Nur zwei Tausendstel voneinander getrennt beendeten Charles Leclerc und Lewis Hamilton ein zähes Formel-1-Qualifying auf der Powerstrecke in Spa-Francorchamps auf den Plätzen 5 und 6, die dank Strafen vor ihnen zu den Startplätzen 4 und 5 werden. Das Motor-Defizit von Ferrari hatte hier nie Gutes verheißen. Doch beide Fahrer ließen am Samstag Chancen liegen, um mehr zu holen.

Wären sie 24 respektive 26 Tausendstel schneller gewesen, so wären Leclerc und Hamilton beide vor George Russell gelandet und beide aus der zweiten Startreihe losgefahren. Reihe zwei ist ohnehin ideal in Spa, wo man aus dieser in der ersten Runde den Berg hoch massiv Windschattenhilfe von der ersten Reihe geschenkt bekommt.

Bei genauerer Betrachtung sind die paar Tausendstel gefunden. Zuerst einmal bei Leclerc. Der hatte sich in Q3 auf seinem zweiten Versuch plötzlich nicht mehr verbessern können. Dabei war er noch 60 Tausendstel schneller, als er in die letzte Schikane einbog, und damit auf Kurs, Russell zu verdrängen.

Dass er dann 90 Tausendstel in der Schikane verlor und nicht einmal seine eigene Runde verbessern konnte, lag nicht an einem kleinen Fahrfehler, schwört Leclerc nach dem Qualifying: "Ich hatte dann eine gelbe Flagge." Was zuerst einmal verwirrt. Im ganzen Q3 wurden von der offiziellen Zeitnahme nur während der kurzen Unterbrechung zum Säubern der Strecke sechs Minuten vor Schluss Flaggen registriert. Mit dem sich bei ablaufender Uhr zutragenden Leclerc-Fall hat das nichts zu tun.

Charles Leclerc lässt sich von gelber Flagge in die Irre führen

Auf der Strecke gab es auch nie eine zu beachtende gelbe Flagge, als Leclerc in die letzte Schikane einbog. Das Problem befand sich in der Boxeneinfahrt. Leclerc war auf ein Standard-Prozedere hereingefallen. Am Ende von Q3 biegen die Autos, die ihre Runden bereits abgeschlossen haben, in die hier in Spa sehr enge Boxeneinfahrt ein, wo sie von FIA-Offiziellen auf temporäre Parkplätze eingewiesen werden.

Eben weil die Einfahrt so eng ist, wird direkt an der Boxeneinfahrt mit einer einfachen gelben Flagge gewarnt. Weil vor Leclerc bereits Isack Hadjar - der lediglich als Windschattenspender von Max Verstappen mitgefahren war - direkt ohne Zeit wieder an die Box kam und eingewiesen wurde, begann der zuständige Streckenposten als Warnung die gelbe Flagge zu schwenken.

Dieses Prozedere ist in Punkt 15.4 der eventspezifischen Vorgaben des Rennleiters exakt definiert. Dort wird vor allem klargestellt: "Diese Flagge ist nicht für die Fahrer gedacht, die auf der Strecke bleiben." Leclerc hätte sie völlig ignorieren können. Nur tat er das nicht. Auf der Onboard ist zu erkennen, wie er beim Einlenken zum letzten Scheitelpunkt noch einmal hinüberschaut und dabei wohl die Bremse länger hält als nötig.

"Ich wusste, da kann Gelb für die Boxeneinfahrt sein", stellt Leclerc nach dem Qualifying zwar klar, dass er die Vorgaben gelesen und verstanden hatte. Doch die Flagge löste eine Reflexhandlung aus: "Für mich ist der Posten von der Strecke aus sehr gut zu sehen. Etwas zu gut für eine gelbe Flagge, die nur die Boxeneinfahrt betrifft."

Lewis Hamilton hadert nach Crash: Ferrari-Setup passt nicht mehr

Bei Ferrari-Teamkollege Lewis Hamilton war im Qualifying auch mehr drin. Hamilton hatte sich bis zum 3. Training im Auto wohl gefühlt, dann war er in den letzten Minuten von FP3 in der Fagnes-Schikane rausgerutscht und hatte sich die Hinterradaufhängung abgerissen. Seine Mechaniker mussten die Mittagspause durcharbeiten, um den SF-26 für das Qualifying wieder fahrbereit zu bekommen.

"Irgendwas war an der Hinterachse nicht dasselbe", meint Hamilton danach. "Die Balance war nicht so wie in FP3, als sich das Auto richtig gut angefühlt hat." Seinem Team kann er aber keinen Vorwurf machen, schließlich hatte er die Eil-Reparatur mit seinem Unfall erzwungen: "Sie haben bis zur letzten Minute gepusht, um die Dinge zu reparieren, ich bin ihnen dankbar. Hoffentlich ist das Auto morgen im Rennen in Ordnung."

Beide Fahrer sind trotzdem nah genug dran, um mindestens im Rennen um das Podium eine Rolle zu spielen. "Ja, aber es wird denke ich schwierig", fürchtet Leclerc. Das Leistungs-Defizit schien sich im Qualifying bei beiden Fahrern auf mehr als eine halbe Sekunde zu belaufen. Selbst wenn man im Rennen Plätze gewinnt - die so zu halten wird schwierig.