Es sei gleich einmal vorausgeschickt: Wenn die Formel 1 heute in Spa ein halbwegs normales Rennen über die Bühne bringt, dann ist alles andere als ein Sieg von Kimi Antonelli nur schwer vorstellbar. Ein paar Unsicherheitsfaktoren gibt es trotzdem noch im Favoritencheck aufzurollen.

Rein nach Pace aber ist Antonelli haushoher Favorit. Mercedes hatte sich am Freitag kurz bloßstellen lassen, als man mit sehr wenig Abtrieb ins Wochenende gestartet war. Zu wenig, man hatte das Gripniveau der Strecke überschätzt. Seit FP2 marschiert Antonelli aber. Bestzeit um Bestzeit kulminierte am Samstag schließlich in einer Pole mit 0,317 Sekunden Vorsprung auf Max Verstappen.

Ferrari-Dämpfer & Russell-Rätsel! Genialer Quali-Trick rettet Verstappen (10:16 Min.)

Dass die Kombination Antonelli und Mercedes im Renntrimm 2026 die schnellste ist, das ist auch sowieso seit mehreren Rennen verbrieft. Nichts am Wochenende hat bisher suggeriert, dass es in Spa anders laufen könnte. Wenn Antonelli den Start gewinnt, ist er auf und davon.

Wie lange kann man Kimi Antonelli nach einem verlorenen Start halten?

Auf der anderen Seite machte sich Antonelli zuletzt in Silverstone im Rennen das Leben gegen Ferrari sehr schwer. Charles Leclerc hatte er dort noch nicht überholt, als sein Auto kaputtging. Allerdings war er auf recht sicherem Kurs dazu. In Spa könnte das Überholen für ihn potenziell auch einfacher sein.

Zuerst ist er beim Start aber ganz klar verwundbar. Zwar ist der Weg zur ersten Haarnadel hier kurz, der den Berg hoch durch Eau Rouge, Raidillon hin zu Les Combes dafür umso länger. Jahr um Jahr wird der nach der Haarnadel Führende hier aufgegabelt und fällt zurück, weil die Autos dahinter einfach unglaublich viel Windschatten bekommen.

Darauf spicken die hinter Antonelli lauernden Max Verstappen, und vor allem George Russell und Charles Leclerc in der zweiten Startreihe. Die größte Gefahr dürfte hier von Russell ausgehen. In Spa kommt Ferraris Motor-Defizit noch einmal deutlich stärker zum Tragen als zuletzt in Silverstone. Über fünf Zehntel verloren sie im Qualifying-Trimm auf den Geraden.

Leclerc und der von P5 losfahrende Lewis Hamilton glauben nicht, dass sie im Rennen einen Mercedes hinter sich halten könnten. Die Topspeed-Frage stellt sich aber auch bei George Russell. Das ganze Wochenende schon hadert er erneut mit schlechteren Werten als Antonelli, die ihm aufwärts von zwei Zehnteln pro Runde kosten.

Selbst wenn Antonelli also am Start zurückfällt - wer soll ihn lange aufhalten. "Aufgrund der langen Geraden ist das Überholen auf dieser Strecke relativ einfach", glaubt auch Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin. Größte Sorge dürften dann faktisch wieder einmal Defekte sein. Aber Antonelli bekam erst am Freitag eine neue Power Unit.

Gibt es strategische Gefahren für Kimi Antonelli im Rennen

Kann aber jemand Antonelli strategisch mit aggressiven Entscheidungen unter Druck setzen, so wie es Ferrari in den letzten Wochen wieder und wieder versuchte? "Der Reifenabbau wird sehr groß sein", fürchtet Antonelli, aber wohl übertreibt er damit etwas. Ja, der Abbau war sehr groß - zu Beginn, am Freitag, als die Strecke wie angesprochen deutlich weniger Grip hatte als erwartet. Alle rutschten mehr herum, das erzeugte überraschend sogar Graining.

