Der Ausgang des Großbritannien GP sorgt auch zwei Wochen später noch für Diskussionen im Fahrerlager. Weil Max Verstappen in Runde 48 von 52 in der Stowe-Kurve im Kiesbett stecken blieb, ging das Safety-Car auf die Strecke und blieb bis zum Ende draußen. Damit wurden die Formel 1-Fans um ein potenziell spannendes Finish gebracht.
Warum das Rennen hinter dem Safety-Car zu Ende ging, kannst du in der Erklärung von Markus nachlesen:
Doch lässt es sich überhaupt vermeiden, dass ein Grand Prix hinter dem Safety-Car endet, beziehungsweise sollte die Rennleitung einen größeren Spielraum bekommen, um Rennen im Zweifel mit einer roten Flagge zu neutralisieren? Als beim Australien GP 2023 vier Runden vor Schluss Kevin Magnussen in die Mauer krachte und eine rote Flagge folgte, entschieden sich die Offiziellen das Rennen für einen Sprint über zwei Runden neu zu starten.
F1-Dilemma: Show vs. Sportliche Fairness
"Das war eines der besten Rennen überhaupt", erinnert sich Lewis Hamilton heute noch gern zurück. Aus dieser Erfahrung heraus würde der Ferrari-Pilot in nahezu jedem Rennen so vorgehen. Allerdings lag Hamilton damals auf Platz zwei, während Max Verstappen an der Spitze der Konkurrenz längst enteilt war. Obwohl sich der Red-Bull-Pilot auch nach dem chaotischen Restart durchsetzen und den Grand Prix gewinnen konnte, büßte er seinen gesamten Vorsprung durch die Neutralisation ein.
Und genau das stößt George Russell auf. "Ist es wirklich fair gegenüber einem Fahrer, der sich einen Vorsprung von 22 Sekunden herausgefahren hat und dann gibt es eine rote Flagge, die das Rennen drei Runden vor Schluss komplett auf den Kopf stellt? Er hat sich diesen Vorsprung schließlich ehrlich erarbeitet", gibt der Mercedes-Pilot zu bedenken. Für ihn wäre ein solcher Abbruch nur akzeptabel, wenn noch mindestens 25 bis 30 Prozent der Renndistanz zu fahren sind. Die Vorgehensweise aus Melbourne hält Hamiltons ehemaliger Teamkollege für nicht gut.
Mit Blick auf das umstrittene Ende in Silverstone meint Russell: "Natürlich liebe ich es, wenn ein Rennen bis zum Schluss unter Rennbedingungen entschieden wird. Aber wenn es den Vorfall [Verstappen-Ausfall] nicht gegeben hätte, hätte es in den letzten Runden ohnehin kein großes Finale gegeben." Tatsächlich hatte Charles Leclerc nach dem technischen Defekt von Kimi Antonelli praktisch keinen Gegner mehr im Kampf um den Sieg. Durch den Umstand, dass das Rennen neutralisiert ins Ziel lief, blieb sein erster Saisonsieg im Jahr 2026 ungefährdet.
Entsprechend wenig hatte der Ferrari-Pilot am Ausgang auszusetzen. "Ich war mit dem Ende in Silverstone sehr zufrieden", erklärte Leclerc schmunzelnd in der FIA-Pressekonferenz. Für ihn steht generell der Sicherheitsaspekt an erster Stelle: "Die Sicherheit muss in solchen Momenten immer an erster Stelle stehen. Es wird immer Menschen geben, die damit unzufrieden sind, wie eine Situation gehandhabt wird."
Auch der aktuelle WM-Leader Kimi Antonelli glaubt nicht an die eine, perfekte Lösung, die alle glücklich macht: "Wenn die Regeln so sind und sie eingehalten werden, dann ist das völlig in Ordnung. Manchmal gibt es nach einem Safety-Car einen Restart, manchmal eben nicht – so wie in Silverstone. Wenn es uns nicht passt, müssen wir es einfach runterschlucken und abhaken."
Braucht die Formel 1 das NASCAR-System?
Geht es nach Liam Lawson, könnte sich die Formel 1 an der NASCAR Overtime (traditionell bekannt als Green-White-Checkered) orientieren. So funktioniert NASCAR Overtime im Detail:
| Phase | Ablauf / Regeln |
| Auslöser | Ein Unfall oder Trümmerteile auf der Strecke kurz vor dem geplanten Rennende (z. B. 2 Runden vor Schluss). Das Rennen wird verlängert. |
| Restart | Das Feld positioniert sich in Zweierreihen. Der Führende muss das Rennen in der markierten Restart-Zone wieder freigeben. |
| Runde 1 (Grüne Flagge) | Das Rennen ist freigegeben. Gibt es hier einen Unfall, bevor der Führende Start/Ziel kreuzt, gilt der Versuch als ungültig und es wird erneut versucht. |
| Runde 2 (Weiße Flagge) | Passiert der Führende die Start/Ziel-Linie, beginnt die letzte Runde (White Flag). Ab diesem Moment ist der Overtime-Versuch offiziell gültig. |
| Finale (Karierte Flagge) | Die Autos rasen bis zur Ziellinie. Gibt es jetzt gelb, wird das Feld sofort per GPS/Video-Loop eingefroren und der Führende gewinnt. |
Das aktuelle Formel-1-Reglement lässt eine solche Verlängerung derzeit nicht zu. Streng limitierte Kraftstoffmengen (Benzinkontingent pro Rennen) und starre TV-Sendezeiten machen zusätzliche Runden unmöglich. Dennoch plädiert Lawson für ein Umdenken: "Offensichtlich müssen wir mit den Spritmengen haushalten, aber es ist einfach schade, ein Rennen hinter dem Safety-Car zu beenden. Wenn es einen Weg gäbe, das zu vermeiden, wäre das großartig."
In der Fahrerbesprechung vor dem anstehenden Belgien GP soll die Safety-Car-Thematik noch einmal diskutiert werden. Alpine-Pilot Pierre Gasly ist optimistisch, dass man Lösungen finden wird. "Ich bin sicher, dass auch die Verantwortlichen mit dem Ausgang in Silverstone nicht glücklich waren. Und wenn ihr mich als Rennfahrer fragt: ‚Willst du noch eine Runde kämpfen und die Chance haben, Positionen gutzumachen?‘, dann lautet meine Antwort immer Ja. Genau das ist für mich Rennsport."



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