Dass Max Verstappen mit der neuen Formel-1-Regelgeneration von Anfang an nichts anfangen konnte, ist allseits bekannt. In den letzten Wochen in Silverstone und nun auch in Spa zeigte sich anschaulich, was seine großen Probleme mit den aktuellen Autos sind. Doch auch der Red-Bull-Fahrer selbst ist es leid, immer wieder dieselbe Leier an Kritik abzulassen.

Max Verstappen: Das ist Formel-3-Power mit Formel-1-Downforce

Nach dem Qualifying in Spa hält er diese deshalb bewusst knapp. Eine Bestandsaufnahme liefert er aber trotzdem: "Für den Großteil von Sektor 2 fahren wir nur mit dem Verbrennungsmotor. Was sind das, 450, 500 PS? Irgend so etwas. Das ist mehr oder weniger, was ein Formel-3-Auto hat, aber mit Formel-1-Downforce. Ihr könnt euch also vorstellen, dass das nicht sehr aufregend zu fahren ist", erzählt Verstappen.

Danach verpasst er sich selbst ein Redeverbot, kann sich einen scharfen Witz aber doch nicht verkneifen. "Ehrlich gesagt, ich will nicht hier sitzen und mich wieder beschweren, denn wahrscheinlich erschießt mich sonst jemand vor der Tür", so der dreifache Spa-Sieger. Auf der Strecke in Belgien greifen einige Faktoren ineinander. Einerseits die enorme Länge, andererseits die langen Power-Abschnitte am Anfang und am Ende der Runde, wo rundenzeitoptimiert der Großteil der Elektro-Leistung eingespeist wird.

Verstappen trauert um seine Fabelstrecke: "Es ist ein anderes Spa"

Dazwischen bleibt nicht viel übrig für Sektor 2. Darunter leidet vor allem Pouhon, die, nachdem Eau Rouge und Blanchimont schon seit Jahrzehnten voll gehen, in der jüngeren Vergangenheit auf der 7-Kilometer-Strecke zu der Mutkurve schlechthin wurde. 2026 geht sie locker, ohne vom Gas zu gehen, wie in der Pressekonferenz nach dem Qualifying die Top-3-Piloten einhellig bestätigten.

"Es ist keine Kurve mehr, es ist einfach voll", sagte etwa Norris, Kimi Antonelli bestätigte das. Verstappen fasste das Problem noch breiter: "Es ist nicht nur Pouhon. Es ist die gesamte Strecke. Es ist ein anderes Spa", trauerte er um seine Lieblingsstrecke, auf der er zwischen 2021 und 2024 viermal in Serie das Qualifying für sich entschieden und in den Jahren 2022 und 2023 jeweils nach Motorstrafen auch zwei seiner bemerkenswertesten Aufholjagden hingelegt hatte.

Damit hat er seiner eigenen Aussage nach abgeschlossen. "Ich passe mich mental daran an und versuche das Beste daraus zu machen. Auch wenn es nicht das ist, was ich mag und was ich an der Formel 1 liebe", gab er sich niedergeschlagen. Aber welche Alternativen hat er schon? "Ich kann auch zu Hause sitzen und nichts fahren. Das gibt mir auch nichts, also versuche ich einfach mein Bestes", so der 72-fache Formel-1-Rennsieger.

Mit seiner Kritik steht Verstappen bei Weitem nicht alleine da, erst recht nicht an diesem Wochenende, an dem der Leistungs-Rückschritt zu 2026 so frappierend zutage tritt. Bereits am Freitag beschwerten sich Lando Norris und Oliver Bearman in scharfen Worten über die Power-Armut der Formel-1-Boliden. In unserer Rundenanalyse vom Trainingstag könnt ihr nachlesen, wo die Autos verglichen mit dem Vorjahr besonders langsam sind:

Hamilton & Sainz ärgen sich: Haben das seit Jahren in den Simulationen gesehen

Nach dem Qualifying traten auch Lewis Hamilton und Carlos Sainz auf den Plan und beide hinterfragten in scharfen Worten die Entscheidungen, welche dazu geführt hatten, dass die aktuelle Formel-1-Motorgeneration diese groteske Form angenommen hat. Vor allem, da bereits vor Jahren Simulationen auf genau jene Problempunkte aufmerksam gemacht hatten, die nun auch in der Realität auftreten.

