Übertretungen des Tempolimits in der Boxengasse sind in der Formel 1 extrem selten. Umso größer war die Überraschung, als diese Übertretungen - und die damit einhergehenden 5-Sekunden-Strafen - sich im Verlauf des Rennens immer weiter anzuhäufen begannen. Sechs Strafen später gibt es deswegen Stunk, und Alpine reicht am Sonntagabend ein 'Right of Review' ein.

Fünf Fahrer hatte es im Rennverlauf erwischt. Lewis Hamilton, George Russell, Oscar Piastri, Franco Colapinto und dann gleich zweimal Pierre Gasly. Die offiziellen Messwerte sind bereits auffällig: In fünf Fällen war das 60-km/h-Limit um gerade einmal 0,1 km/h gebrochen worden. Gaslys zweiter Verstoß mit 0,4 km/h war auch nicht gigantisch.

Fahrerüber dem Limit
Hamilton0,1 km/h
Russell0,1 km/h
Colapinto0,1 km/h
Gasly0,1 km/h
Piastri0,1 km/h
Gasly0,4 km/h

"Ich war nicht zu schnell", schwört Lewis Hamilton nach dem Rennen. "Ich denke, das liegt daran, wie diese Boxeneinfahrt ist. Ich fahre diese Boxengasse seit Jahren. Ist jetzt nicht so, dass ich den Knopf nicht gedrückt hätte. Ich denke, es ist die Linie, die du fährst." Was Hamilton meint: Die Einfahrt in Monaco ist kurvig. Die meisten Fahrer kürzen dort den Weg ab, indem sie nicht ganz den aufgemalten weißen Linien folgen.

Überschreitungen werden in der Formel-1-Boxengasse aber nicht wie im Straßenverkehr per Radar gemessen, sondern über mehrere Zeitnahme-Schleifen. So ist es theoretisch möglich, dass ein Fahrer, der die Einfahrt sehr aggressiv anschneidet, für dieses erste Segment der Boxengasse zu wenig Zeit braucht. Daraus folgert das System, er habe das Tempolimit übertreten, obwohl er in Wahrheit nur einen kürzeren Weg fuhr, dabei aber unter dem korrekten 60-km/h-Limit blieb.

"Das ist aktuell die Hypothese", bestätigt McLaren-Teamchef Andrea Stella nach dem Rennen gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Wir haben Oscar dann gesagt, er soll das einfach vermeiden. Ursprünglich wussten wir nicht, was los war, aber wir wissen, dass du manchmal über dem Limit gemessen wirst, wenn du zu stark abkürzt." Tatsächlich gab es auch in den Trainings schon vier Übertretungen (zwei Mercedes, ein Williams, ein Aston Martin) von weniger als 0,5 km/h.

Pierre Gasly nach Strafen völlig fertig - Alpine geht in Berufung

Hamilton und Piastri konnten dank riesiger Lücken ihre Strafen ohne allzu schlimme Folgen unter dem Safety Car absetzen. Nicht aber Pierre Gasly, der unter dem Safety Car nicht stoppte. Nach einem sensationellen Start und einem ebenso perfekten Restart hatte er sich kurz vor Rennende eigentlich in Position für einen dritten Platz gebracht.

Aber die 10 Sekunden für die zwei Übertretungen warfen ihn nach dem Überfahren der Linie auf P7 zurück. "Ich denke nicht, dass es etwas gibt, das mir gerade mehr wehtun könnte", ist Gasly danach völlig fertig. "Zehn Jahre lang reiße ich mir den verdammten Arsch auf für diese Momente. Ich habe alles richtig gemacht, ich sollte auf diesem Podium vor diesen ganzen Fans stehen. Das wurde mir aus unfairen Gründen genommen."

"Ich bin mir absolut sicher, dass das Auto unter 60 km/h war, beide Male habe ich den Knopf weit vor der Linie gedrückt", schwört Gasly, der sich "beraubt" fühlt. "Das können sie auf den Daten sehen. Ich hoffe nur, dass sie dazu kommen, auf die Daten, auf den Speed schauen, das ist präzise genug. Hoffentlich können wir darum kämpfen."

Genau das bestätigte Alpine um 19:18 Uhr am Sonntagabend. Das Team wird gegen die beiden Gasly-Strafen ein 'Right of Review', also ein Recht auf Neubeurteilung einreichen. Dieses Rechtsmittel hat in der Formel 1 in den letzten Jahren Tradition. Es handelt sich nicht um den klassischen Protest, sondern um eine alternative Möglichkeit, mit der auch Stewards-Entscheidungen - die sonst oft Tatsachen-Entscheidungen sind - angefochten werden können.

Für Erfolg muss ein Team den Stewards hier Informationen vorlegen, die neu, für den Fall relevant und zum Zeitpunkt der Entscheidung den Stewards nicht zugänglich waren. Die von Gasly erwähnten Telemetriedaten des Autos, welche die genaue Geschwindigkeit zeigen, könnten diese Kriterien durchaus erfüllen. Andererseits könnte die FIA mit der Konstanz der Beurteilung dagegen argumentieren.

Noch ist keine Anhörung angesetzt, der Fall befindet sich in der Schwebe. "Es wird wahrscheinlich in den nächsten paar Tagen, vielleicht Wochen kommen", meint Teamchef Steve Nielsen. Gasly und Franco Colapinto könnten beide davon profitieren, denn beide hatten ihre Strafen im Rennen nicht abgesessen. Sie wurden am Ende aufaddiert und könnten also leicht wieder zurückgenommen werden. Anders als bei George Russell, den es ebenfalls erwischt hatte. Dann verpeilte Mercedes auch noch das Absitzen der Strafe. Mehr dazu gibt es im Rennbericht: