Als 2025 die erste Saisonhälfte absolviert war, wussten alle MotoGP-Fans bereits, wer Weltmeister werden würde. Ein Jahr später kann glücklicherweise niemand sicher sein. Der WM-Kampf der Saison 2026 ist hochspannend und abwechslungsreich. Wie schätzen die Protagonisten selbst die Chancen für die zweite Saisonhälfte ein? Das WM-Barometer zur Halbzeit.
Offener MotoGP-Titelkampf: Viele Fahrer auf starken Motorrädern
"Es sieht so aus, als würde niemand diese Meisterschaft anführen wollen", scherzt Pedro Acosta über die ständigen Wendungen eines engen WM-Kampfes. Beim Blick auf die MotoGP-Fahrerwertung haben immer noch acht Fahrer realistische Chancen auf den Titel. Wie ist das überhaupt möglich? Zwei Piloten versuchen sich an einer Erklärung.

"Es wäre falsch zu behaupten, dass keiner diese Meisterschaft gewinnen will. Sie pushen alle sehr", antwortet Francesco Bagnaia etwas ernsthafter, als er auf die Scherze rund um den Titelkampf angesprochen wird. Für ihn ist das Kräfteverhältnis der Hersteller eine Erklärung für die Spannung: "Erstmals ist Ducati in dieser Saison nicht dominant, wie noch in den vergangenen Jahren. Mehr Motorräder sind konkurrenzfähig, wie zuletzt 2020. Der Wettbewerb wird größer. In einem Rennen kannst du 20 Punkte aufholen, in einem anderen einen Punkt und in einem weiteren Rennen kannst du 20 verlieren."
Alex Marquez analysiert: Kein Fahrer hat nötige Konstanz gezeigt
Ein breites Feld an Ducati- und Aprilia-Piloten kämpft um die Spitze. Dazu gesellt sich dann des Öfteren noch Acosta. Laut 'Pecco' ist daher klar der Fahrer der entscheidende Faktor: "Es hängt fast alles von dir selbst ab und wie du dich auf dem Motorrad fühlst. Obwohl ich in den letzten beiden Rennen Punkte verloren habe, könnte ich mir auch die Zeit seit Mugello ansehen und da habe ich 35 [auf die WM-Führung, Anm. d. Red.] aufgeholt."

Auf dieser Argumentationslinie ist auch Alex Marquez. Für ihn hat bisher keiner die Qualität gezeigt, die für einen Vorsprung nötig gewesen wäre: "Niemand war in der Lage, wirklich konstant zu sein, an allen Wochenenden da zu sein. Dieses Jahr ist alles offener, weil die Fahrer mehr Fehler machen im Vergleich zum letzten Jahr oder auch 2024 und 2023. Alles ist offen und interessant. Das ist besser für die Fans. Keiner hat ein konstantes Niveau gezeigt. Der Einzige, der das konnte, war Marco [Bezzecchi] zu Beginn der Saison. Leider hat er sich nun verletzt und hatte nicht gerade viel Glück in den letzten Rennen. Es wird nun spannend zu sehen nach der Sommerpause, welcher Fahrer diese Konstanz findet, denn sie wird sich auszahlen."
Die Erklärungen der beiden können wir auch visuell bestätigen. Beim Blick auf den Verlauf der Meisterschaft bis zur Halbzeit ergibt sich ein ziemliches Durcheinander:
Niemandem ist es bisher gelungen, dieser Weltmeisterschaft wirklich den Stempel aufzudrücken. Wer könnte es in der zweiten Saisonhälfte schaffen?
Drei nehmen sich schonmal raus. "Sicherlich nicht ich", lacht Alex Marquez. Durch die Folgen des Barcelona-Unfalls ist sein Punkterückstand einfach zu groß, obwohl er weiterhin für Spitzenergebnisse gut ist. Aber auch ein aussichtsreicherer Landsmann sieht sich nicht als Titelanwärter. "Ich glaube nicht wirklich, dass ich für einen WM-Kampf bereit bin. Mit Sicherheit hatte ich gute Resultate in den letzten Rennen, aber wenn ich immer mit ihnen kämpfen will, dann muss ich mich noch ein wenig verbessern. Manchmal mache ich noch einige Fehler", meint Trackhouse-Pilot Raul Fernandez. Auch Pedro Acota glaubt mit seinem defektanfälligen Motorrad nicht an eine Chance.
Fabio Di Giannantonio und Ai Ogura zufrieden, aber ohne Ansage im Titelkampf
Zwei weitere sind zufrieden, senden aber keine Kampfansage. "Mit Sicherheit fahren wir eine großartige Saison mit vielen Podien, auch in den Sprint-Rennen. Der Speed war immer da, das ist das Wichtigste. Es scheint nicht nur manchmal auf, sondern wir performen auf jeder Strecke. Im Gesamten ist unsere Saison bisher fantastisch und wir sind nur 24 Punkte vom Führenden entfernt. Es sieht gut aus und ich genieße das sehr", meint Fabio Di Giannantonio.
Der stets wortkarge WM-Zweite Ai Ogura hatte sich überraschend forsch für seine erste Saisonhälfte eine '10 von 10' gegeben, doch beim Thema Titelkampf ist er wieder ganz der Alte: "Ich möchte einfach mein Ding weitermachen und dann sehen wir, wo ich in den nächsten Rennen ins Ziel komme."
Konkurrenz rechnet mit Ai Ogura: Ist immer konkurrenzfähig
Sich selbst den Druck aufzuladen, scheint auch nicht unbedingt die beste Herangehensweise zu sein. Auf andere zu zeigen schon eher. "'Bezz' [Marco Bezzecchi, Anm. d. Red.] hat hart gepusht, aber nun hat ihn Pech erwischt. Er ist für mich aber immer noch der Schnellste auf der Aprilia. Ogura macht einen fantastischen Job, er ist immer konkurrenzfähig. Wenn er in Zukunft noch herausfindet, wie er die ersten Runden richtig gestaltet, dann wird er jeden Sonntag um Siege kämpfen", meint Francesco Bagnaia zur Konkurrenz von Aprilia. Dass er als Einziger seinen Freund Bezzecchi nennt, sollte angesichts der schwierigen letzten Wochen für den Italiener kaum verwundern. In der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins haben wir mit unserem Experten Tom Lüthi über den Unfall und die Verletzung des 27-Jährigen gesprochen:
Ein weiterer Mann war dort auch Thema. Bagnaia hat ihn bereits genannt und Alex Marquez rechnet ebenfalls mit Japans neuem Motorradstar. Doch nennt er auch zwei seiner Landsleute namentlich: "Ogura hat klare Möglichkeiten, Konstanz zu erreichen und das gilt auch für Marc [Marquez]. Wir werden sehen. Martin führt im Moment, aber er hat nicht gerade für viel Aufsehen gesorgt. Es wird vermutlich spannend bis zum Ende."
Marc Marquez der Favorit? "Müssen besten Fahrer der Geschichte schlagen"
Wo wir dann auch schon beim Elefanten im Raum angekommen wären. Dass Alex Marquez es mit Bruder Marc Marquez hält, verwundert wohl niemanden. Aber er ist bei Weitem nicht der Einzige. "Momentan ist Marc derjenige, der die Nummer 1 auf der Verkleidung haben sollte. Marc ist der Mann, den es zu schlagen gilt", meint Pedro Acosta.
Auch dem WM-Führenden Jorge Martin ist klar, wer der größte Konkurrent ist: "Es ist die Herausforderung, den besten Fahrer der Geschichte zu schlagen. Mit ihm überhaupt darum kämpfen zu können, ist für mich bereits fantastisch." Seine aktuell schwächelnde Form muss der 'Martinator' dafür aber dringend verbessern: "Momentan fährt er sicher auf einem anderen Niveau als ich. Aber wenn ich mich zu 100 Prozent auf dem Motorrad wohlfühle, dann glaube ich daran, dass ich mit Marc kämpfen kann. Momentan sind wir aber weit davon entfernt."

Wenn wir kurz über den Tellerrand der Spitzenfahrer hinausblicken, zeigt sich ein ähnliches Bild. Am Ende des Feldes sollte der WM-Kampf eigentlich wenige interessieren, doch einer hat auch dort ausgesprochen, was wohl viele denken. "Die Pakete der Jungs an der Spitze sind im Moment ganz nah beieinander. Also wird es der sein, der der beste Fahrer ist. Ich glaube wir alle wissen, wer der beste Fahrer ist. Ich glaube immer noch, dass er die Meisterschaft gewinnen wird", muss LCR-Ersatzmann Cal Crutchlow nicht einmal den Namen nennen, um uns seinen WM-Tipp mitzuteilen.
Marc Marquez als einziger mit Ansage: Angriff auf den Titel, wenn der Arm mitmacht
Doch was sagt die Nummer 93 selbst dazu? Der Weltmeister sieht nach drei Siegen in den letzten vier Grand Prix immer noch einen wichtigen Störfaktor, den es zu überwinden gilt. Doch gleichzeitig traut er sich als einziger auch eine Ansage zu: "Ich muss mich wiederholen: Wenn mir ein Fortschritt mit meinem [rechten] Arm in der Sommerpause geling, wenn ich durch harte Arbeit ein paar Muskeln wieder aufwecke, die momentan schlafen, dann werden wir versuchen, in der zweiten Saisonhälfte um die Weltmeisterschaft zu kämpfen." Einschränkend fügt Marc Marquez aber noch hinzu: "Wenn das nicht der Fall ist, werde ich jedes Wochenende sehen, was möglich ist." Und in diesem Sinne dürfen die Fans gespannt bleiben: Was wird das nächste Rennen für diesen WM-Kampf bereithalten?
Wie seht ihr die weitere Entwicklung im Titelkampf? Bleibt es so offen wie bisher oder kann Marc Marquez tatsächlich das Ruder übernehmen? Sagt es und in den Kommentaren.



diese MotoGP Nachricht