Am Freitag wurden bei der Formel 1 in Las Vegas unangenehme Erinnerungen an die Kanaldeckel-Farce von 2023 geweckt. Zwei Unterbrechungen wegen loser Gullideckel kosteten auch 2025 ausgerechnet die wichtigsten Minuten des 2. Freien Trainings. Die Analyse von Motorsport-Magazin.com rollt diesmal also auf, was das FP2-Ergebnis wirklich aussagt, und wie brenzlig die Angelegenheit für die Teams ist.
Letztendlich bekamen vor den roten Flaggen in FP2 nur zwei Fahrer des Spitzenfeldes saubere Qualifying-Simulationen nach Plan zustande. Logischerweise waren das Lando Norris und Kimi Antonelli, die Fahrer auf den ersten beiden Plätzen. Norris vor einem Mercedes zu sehen war dabei allerdings schon überraschend. Vor einem Jahr waren diese beiden Teams in Las Vegas schließlich an völlig unterschiedlichen Enden des Spektrums angesiedelt.
McLaren raus aus der Las-Vegas-Hölle: Lando Norris will Pole
So mag die Bestzeit jetzt Norris nicht zum Pole-Favoriten machen, nur weil er den FP2-Schlagabtausch gegen den einzigen Mercedes mit einer sauberen Runde gewonnen hat. Aber er ist sich am Freitagabend sicher, dass es ihn zu einen Mitanwärter macht: "Von der ersten Runde an spürte ich schon ein besseres Gefühl als im Vorjahr."
"Wir kämpfen um Pole", lautet also Norris' Ansage. McLaren ist zuversichtlich, die schlimmsten Probleme auf dem griparmen kalten Vegas-Asphalt 2025 endlich aussortiert zu haben. In FP1 waren Norris und Oscar Piastri noch Vergleichstests mit unterschiedlichen Aero-Setups gefahren, Piastri hatte einen zusätzlich verkleinerten Heckflügel ausprobiert. In FP2 einigten sich die beiden auf den größeren Flügel.
"Die Änderungen für FP2 fühlten sich gut an", meint Piastri. Sein 14. Platz bedeutet wenig, aber nicht nichts. Seine erste Qualifying-Simulation musste er wegen einer gelben Flagge abbrechen, die zweite stoppte er freiwillig nach einem Fehler. In FP2 hatte er am Ende nur drei sinnvolle Runden auf Medium stehen, alle anderen waren entweder abgebrochen oder Kühlrunden gewesen. So leicht wie Norris ging es ihm nie von der Hand, obwohl der Strecken wie Las Vegas hasst. "Wir werden noch ein paar zusätzliche Details anpassen", kündigt Piastri an.
Kann Mercedes noch mehr? Russell fehlt & spielt Favoritenrolle herunter
Mit Antonelli hatte am Ende nur ein Mercedes eine schnelle Runde stehen. Die hatte er direkt im ersten Versuch gefahren. Vorjahressieger George Russell baute auf seinem ersten Versuch einen Fehler ein, auf dem zweiten kam nur Meter vor dem Zielstrich die erste rote Flagge raus. Mehr als P3 war mit dieser Runde allerdings nicht drin.
Während Antonelli den Tag vor allem damit verbrachte, die für ihn unbekannte Strecke kennenzulernen, ahnt Russell da schon, dass es 2025 nicht mehr so einfach werden wird wie noch im Vorjahr: "Wir haben das Auto stark verändert und damit über das Jahr hinweg besser gemacht, aber hier sind wir deswegen womöglich nicht so wettbewerbsfähig. Wir sind immer noch mit dabei, aber es ist eng. Lando ist schnell, Verstappen und Leclerc waren in FP1 schnell."
Aus dem 1. Training lassen sich nur beschränkt Rückschlüsse ziehen, weil das Grip-Niveau auf dem Stadtkurs sehr niedrig war. Obwohl es in FP2 immer wieder kurz nieselte, wurden die Autos dank des sich schnell aufbauenden Gummiabriebs auf dem Asphalt über eine Sekunde schneller. Trotzdem unterstrich vor allem Charles Leclerc in FP1 zumindest das Potenzial des Ferrari.
Ferrari & Max Verstappen mit Pech - glauben aber an Pole-Chancen
"Die Pace war heute stark", ist Leclerc nach FP2 immer noch optimistisch. Er hatte sich seine Qualifying-Simulation mit einem Verbremser auf der Outlap verkompliziert. Als er dann in die schnelle Runde ging, schien er dem Auto am Einlenkpunkt nicht zu vertrauen. Seine beste Soft-Runde war langsamer als seine beste Medium-Runde, obwohl der weichere Reifen in der Theorie sechs bis sieben Zehntel bringen kann.
