Zeitweise mag es im Qualifying bei der Formel 1 am Samstag in Spa besser gewirkt haben, doch in der Pole-Entscheidung in Q3 war George Russell mit P4 und 0,508 Sekunden Rückstand auf Kimi Antonelli eigentlich genau da, wo man ihn nach den schwachen Trainings erwarten konnte. Russells Sinnkrise vollzieht danach prompt wieder eine Kehrtwende. Weg vom Fahrstil - und zurück zu einem technischen Problem.
Wieder und wieder beklagte sich Russell im Verlauf des Belgien-Wochenendes über fehlenden Topspeed relativ zu Antonelli. Genau wie er es schon in Silverstone getan hatte. Am zweiten Wochenende wird die Lage nun immer verworrener. Schließlich hatte Mercedes in Silverstone im Rennen Russells Beschwerden schon abgetan.
George Russell nach Spa-Pleite sicher: Ich bin nicht schuld
Ursprünglich hatte man dort nämlich gedacht, es sei ein Problem mit den Bremsen gewesen, hatte dort aber nichts gefunden. "Dann dachten wir, es sei mein Fahrstil, mit dem Gaspedal", klagt Russell am Samstag nach dem Qualifying sein Leid. Mit den 2026er-Autos ist das Verhalten auf dem Gaspedal entscheidend, und selbst kleine Details können beim Durchfahren von Kurven dazu führen, dass das Hybrid-System zu viel Energie zu früh oder an falschen Stellen einsetzt.
"Ich habe mich selbst davon überzeugt, dass es an mir läge", so Russell, der das am Donnerstag vor dem Wochenende schon mit überfrachteten Vergleichen in seiner Presserunde dargelegt hatte. Wie unnatürlich es sei. Verglichen mit dem Kopieren der Mona Lisa hatte er es. Dann ging es raus auf die Strecke, und mit fortlaufendem Wochenende wurde es zunehmend hoffnungslos.
"Jetzt bin ich mir sehr sicher, dass es nicht mein Fahrstil ist, und dass hier ein ernstes Problem vorliegt", schwört Russell nach dem Qualifying. "Ich war sehr zufrieden mit meiner Runde. Damit hätte ich mindestens um die erste Reihe kämpfen sollen. Aber mein ganzer Fokus in den letzten 36 Stunden war Topspeed. Nicht Setup, nicht Reifen, wir versuchen alle nur das zu lösen."
George Russell verzweifelt im Qualifying: Fühlst dich machtlos
Am Freitag hatte das Team erst den Benzin-Durchfluss-Begrenzer ins Visier genommen. Aber bis zum Qualifying hatte sich nichts wirklich verbessert. "Gestern waren es acht Zehntel, heute vier, ein Schritt in die richtige Richtung", kommentiert Russell nicht ganz ohne Ironie. "Selbst auf meiner letzten Runde habe ich aus irgendeinem Grund noch einmal eineinhalb Zehntel auf den Geraden verloren."
Mercedes schätzt nach dem Qualifying, dass in etwa die Hälfte der fünf Zehntel Unterschied zwischen Antonelli und Russell auf das unerklärliche Defizit zurückgehen. Das geben auch die Daten her. Russell ist langsamer raus aus La Source hin zu Eau Rouge, er ist langsamer raus aus Pouhon hin zu Fagnes, er ist langsamer durch Blanchimont bis zur Bus-Stop-Schikane.
Es scheint nie berechenbar, kann je nach Runde zwischen 3 und 10 km/h variieren. Auch sind die Stellen vom Charakter her völlig unterschiedlich. Der Mercedes etwa nutzt raus aus Pouhon keine Energie mehr und fährt nur mit dem Verbrenner, dort ist auch der Straight Mode nicht aktiv. Andere Stellen sind welche mit Elektro-Schub und mit aktiviertem Straight Mode, oder Ladebereiche. "Du schaust auf dein Lenkrad und verlierst einfach Tempo, während du auf einer Geraden voll am Gas stehst", verzweifelt Russell. "Du fühlst dich machtlos."
Russell am Siedepunkt angelangt: Ich bete für eine Lösung in Budapest
Das Team ist nach dem Qualifying genauso ratlos. "Ist es der ältere Motor?", überlegt Teamchef Toto Wolff gegenüber ServusTV. Antonelli hatte am Freitag eine neue Power Unit bekommen, weil seine letzte für einen Sicherheitscheck ins Werk zurückgebracht worden war. Aber Russells Motor sollte der aus Österreich sein, hat also nur zwei Wochenenden drauf, so schnell sollte der keine zwei Zehntel und mehrere km/h Topspeed verlieren: "Es dürfte nicht sein. Wir sind in den letzten Tagen voll dran, und versuchen, das zu erklären."
"Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es die Power Unit ist", meint Russell. Dass seine Ingenieure alles geben, sieht er: "Das Team arbeitet hart daran, das zu lösen. Aber auf jeder Runde sehe ich irgendwas im Bereich von zwei bis sechs Zehnteln auf den Geraden verschwinden. Das regt mich richtig auf."
Russell akzeptiert dabei immer noch, dass er auch fahrerisch Zeit liegen lässt: "Wenn ich mir die Kurven anschaue, dann war ich in vielen Kurven schneller, in anderen Kurven muss ich nachbessern. Aber die Kurven sehen wie ein normaler Kampf um die Pole aus. Die Geraden nicht. Ich weiß nicht, was die Lösung ist, aber ich bete, dass wir es vor Budapest finden."
Auf der anderen Garagenseite verbringt Kimi Antonelli seine Qualifyings mit Sorgen auf ganz anderem Niveau. "In Q1 fühlte ich mich etwas verloren, als der Wind zunahm, die Balance war etwas stärker am Limit", lauten seine Beschwerden. Mit Frontflügel-Anpassungen hatte er das bis Q3 schnell aussortiert: "Das hat mir mehr Vertrauen gegeben, noch mehr zu pushen. Es war gut, wir waren in allen Sektoren stark."
Auf seiner ersten Q3-Runde übertrieb er es noch etwas und verlor die Reifen. Auf der zweiten wusste er, was zu tun war, und holte Pole um 0,317 Sekunden vor Max Verstappen: "Es war teilweise schwierig einzuschätzen, das Superclipping kam mehr und mehr und änderte die Referenzen. Das war die Herausforderung im Quali. In der letzten Runde wollte ich einfach überall etwas mehr Speed mit reinnehmen, und das Auto klebte."



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