Lange Zeit bestimmten Marco Bezzecchi und Jorge Martin die Schlagzeilen in der MotoGP. Das Aprilia-Duo startete bestens in die Saison 2026 schwang sich früh zu den Titelfavoriten auf. Speziell Bezzecchi düste mit vier Siegen am Sonntag in den ersten sieben Grands Prix allen davon. Spätestens seit ihrer Startkollision am Balaton Park hat sich das Bild aber drastisch gewandelt. Bei Aprilia gibt jetzt ein Kundenpilot den Ton an: Ai Ogura.
"10 von 10" - Ai Ogura gibt sich perfektes Zeugnis für erste Saisonhälfte 2026
"Ich kann meine erste Saisonhälfte nicht hoch genug einschätzen", schwärmte der ansonsten so wortkarge und zurückhaltende Japaner nach dem Deutschland-Grand-Prix. Eine "10 von 10" gebe er sich selbst für seine Leistungen in der ersten Saisonhälfte 2026. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich so stark sein würde", begründete er und lachte: "Es war gut."

Speziell nach den letzten Wochen könnte "gut" aber kaum untertriebener sein. In Assen gewann er als erster Japaner seit Makoto Tamada im Jahr 2004 wieder ein MotoGP-Rennen, stand zuletzt dreimal in Folge am Sonntag auf dem Podium. Im Land der aufgehenden Sonne hat das zuletzt Tohru Ukawa zu Beginn der Saison 2002 geschafft, also vor fast einer viertel Dekade. Kein Wunder daher, dass Teamchef Davide Brivio am Sachsenring schwärmte: "Ai schafft es immer wieder, uns zu überraschen."
Qualifying-Schwäche abgelegt? Ai Ogura glaubt schon, Tom Lüthi hat Zweifel
Stand der 25-Jährige aus Kiyose zu Saisonbeginn noch etwas im Schatten seiner Markenkollegen, fuhr er sich in den vergangenen Wochen vor allem auch deshalb in den Vordergrund, weil er etwas schaffte, das anderen Reifenflüsterern wie Enea Bastianini bislang verwehrt blieb: Die Qualifying-Schwäche abzulegen. Startete er zuvor von den Plätzen 8, 6, 11, 11, 9, 18, 13 und 10, klickte es im Automotodrom von Brünn endlich. Die Qualifying-Ergebnisse seither? 1, 2 und 5 - sehr zur Freude des Trackhouse-Piloten: "Das Qualifying war unser Schwachpunkt und das konnten wir jetzt endlich verbessern."
Ein entscheidendes Detail, denn wer weiter vorne startet, muss im Rennen schließlich auch weniger aufholen. Rein auf dem Papier sollte also auch in der zweiten Saisonhälfte jetzt überall mit Ogura zu rechnen sein. Unser Experte Tom Lüthi hat da aber noch Zweifel. "Wir hatten in Brünn und Assen hohe Temperaturen und wenig Grip. Das hilft natürlich auch beim Qualifying. Sein Fahrstil funktioniert da sehr gut, auch auf eine schnelle Runde. Er ist da trotzdem nicht zu aggressiv, sondern lässt es laufen. Und am Sachsenring kennen wir die Strecke sowieso. Viele Linkskurven, sehr lange Schräglage. Da heißt es auch während einer schnellen Qualifying-Runde sehr smooth und vorsichtig zu sein. Und der Ai Ogura hat das immer besser hinbekommen", will der Schweizer im Interwetten MotoGP-Magazin noch nicht von einem finalen Durchbruch reden. Die neuste Ausgabe könnt ihr euch hier ansehen:
"Wir werden das auf anderen Rennstrecken weiter beobachten, vielleicht auch mal bei anderen Temperaturen und anderen Gripverhältnissen", meint Lüthi weiter, lobte anschließend aber auch: "Bis jetzt macht er seine Sache gut." Ob nun von Dauer oder nicht, klar ist: Die Ergebnisse seit dem vermeintlichen Qualifying-Durchbruch in Brünn können sich mehr also nur sehen lassen. Zweimal Zweiter im Automotodrom, dann Zweiter und Erster in Assen und zum Abschluss der ersten Saisonhälfte 2026 dann noch Vierter und Zweiter am Sachsenring. Das macht in Summe 89 Punkte - mehr holte in diesem Zeitraum nicht einmal Marc Marquez (87).
Ai Ogura jetzt MotoGP-Titelkandidat? Tom Lüthi glaubt nicht, dass Aprilia das will
Die logische Konsequenz: Während Bezzecchi und Co. haben federn lassen, ist Ogura in der Weltmeisterschaft stetig nach oben geklettert und zur Halbzeitmarke auf Rang zwei angelangt. Zu Martin fehlen lediglich noch 14 Punkte. Kein Wunder also, dass sich der Trackhouse-Pilot inzwischen auch selbst im Rennen um den WM-Titel sieht. "Die Zahlen sagen das, ja'", ordnete er bereits nach Assen in typischer Manier ein. Und die Wahrheit ist: Ohne den Defekt in Austin, der Ogura auf Platz drei liegend ausscheiden ließ, wäre er sogar schon als WM-Führender zum "Fischen und Motorrad fahren" in die Sommerpause gegangen.

Die Nummer 79 muss inzwischen ernst genommen werden, und das gefällt nicht jedem. "Er wird natürlich versuchen, das Werksteam vorne zu haben", glaubt Lüthi beispielsweise nicht, dass Ogura der Wunsch-Weltmeister von Aprilias Racing-CEO Massimo Rivola ist. Denn "das wäre schon eine Watschen, wenn das Kundenteam da gewinnt." Zudem gilt es natürlich zu bedenken, dass der Japaner Trackhouse mit Saisonende verlässt und 2027 zu Yamaha wechselt. Da wäre es sicher nicht gerne gesehen, wenn die #1 nächstes Jahr auf einer YZR-M1 prangt. Man solle sich daher nicht zu viele Hoffnungen auf einen WM-Gewinn Oguras machen. Aber letztlich weiß Lüthi auch: Im Zweifelsfall "lieber eine Aprilia als eine Ducati ganz vorne."
Was glaubt ihr: Kann Ai Ogura schon 2026 MotoGP-Weltmeister werden? Sagt uns eure Meinung in den Kommentaren!
Eine entscheidende Rolle im Titelkampf wird sicher auch Marc Marquez spielen. Wie Tom Lüthi dessen überlegene Leistungen am Sachsenring beurteilt, erfahrt ihr in diesem Artikel:



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