Er sei mental zu schwach, zu fehleranfällig und es fehle ihm an der nötigen Racecraft – er sei der untauglichere McLaren-Pilot, wenn es um den Formel 1-Titel gehe. Lando Norris musste diese Saison eine Menge Kritik einstecken. Zusätzlich folgte in Zandvoort ein Rückschlag, der seinen Titeltraum endgültig hätte beenden können. Doch Norris drehte das WM-Spiel zu seinen Gunsten. Aus einem deutlichen Rückstand nach der Sommerpause machte er 24 Punkte Vorsprung auf Piastri.

Blickt man auf die vergangenen 21 Rennen zurück, so lässt sich zusammenfassend sagen, dass es nicht die eine Sache gewesen ist, die Norris seit dem Saisonstart verändert hat und die ihn jetzt zum Titelfavoriten macht. "Ich führe es darauf zurück, dass ich hart gearbeitet habe und ein sehr gutes Team um mich habe. Ich würde sagen, dass die Ergebnisse zu 99% darauf zurückzuführen sind und 1% eine Mischung aus verschiedenen Dingen ist", betonte Norris. Nach unserer Analyse ist es vielmehr ein Zusammenspiel aus drei Faktoren.

1. Das Auto

Mit dem Sieg beim Saisonauftakt in Australien holte sich Lando Norris die WM-Führung, verlor sie jedoch in Saudi-Arabien bereits an seinen Teamkollegen. Der Grund: Norris haderte vom ersten Moment an mit dem schwer zu fahrenden MCL39. Im Winter hatte McLaren einiges am Auto umgebaut, unter anderem auch die Vorderradaufhängung. Die dadurch entstandenen Eigenheiten des Wagens bereiteten ihm vor allem im Qualifying Probleme.

"Ich hasse es einfach, dass ich nicht weiß, wie ich hinausfahren und eine Qualifying-Runde abliefern kann." Norris klagte über ein "Taubheitsgefühl", sprich das Feedback, das er vom Auto bekam, wenn er sich am Limit bewegte, war recht stumpf. "Das erlaubt es mir einfach nicht, meine Fähigkeiten so auszuspielen, dass ich wie im Vorjahr auf einem sehr, sehr hohen Level abliefern kann."

Seit dem Kanada GP hat Norris eine neue Vorderradaufhängung an seinem MCL39 verbaut, die besser zu seinem Fahrstil passt. Rückblickend auf die Probleme der ersten Saisonhälfte erklärte Norris: "Möchte ich einige Dinge ändern? Auf jeden Fall. Wäre ich dann genau dort, wo ich heute stehe? Wahrscheinlich nicht. Denn gerade in schwierigen Zeiten lernt man und wächst."

2. Die Schwachstellen – Qualifying & Fehleranfälligkeit

Die erste Saisonhälfte von Lando Norris lässt sich als einziges Auf und Ab bezeichnen. Zwar startete er mit dem Sieg in Melbourne bestmöglich in die Saison, doch viele kleine und auch große Fehler ließen ihn in der ersten Saisonhälfte hinter seinen Teamkollegen zurückfallen. In China kostete ihn ein zu aggressives Bremsmanöver die Sprint-Pole, in Saudi-Arabien endete sein schneller Run in Q3 in der Wand und in Kanada krachte er im Rennen seinem Teamkollegen ins Heck.

Besonders deutlich zeigte sich jedoch, seine Schwäche im Qualifying, obwohl er eigentlich als einer der besten Qualifying-Fahrer im Feld galt. 2024 war er mit acht Poles Max Verstappen ebenbürtig, hatte mit einem durchschnittlichen Startplatz von 3,5 die zweitbeste Platzierung im Feld. Auch seine McLaren-Teamkollegen hatte er seit 2019 immer im Griff, doch in der ersten Saisonhälfte kippte diese Statistik zugunsten von Piastri. Doch Norris erarbeitet sich seine Stärke wieder zurück.

Die Qualifying-Statistik von Lando Norris 2019-2024

Jahrvs.StandVorsprung
2019Carlos Sainz11 zu 10- 0,069
2020Carlos Sainz9 zu 8- 0,000
2021Daniel Ricciardo15 zu 6- 0,425
2022Daniel Ricciardo20 zu 1- 0,479
2023Oscar Piastri19 zu 9- 0,192
2024Oscar Piastri24 zu 6- 0,213

Zugleich setzt er seit Monaco auf einen psychologischen Trick – er lässt sich die Delta-Zeit nicht mehr am Lenkrad anzeigen. Zudem verzichtet er auch auf die km/h-Anzeige. "Wenn ich es nicht habe, dann pushe ich einfach, egal was passiert. Egal, wie die Runde anfing. Egal, wie irgendeine Kurve war", erklärte Norris gegenüber Motorsport-Magazin.com . Die Ergebnisse sprechen für sich: Inzwischen liegt Norris im teaminternen Qualifying-Duell mit 11:10 vorne.

Laut Norris ist die Konstanz im Qualifying und Rennen einer der wichtigsten Bausteine im WM-Kampf. "Es ist nicht so, dass ich die letzten sechs oder sieben Rennen in Folge gewonnen habe, aber ich war konstant ganz vorne dabei und habe regelmäßig Punkte geholt. Das hat mir in den letzten Wochen den größten Schub gegeben", meinte der McLaren-Pilot.

3. Mentale Schwäche

"Einfach jeden ignorieren, der Müll über dich redet." Mittlerweile hat Norris eine Methode gefunden, um all die Stimmen um ihn herum auszublenden. Der Brite gibt zu, dass er sich zu Beginn der Saison zu viele Gedanken darüber gemacht hat, wie er wahrgenommen wird bzw. in den Medien dargestellt wird. "Ich glaube, dass allgemein meine Emotionalität in gewisser Weise nachgelassen hat. Für mich persönlich ist das eine gute Sache. Ich bin kein emotionaler Mensch, aber mir liegen viele Dinge am Herzen", erklärte Norris.

Dem 26-Jährigen wird von den Medien immer wieder negativ ausgelegt, was ihn bei seinem F1-Debüt 2019 von den teils farblosen F1-Fahrern erfrischend herausstechen ließ. Norris nimmt kein Blatt vor den Mund. Nach dem 6. Startplatz in Bahrain geißelte er sich selbst und nach seinem Crash in Jeddah bezeichnete er sich sogar selbst als verdammten Idioten (Orginial: "I'm a fucking idiot"). Inzwischen hat er gelernt, sich von seinen Emotionen nicht leiten zu lassen – egal, ob es gut oder schlecht läuft.

"Wenn ich ein Rennen gewinne, dann fühlt sich das in diesem Moment großartig an. Aber sobald ich in den Flieger steige, versuche ich das Wochenende abzuhaken. Natürlich analysiere ich mit dem Team die Daten genau und verbringe meine Tage damit, zu verstehen, was gut war und was noch besser hätte sein können. Aber das ändert nichts an den Gedanken oder Prozessen", betonte Norris.

Norris Herangehensweise an Titelkampf 2025

Mit diesem Mindset will er auch die drei abschließenden Stationen in Las-Vegas, Katar und Abu Dhabi angehen. Anstatt über die WM nachzudenken, richtet er den Fokus konsequent auf das jeweils nächste Rennwochenende. "Ich persönlich mache mir über den Titel keine Gedanken. Es sind immer die anderen, die das immer wieder zur Sprache bringen. Natürlich ist es mein Traum als F1-Fahrer, Rennen und Weltmeisterschaften zu gewinnen, aber für mich ist alles offen. Aber wie ich dieses Jahr jedes Wochenende betont habe, geht es immer nur um ein Rennen nach dem anderen. Ob es nun schlecht oder gut läuft, man nimmt die Lektionen mit", so Norris.

In diesem Clip aus der neuesten Ausgabe des AVD Motorsport-Magazins analysiert Christian Danner den packenden WM-Kampf der Formel 1 2025!

Lando Norris: Krise zum WM-Leader! Danner: Weltmeisterlich! (10:24 Min.)