Marco Bezzecchi steckt in einem tiefen Loch. Nach furiosem MotoGP-Saisonstart hat der Italiener zuletzt an vier Sonntagen in Folge keine Punkte holen können. Am Sachsenring stand der Aprilia-Pilot gar nicht erst am Start, da er im Qualifying schwer per Highsider verunfallte und sich einen komplizierten Bruch des Schlüsselbeins zuzog. Es war der Tiefpunkt schwieriger Wochen. Der Experte von Motorsport-Magazin.com beantwortet die Fragen zum erneuten Rückschlag der Nummer 72.

Aprilia-Technik zu aggressiv eingestellt? MotoGP-Experte mit Erklärung für Bezzecchi-Crash

"Kurve 7 ist eine spezielle Stelle. Man beschleunigt aus Kurve 6 heraus, es geht bergrunter, alles ist immer links in Schräglage. Beschleunigen heißt natürlich, ich bin voll in der Traktionskontrolle drin, ich habe einen gewissen Schlupf am Hinterrad, also das Hinterrad kommt rum, und ich nutze das natürlich auch um zu lenken", erklärte Tom Lüthi die Ausgangslage für den Unfall des Italieners in der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins. Diese könnt ihr hier sehen:

Ogura als WM-Anwärter? Lüthi: Aprilia will Werksteam vorne habe (33:49 Min.)

Im Moment des Wegrutschens greift der Fahrer selbst ein, mit weiterer Folge. "140 bis 150 km/h sind das auf jeden Fall, mit denen Bezzecchi in diesem Fall hineingefahren ist. Dann komme ich mit einem gewissen 'Slip-Slide' am Hinterrad, mache das Gas zu und dann ist das natürlich nicht mehr die Arbeit der Traktionskontrolle, sondern der Motorbremse. Und da war in diesem Übergang von Traktionskontrolle zu Motorbremse, weil das Motorrad schon leicht schräg war, die Motorenbremse vielleicht zu aggressiv", lautet die Vermutung unseres Experten zur Unfallursache.

Tom Lüthi stellt klar: Marco Bezzecchis Highsider nicht abzufangen

Von da an war der Aprilia-Pilot nurmehr Passagier auf dem Katapult: "Ich kann es auch nicht 100-prozentig sagen, aber es kann natürlich schon passieren, dass dieser Slide direkt weitergeht vom Beschleunigen in das Bremsmanöver oder in das Rollmanöver. Dann ist Bezzecchi das Rad komplett weggegangen. Wenn es einmal quer ist, wenn es einmal rutscht, dann ist es vorbei, dann kann er nichts mehr machen."

Dennoch stellt sich da dem Laien die Frage: Wenn Bezzecchi das Gas nicht zumacht, kann er dann den Highsider verhindern und 'kontrolliert' wegrutschen? Lüthi winkt ab: "Nein, das geht nicht. Wenn er den Slide hat, wenn es wegrutscht, dann versucht er das abzufangen mit allem, was er hat. Die erste Reaktion ist ganz klar, Gas zumachen. Er hatte bereits das Gas zu. Also versuchte er es dann mit ausbalancieren, den Lenker aufzumachen, den Slide irgendwie abzufangen und dann heißt es einfach warten, bis der Grip wieder kommt. Der Grip war dann zu spät da, in einem Winkel, bei dem der Highsider schlussendlich unausweichlich war. Aber in dieser Situation, mit dieser Geschwindigkeit, einfach Vollgas zu geben und dann komplett wegzurutschen, also das macht kein Fahrer." Letztlich würde eine solch unkonventionelle Reaktion den Instinkten eines Rennfahrers auch widersprechen: "Jeder Fahrer versucht natürlich den Sturz zu verhindern, bis zum Schluss, bis es halt nicht mehr geht."

Reaktionszeit verlangsamt! Folgen des Assen-Unfalls als Zusatzfaktor

Bezzecchi kam aufgrund des Highspeed-Crashs in Assen ohnehin bereits angeschlagen zum Sachsenring. Eigentlich wollte er das letzte Wochenende vor der Sommerpause nur mit ein paar ordentlichen Punkten überstehen. Tom Lüthi vermutet, dass dieser Zustand beim nächsten Unfall des 27-Jährigen eine Rolle gespielt haben könnte: "Ich möchte nicht sagen, dass das der ausschlaggebende Punkt war, dass er den Sturz hatte. Aber es ist sicher nicht hilfreich, wenn du schon mit Schmerzen aufs Motorrad steigst. Der ganze Körper ist weniger agil, man ist weniger spritzig und die Reaktionszeiten sind verlangsamt."

Letztlich können auch Kleinigkeiten am Limit den Unterschied ausmachen: "Das ist ein ganz kleiner Bereich, aber das kann in einer Extremsituation, die Bezzecchi hatte, schon ausreichen, dass da vielleicht die elektronische Abstimmung und seine körperliche Fitness so zusammenspielen, dass es zu so einem Sturz kommen kann."

Bezzecchi kam bereits angeschlagen nach Deutschland, Foto: IMAGO / Alexander Trienitz
Bezzecchi kam bereits angeschlagen nach Deutschland, Foto: IMAGO / Alexander Trienitz

Lüthi fuhr einst mit Schlüsselbeinbruch, aber: Keine Starterlaubnis für Marco Bezzecchi richtig

Nun sind MotoGP-Pilot bekanntermaßen harte Hunde. Hätte Marco Bezzecchi vielleicht sogar mit gebrochenem Schlüsselbein starten können? Tom Lüthi hat es einst selbst getan: "Damit habe ich meine Erfahrung gemacht und da gab es auch Geschichten, wo ich sogar mit gebrochenem Schlüsselbein gefahren bin in Assen [in der Moto2-Saison 2010, Anm. d. Red.]. Damals war das aber zum Glück ein glatter Bruch, nichts kompliziertes, also ist es unmöglich, das mit Marco Bezzecchi zu vergleichen. Das wurde mir damals komplett zugetapet, gespritzt und betäubt. Und so bin ich das Rennen dann gefahren und bin sogar auf das Podest gefahren. Wie das damals ging, kann ich mir heute eigentlich auch nicht erklären." Eine Option für Bezzecchi stellte diese alte Heldengeschichte nicht dar: "Heutzutage wirken ganz andere Kräfte auf die Fahrer und die Motorräder. Das kann man nicht vergleichen."

Tom Lüthi in der Moto2-Saison 2010
2010 fuhr Tom Lüthi mit Schlüsselbeinbruch, Foto: IMAGO / Alterphotos

Außerdem hätte der Italiener auch bei allem Kampfgeist der Welt gar nicht teilnehmen dürfen, was unser Experte ausdrücklich begrüßt: "Es wäre sowieso nicht mehr möglich, weil die heutzutage auch strenger sind. Das finde ich gut. Da wird wirklich früher ein Riegel vorgeschoben. Nein, du bist unfit für das Wochenende, du darfst nicht aufs Motorrad steigen. Das war früher nicht der Fall. Früher war eher so die Aussage, wenn du wirklich fahren willst, dann kannst du auch fahren. Das kann dann gefährlich werden, weil jeder Rennfahrer will natürlich fahren. Wenn es irgendwie geht, wenn er irgendeine kleine Chance sieht auf Punkte oder auf noch größere Erfolge, dann steigt er auf das Motorrad und fährt. Ich finde es gut, dass die Ärzte da strenger geworden sind."

MotoGP-Comeback in Silverstone? Auch Tom Lüthi zweifelt

Jetzt stellt sich die Frage, ob Marco Bezzecchi nach der Sommerpause wieder in den WM-Kampf eingreifen kann? Die Meldung Aprilias nach erfolgreicher OP ließ Zweifel an einem Start in Silverstone (7. bis 9. August). Diese teilt auch Tom Lüthi: "Anscheinend war es ein komplizierter Bruch und nicht nur - das sage ich jetzt in Anführungszeichen - ein glatter Bruch des Schlüsselbeins. Wenn das komplizierter war, dann braucht das einfach auch mehr Zeit, um zu heilen. Dann könnte es schon sein, dass er einfach noch nicht fit genug ist und noch nicht die Kraft hat, dann wirklich in Silverstone fahren zu können."

Da Marco Bezzecchi im Vorjahr direkt in den Unfall und die Verletzung von Marc Marquez in Indonesien verwickelt war, sprachen viele Fans in den sozialen Medien von 'Karma'. Der Weltmeister hat zu diesen Aussagen eine mehr als klare Meinung: