Für George Russell ist in der Formel-1-Saison 2026 jedes Wochenende eine Wundertüte. Passt die Pace, oder nicht? Nach seinem Befreiungsschlag in Österreich schlug das Pendel in Silverstone wieder in die andere Richtung aus. Vor dem Rennen in Spa-Francorchamps an diesem Wochenende gibt der Mercedes-Fahrer eine selbstsichere Erklärung ab. Performance-Achterbahn in den Daten klar ersichtlich - die Lösungen jedoch nicht.
"Das ist so, als würdest du jemanden bitten, die Mona Lisa zu zeichnen, und ihm die Mona Lisa danebenlegen. Denkst du, das könnte man sofort hinbekommen? Mit Übung schafft man das, und so ist es mit diesen neuen Power Units, den neuen Reifen und diesen neuen Autos. Ich muss das Auto auf eine Weise abstimmen, die zu meinem Fahrstil nicht passt", zieht Russell zur Erklärung seiner persönlichen Herausforderung einen abenteuerlichen Vergleich. Obwohl es sich gar nicht so leicht umsetzen lässt, bleiben für ihn dennoch keine Fragen offen.
"Das Gute ist, dass ich nicht ein schwieriges Wochenende im Unklaren darüber verlassen habe, wo die Pace ist", erklärt der 28-Jährige, der dieses Jahr mit seinen Erfolgen in Melbourne und Silverstone bis dato erst zwei Siege gefeiert hat. WM-Leader und Mercedes-Teamkollege Kimi Antonelli steht bei fünf Siegen. In der Gesamtwertung steht der Italiener nach zehn von 22 Rennen mit 179 Punkten an der Spitze, Russell liegt 25 Zähler dahinter.
In Silverstone hatte Antonelli zuletzt wieder klar die Oberhand im Lager der Silberpfeile. Sein zweiter technischbedingter Ausfall innerhalb von vier Rennen spielte Russell allerdings in die Karten. Er konnte den Rückstand dank seines zweiten Platzes somit drastisch verringern. Das gesamte Wochenende monierte er jedoch fehlende Straightline-Speed als Grund für seinen Rückstand auf den Teamkollegen. In diesen Fällen bringt ihm das Debrief die nötige Gewissheit.
George Russell fühlt sich durch Formel-1-Daten bestätigt
"Es ist auf den Daten dann so klar gewesen. Manchmal ist es so offensichtlich, dass Shov [Andrew Shovlin] unser Chef-Ingenieur es beinahe ein Auto-Problem nennt. Es ist in den Daten klar ersichtlich und nicht zu lösen", erklärt Russell, dass er dieses Jahr oft höherer Gewalt ausgeliefert war. "Das ist etwas anderes, als das, was ich in der Vergangenheit von anderen Fahrern, oder auch Teamkollegen gesehen habe, wenn ihnen die Pace fehlt. Sie zerbrechen sich dann den Kopf über das Warum."
Russell befindet sich trotz der schwankenden Leistungen daher nicht auf einer anhaltenden Suche nach den richtigen Fragen. "Ich weiß immer genau, warum ich nicht gewonnen habe oder auf Pole stand. Es ist in den Daten deutlich zu sehen, warum das so ist und was ich verbessern muss. Und wenn ich auf Pole stehe, weiß ich auch, warum das so ist. Es ist nicht so, dass ich plötzlich an einem Tag das Fahren verlernt habe und am nächsten erinnere ich mich wieder", beteuert der Brite.
In den vergangenen beiden Jahren hatte er seine teaminternen Duelle, zunächst gegen Lewis Hamilton und dann gegen Kimi Antonelli, gewonnen. Für Russell liegt die Erklärung auf der Hand: "Ich bringe das Auto nur nicht so oft wie letztes Jahr in den für mich optimalen Bereich. Ich hatte da eine gute Trefferquote, wenn es darum ging, das maximale Potential des Autos, des Setups und der Reifen mit meinen Ingenieuren abzurufen. Dieses Jahr ist die Trefferquote einfach deutlich geringer und ich arbeite daran, hier wieder konstanter zu werden."
Formel-1-Fahrstil nach 20 Jahren nicht so einfach anzupassen
Doch wenn die Gründe so klar auf der Hand respektive in den Daten liegen, woran hapert die Umsetzung auf der Rennstrecke? "Ich muss auf eine Art und Weise fahren, auf die ich meine gesamte Karriere nie gefahren bin. Ich muss mich daran anpassen und ich weiß auch genau, was ich tun muss. Aber rausgehen und das zu erreichen - ich bin 20 Jahre auf eine bestimmte Weise gefahren, vor allem hat es 20 Jahre so funktioniert - und jetzt funktioniert es zu 50 Prozent der Zeit und die anderen 50 Prozent nicht", so der siebenfache Grand-Prix-Sieger.
Auf diese Weise wird für ihn jede Rennstrecke in diesem Jahr trotz all seiner Erfahrung aufs Neue zu einer Wundertüte: "Ich versuche zu erkennen, ob es dieses Wochenende auf meine normale Weise funktioniert oder ich meinen Ansatz anpassen muss. Wenn ich mich anpassen muss, wie mache ich das und wie bin ich dabei schnell? Wenn ich auf meinem besten Level performe, mache ich das unterbewusst. Ich muss nicht einmal über mein Fahren nachdenken. Und jetzt muss ich darüber nachdenken, wie ich diese Techniken zu unterbewussten Techniken mache. Das ist die Herausforderung."


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