Den Kalkulationen von Reifenhersteller Pirelli zufolge ist eine Zweistopp-Strategie mindestens acht Sekunden langsamer als ein Einstopper. Da die Strecke in den vergangenen zwei Tagen Grip aufgebaut hat und kein großer Regen mehr in der Vorhersage steht, sollte das Graining-Problem erledigt sein. Und da es auf der anderen Seite heute kühler sein soll, dürfte das den hitzebedingten Abbau der Hinterachse reduzieren.

Alle Top-Teams haben sich vorsichtshalber trotzdem zwei Sätze Hard gespart. Dessen Verschleiß ist laut Pirelli aber komplett zu vernachlässigen. Ab Runde 14 ist Durchfahren problemlos möglich, theoretisch sollte es sogar schon früher gehen. Das öffnet höchstens die Tür für einen aggressiven Undercut. Ein Wechsel auf einen neuen Hard kann gegen Fahrer mit verschlissenen Soft oder Medium gut und gern sofort eine Sekunde bringen.

Max Verstappen schaut nur auf Ferrari

Niemand von Antonellis Verfolgern glaubt nur, sich je in einer Position zu finden, wo das relativ zum Mercedes relevante Überlegungen sein würden. "Ich will nur mein eigenes Rennen fahren", kündigt Max Verstappen von P2 kommend an. Dass er auch nur ansatzweise im Qualifying dran war, lag an einem perfekt umgesetzten Windschatten von seinem Teamkollegen Isack Hadjar: "Trotzdem sind es über drei Zehntel."

"Ich glaube nicht, dass ich morgen gegen sie fahre, ich schaue in den Spiegel", deutet Verstappen auf George Russell und auf die beiden Ferrari. In diesem Quartett lassen sich Prognosen eigentlich nicht wirklich treffen. Dem Ferrari fehlt der Topspeed, aber er ist auch in Spa immer noch das beste Auto in den Kurven. Zumindest gegen einen Red Bull kann man im Rennen so ums Podium kämpfen.

Unterschätzte McLaren heute im Rennen von Spa?

Eigentlich sollte McLaren in diesem Mix dabei sein. Schlechte Prognosen, wonach das Auto wieder nur das viertschnellste sein würde, hatten sich zumindest im Qualifying nicht bewahrheitet. Ein kleinerer Heckflügel hilft, und außerdem, dass Ferrari mit der fehlenden Leistung hadert und die Kurven hier langsamer sind als in Silverstone. In Highspeed-Kurven von 200 km/h aufwärts verlor McLaren dort. In den mittelschnellen langen Kurven zwischen 150 und 200 in Spa sind sie deutlich besser.

Das brachte vor allem Lando Norris mit einer nahezu perfekten ersten Q3-Runde bis auf vier Zehntel ran an Antonelli. Die Runde war aber so gut, dass Norris nicht glaubt, dass noch mehr drin gewesen wäre, selbst wenn er im zweiten Versuch keinen Fehler gemacht hätte. Und jetzt muss er zurück auf P13. McLaren hat eine Kontroll-Elektronik verbaut. Damit hat jetzt Norris die letzten Mercedes-Zuverlässigkeits-Updates, aber muss eben hier um 10 Plätze nach hinten.

Damit ist er eigentlich schon raus aus dem Kampf um die Top-Plätze und muss erst an zwei Audis, zwei Racing Bulls und zwei Alpines vorbei, um überhaupt ans Ende der Spitzengruppe zu kommen. Verleibt nur der bisweilen in Spa dieses Jahr sehr schwache Oscar Piastri. Sein Team nahm ihn im Qualifying in Schutz: P6 mit zwei Zehnteln Rückstand auf Norris sei auf ein Deployment-Problem zurückzuführen, auf das er selbst keinen Einfluss gehabt hätte.

Piastri ist dann zumindest noch ein Kandidat an diesem großen Podiumskampf mit Verstappen; Russell, Leclerc und Hamilton. Aber Antonelli aufzuhalten traut sich von ihnen niemand zu. Kleiner Spannungsfaktor am hinteren Ende der Top-10 ist dafür Arvid Lindblad in einem groß geupdateten Racing Bull. Weniger als zwei Zehntel fehlten ihm im Qualifying auf Piastri. Man darf zumindest interessiert beobachten, ob da auch starke Rennpace folgt.