Dass Leclercs Medium-Zeit aber weniger als 3 Zehntel langsamer war als Norris' Soft-Bestzeit ist da tatsächlich ein gutes Zeichen für Ferrari. Die Scuderia möchte nur mehr Details am Setup ändern. Lewis Hamilton sowie beide Red Bull mussten ihre Soft-Versuche wegen gelber Flaggen abbrechen. Die Medium-Zeiten von Hamilton und Max Verstappen waren aber schon 5 Zehntel langsamer als Norris. "Ich denke, wir sind aktuell in den Top-3", schätzt Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko dennoch.
Die Setup-Arbeit am Freitag verlief einmal mehr positiv, auch wenn sich das Team bei der Unterboden-Frage unsicher ist. Verstappen und Yuki Tsunoda fuhren unterschiedliche Versionen zu Vergleichszwecken. "Die Session ging in die richtige Richtung", meint Tsunoda, der in FP1 überhaupt mit einem dritten Platz - vor Verstappen - ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, in FP2 aber zumindest auf dem Medium wieder etwas mehr haderte.
Wegen Abbrüche: Formel 1 kann die große Las-Vegas-Angst nicht evaluieren
Das Qualifying-Bild lässt sich also vage abschätzen, zumindest so weit, dass man sagen kann: Es hat sich noch niemand der großen Vier aus dem Pole-Kampf eliminiert. Doch dass viele Fahrer mit Vorbereitungsrunden experimentierten und Probleme mit dem Grip auf ihren ersten Soft-Versuchen hatten, zeigt schon, wie schwierig Las Vegas wird. Da fast 20 Minuten FP2-Zeit zu verlieren könnte wichtige Daten gekostet haben.
Da die Strecke tagsüber wieder für den Verkehr geöffnet wird und es morgen am Vormittag regnen könnte, ist fest damit zu rechnen, dass bis zu FP3 das Grip-Niveau wieder zurückgeht. Die Gefahr, falsche Schlüsse aus den eingeschränkten Freitags-Daten zu ziehen, ist also absolut zu bedenken. Das gilt für das Qualifying, aber das Rennen ist da noch einmal eine ganz andere Nummer.
Denn bis auf ein paar nichtssagende Runden von ein paar Teams in FP1 fuhr niemand Longruns mit vollen Tanks. Die sind eigentlich für die letzten 20 Minuten von FP2 geplant. Eben jene Minuten, die wegen der Gulli-Probleme ausfielen. Doch die Daten hätten alle dringend gebraucht. Der Las Vegas Strip Circuit bringt nämlich einzigartige Graining-Probleme im Renn-Trimm mit sich.

An und für sich sind die 2025er-Reifen von Pirelli gegen diese Oberflächen-Abschürfung deutlich robuster, aber das gilt in Las Vegas nur bedingt. Hier tritt das Graining wegen der kühlen Temperaturen auf und lässt sich nicht vermeiden. Es zeigte sich auf den Longruns in FP1, ja, es kann sich sogar bei schlechten Vorbereitungsrunden im Qualifying-Trimm zeigen, wenn der Fahrer mit zu wenig Grip die Vorderreifen zu aggressiv behandelt.
Was passiert im Rennen der Formel 1 in Las Vegas?
Wie im Vorjahr betrifft es vor allem den rechten Vorderreifen. Es ist schwächer, aber immer noch nicht zu vernachlässigen. Und im Vorjahr war es bekanntlich so extrem gewesen, dass Autos, die erst einmal Graining aufbauten, innerhalb von wenigen Runden plötzlich um zwei Sekunden oder mehr noch langsamer wurden.
"Es gibt die ersten Hinweise, dass es Unterschiede bei den Teams gibt, aber wer besser im Managen ist, das können wir jetzt noch nicht sagen", meint Pirelli-Sportchef Mario Isola. Wie er auch ohne Longruns keine Strategie-Prognose treffen möchte. Doch die Teams scheinen es für ihn zu machen. Bis auf Sauber haben sich alle zwei Sätze des robusteren Hard behalten und gehen mit nur mehr einem Medium pro Fahrer in den Samstag.
Medium-Hard oder Soft-Hard sind realistische Ein-Stopp-Rennen für Pirelli. Doch das Fragezeichen bleibt. Man muss wissen, wie aggressiv man den Reifen zu Beginn belasten darf, um eine sichere Einschätzung zu treffen. Denn kaltes Graining wie in Las Vegas lässt sich fast nicht sauber fahren. Wenn es erst einmal da ist, bleibt es. Und wer zu Beginn pusht, der kann nach 10 Runden eben schon wegbrechen. Weitere Trainings-Verzögerungen können sich die Teams morgen also nicht mehr leisten.



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