien-GP nach dem Tod von Firmengründer Enzo Ferrari einen unglaublichen Doppelsieg und verewigten sich als jene, die McLarens perfekte Saison verhindert hatten.
Kurios aber, dass die Renngötter offenbar nach ausgleichender Gerechtigkeit strebten. Beim Saisonfinale in Adelaide führte Berger nach 25 Runden das Rennen mit 4 Sekunden Vorsprung an, als er zu einer Doppel-Überrundung von Stefano Modena und Rene Arnoux ansetzte. Arnoux, das erste Auto in der Schlange, übersah den Ferrari und crashte ihn aus dem Rennen.
Hockenheim 1982: Nelson Piquet mit Prügel für Eliseo Salazar
Zwei Szenen auf dieser Liste resultierten beinahe in einer ernsten physischen Konfrontation. Und jetzt sind wir bei der einen angekommen, die tatsächlich eskalierte. 1982 war Nelson Piquet im Brabham dem Feld davongefahren und über 20 Sekunden in Führung, als er zum Überrunden des elftplatzierten Eliseo Salazar kam. Er ging vor der Kurve ohne Probleme vorbei, nur um am Scheitelpunkt von einem offenbar überraschten Salazar komplett abgeschossen zu werden.
Wutentbrannt hüpfte Piquet aus dem Cockpit und knöpfte sich Salazar vor. Der musste drei Schläge auf den Helm einstecken und konnte einem Kick gerade noch ausweichen, ehe Streckenposten einschritten. Wie ein Piquet-Freund gegenüber 'Motorsport Magazine' erzählte insofern brisant, dass Piquet drei Jahre davor Salazar in England getroffen, ihm ein paar Leute vorgestellt und ihm damit in die Formel 3 geholfen hatte.
Auch diese Geschichte hat ein weiteres Kuriosum. Jahre später erfuhr Piquet, dass der BMW-Motor im Heck seines Brabhams aller Voraussicht nach aufgrund eines sich ausweitenden Schadens das Rennen nicht durchgehalten hätte. Und damit schließt sich der Kreis zu Sainz und Piastri.



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