"Wir haben es sofort [in den damaligen Simulationen, d. Red] gesehen. Ich weiß nicht, wer die Entscheidungen getroffen hat und ob derjenige noch seinen Job hat", nahm Hamilton kein Blatt vor dem Mund. Er vertritt schon seit dem Beginn der Formel-1-Saison den Standpunkt, dass die aktuellen Boliden gut und spaßig zu fahren sind, nur mit den Power Units wird er nicht warm.

Carlos Sainz schlug in eine ähnliche Kerbe: "Ich denke, niemandem gefallen die Qualifying-Runden so wie die im letzten Jahr. Wir haben mit diesen Autos in Spa ziemlich viel verloren." Auch wenn er sich vor Generalkritik an der Formel 1 hütet, zielt auch er auf die Entscheidungsträger für die sportlichen Regeln in der Formel 1.

Carlos Sainz: "Das hätte niemals passieren dürfen"

"Ich weiß nicht, wie irgendjemand sich 2022 oder 2023 die Simulationen angeschaut haben kann und dann gesagt hat, dass das akzeptabel ist. Da muss man analysieren, was geschehen ist, denn es hätte niemals so passieren dürfen", so Sainz. Genau diese Frage ist aber nicht so einfach zu beantworten. Denn auch wenn es letztendlich in der Zuständigkeit der FIA liegt, die sportlichen und technischen Regeln zu schreiben, befand sich diese bei der Ausarbeitung der Regeln in ständigem Austausch mit den Motorlieferanten und den Teams und war auch entsprechendem Druck ausgesetzt.

Eine Reihe von Herstellern machten ihren Verbleib beziehungsweise Eintritt in den Sport von einer zunehmenden Elektrifizierung der Königsklasse abhängig. Audi, Mercedes oder Honda wurden in diesem Zusammenhang oft genannt. Gleichzeitig wurde die MGU-H entfernt, da sie als zu kompliziert und als abschreckend für Neueinsteiger eingestuft wurde. Die etablierten Motorhersteller stemmten sich andererseits gegen Allrad-Systeme, da man dadurch befürchtete, dass Audi einen zu großen Vorteil aus ihrem ehemaligen LMP1-Projekt mitbringen könnte. Die aktuellen Regeln wurden so zu einem Kompromiss aus diesen Faktoren.

Ein Kompromiss, der schnell gescheitert ist, und in den nächsten beiden Jahren stufenweise mit weitreichenden Änderungen an den F1-Motorregeln wieder entworren werden soll. Die Power-Verteilung von circa 53 zu 47 Prozent zwischen Verbrenner und Elektro wird 2027 zu einem Verhältnis von 58/42 und 2028 zu 60/40. Wie diese Leistungsanpassung konkret durchgesetzt wird, könnt ihr hier nachlesen:

Sainz baut darauf, dass diese Änderungen das Problem verringern und Strecken wie Spa wieder etwas von ihrem Reiz zurückgewinnen. "Ich will meinen eigenen Sport nicht kleinreden, denn das hilft nichts. Wir alle wissen, dass das nicht gut genug ist, und sich ändern muss. Hoffentlich wird es nächstes Jahr einen Schritt besser und im Jahr darauf einen weiteren", sagte der Williams-Pilot.

Ins Rennen geht Sainz am Sonntag beim Belgien-GP von P14. Er wird wohl auf Schützenhilfe hoffen müssen, um in den Punktekampf eingreifen zu können. Die Pole Position ging in Spa unterdessen an Kimi Antonelli. Den gesamten Qualifying-Bericht könnt ihr hier nachlesen: