Die neue Formel-1-Regelgeneration 2026 hat keinen guten Start hingelegt. Die Testfahrten in Barcelona und Bahrain gingen zwar mit weniger technischen Problemen wie befürchtet über die Bühne, doch scharfe Kritik von Lewis Hamilton und Max Verstappen – immerhin die beiden erfolgreichsten Piloten im Feld – hat die neuen Autos schnell in ein schlechtes Licht gerückt.
Der amtierende Formel-1-Weltmeister Lando Norris verteidigte das neue technische Reglement am Donnerstag grundsätzlich, doch auch aus seinem Team fordert man Anpassungen am Regelwerk noch vor dem Saisonstart in drei Wochen in Australien. McLaren-Teamchef Andrea Stella nannte in einer Medienrunde am Freitag in Bahrain drei Elemente, die seiner Meinung nach sofortigen Handlungsbedarf erfordern.
Andrea Stella: Diese drei Punkte müssen geändert werden
Der erste Punkt sind dabei die Rennstarts. Diese sind mit den neuen Formel-1-Motoren besonders heikel. In der Vergangenheit wurde die MGU-H dafür eingesetzt, um das Turboloch aufzufüllen. Doch die MGU-H existiert seit diesem Jahr ja nicht mehr. Um das Turboloch zu überbrücken, ist nun deutlich mehr Vorlaufzeit notwendig, die Rede ist von etwa zehn Sekunden. Vor allem Fahrer im hinteren Feld könnten deshalb in Probleme geraten.
Anschließend müssen die Fahrer aber auch im perfekten Drehzahlfenster beschleunigen, um weder in Anti-Stall zu geraten noch durchdrehende Räder zu haben. Stella sieht ein potenzielles Sicherheitsrisiko und fordert deshalb Anpassungen am Startvorgang. "Wir müssen sicherstellen, dass das Rennstart-Prozedere allen Autos erlaubt, die Power Unit startbereit zu haben. Denn die Startaufstellung ist kein Ort, an dem man will, dass Autos langsam losfahren", so Stella.
Formel-1-Sicherheitsrisiko Start: Ferrari blockierte Vorstoß
Das Sicherheitsrisiko ist offenkundig, allerdings wurde laut 'The Race' ein erster Vorstoß dies anzupassen von Ferrari blockiert. Stella fordert trotzdem mit Vehemenz: "Alle Teams und die FIA sollten sich ihrer Verantwortlichkeit bewusst sein, wenn es darum geht, was für den Startvorgang notwendig ist. Ich denke dabei an das Timing der Startampel und vor der Startampel zum Beispiel." Für den Italiener wäre solch eine Änderung ein "No-Brainer".
Ein Probestart nach dem Ende des letzten F1-Testtags in Bahrain hinterließ schon einen ersten Vorgeschmack darauf, wie konfus die Startvorgänge 2026 werden könnten. Alpine-Fahrer Franco Colapinto, der zuvor auf dem Weg ins Grid die Kontrolle über seinen Boliden verloren hatte, geriet kurz nach dem Start in Anti-Stall und stellte sein Auto am Ende der Start-Ziel-Gerade ab.
Überholen unmöglich? Oscar Piastri bestätigt Problem
Der zweite Punkt, den Stella identifiziert hat, sind Überholmanöver im Allgemeinen. Der McLaren-Teamchef befürchtet nach den ersten Erfahrungen aus Bahrain, dass diese 2026 viel schwieriger werden könnten. Denn die als Überholhilfe gedachte Extra-Leistung aus der MGU-K kreiert häufig erst gegen Ende der Geraden überhaupt einen Vorteil und dieser käme zu spät.
Stella erklärte: "Wenn man innerhalb einer Sekunde ist, ist es sehr schwierig, die Extra-Energie auszukosten, denn es kann bedeuten, dass nur am Ende der Gerade ein bisschen mehr Energie-Bereitstellung vorhanden ist – wenn überhaupt." Dass dieser Extra-Boost für einen Positionswechsel mitunter nicht ausreicht, hätten Lando Norris und Oscar Piastri ausgetestet, berichtet Stella: "Unsere Fahrer sind in den Testtagen gegen andere Fahrer gefahren und sie haben herausgefunden, dass es extrem schwierig ist, zu überholen."
Piastri bestätigte das in einem Interview und fügte zu dem Problem noch hinzu: "Andere Autos zu verfolgen, ist ehrlicherweise ziemlich ähnlich wie letztes Jahr, was ein bisschen überraschend ist." Eigentlich war es ein Grundpfeiler der neuen Chassis-Regeln, dass der Faktor 'verwirbelte Luft' deutlich schwächer ausgeprägt sein sollte.
Wie Mark Webber in Valencia: McLaren-Teamchef befürchtet Horrorunfälle
Der dritte Punkt ist exzessives Lupfen auf der Geraden. Dieses könnte im neuen Formel-1-Reglement an vielen Stellen notwendig sein, um die Batterie ausreichend zu laden. Es könnte aber zu kritischen Situationen führen, so Stella: "Es kann zu Rennsituationen führen, die für das verfolgende Auto gefährlich sind."
Dabei hat Stella einige konkrete Vorfälle aus der F1-Geschichte im Kopf: "Das kann zu Situationen führen wie mit Webber in Valencia oder Patrese in Portugal oder einigen mehr. So etwas wollen wir in der Formel 1 nicht mehr sehen." Dabei spielt Stella einerseits auf den Unfall des damaligen Red-Bull-Fahrers und heutigen Managers von Piastri 2010 beim Europa-GP an, als dieser auf den Lotus von Heikki Kovalainen auffuhr, abhob und sich überschlug. Der zweite genannte Vorfall bezieht sich auf Riccardo Patrese in Estoril 1992, als der damalige Williams-Pilot kurz vor der Boxeneinfahrt auf Gerhard Bergers McLaren auffuhr und ebenfalls wild abhob.
Stella ist überzeugt: "Es existieren einfache technische Lösungen und diese werden beim nächsten Treffen der F1-Kommission diskutiert werden." Dieses Gremium, das aus Vertretern aller Teams sowie der FIA und der Formel 1 besteht, kommt am kommenden Mittwoch im Rahmen der zweiten Formel-1-Testwoche in Bahrain zusammen. Änderungen aufgrund von Sicherheitsüberlegungen können auch ohne Zustimmung der Teams durchgeführt werden, bei allen anderen Vereinbarungen muss ein Konsens hergestellt werden.
Die Testfahrten in der kommenden Woche werden auch Antworten darauf liefern, wie das Kräfteverhältnis in der Formel 1 aussieht. Bei Mercedes verfolgt man schon eine gewagte Hypothese. Mehr dazu im Video:



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