In der Formel 1 kann sich das Blatt schnell wenden – aktuell erlebt das Oscar Piastri. Rückblick: Im Mai 2025 holt der Australier in Miami seinen dritten Sieg in Folge und wird von der internationalen Presse für seine Kaltblütigkeit gefeiert. "Mit unerbittlich kontrollierter Dominanz holte Piastri den Sieg für McLaren. Damit setzte er in Florida ein Zeichen dafür, dass er in dieser Saison außergewöhnlich schwer zu schlagen sein wird", titelte damals der "Guardian".

15 Grands Prix später sieht die Welt von Oscar Piastri ganz anders aus: Teamkollege Lando Norris hat ihm sowohl die Führung in der Fahrerwertung als auch die Lobeshymnen in der Presse abgenommen. Solche Kräfteverschiebungen samt der medialen Aufmerksamkeit gehören zum Titelkampf wie der Reifenpoker in der Schlussphase eines Rennens. Piastris Manager Mark Webber kennt diese Situation und den Druck auf einen WM-Anwärter aus eigener Erfahrung - und genau darauf baut sein Schützling.

"Für ihn ist es leider nicht so gelaufen, wie er es sich gewünscht hatte. Aber die Lehren, die er daraus gezogen hat, die Dinge, die seiner Meinung nach gut gelaufen sind und die, die er gerne anders gemacht hätte - all das kann er an mich weitergeben, bevor ich es selbst erleben muss", sagt Piastri. Tatsächlich gibt es mehrere auffällige Parallelen zwischen Webbers Titelduell 2010 und Piastris aktuellem WM-Kampf.

Parallele: Der Teamkollege als härtester Konkurrent

Das Jahr 2010 hat sich tief in Webbers Gedächtnis eingebrannt. Über die Saison hinweg lieferte er sich einen intensiven WM-Kampf mit seinem Teamkollegen Sebastian Vettel. Drei Rennen vor Schluss führte Webber die Fahrerwertung mit 220 Punkten an - am Ende war es dennoch Vettel, der sich nach dem Finale in Abu Dhabi zum ersten (aber nicht zum letzten) Mal Formel-1-Weltmeister nennen durfte.

Wie der Titelkampf 2025 ausgeht, ist noch offen. Drei Rennen vor Saisonende liegt Piastri auf Platz zwei, sein Rückstand auf Lando Norris beträgt 24 Punkte. Das bedeutet: Selbst wenn Piastri alle drei Grands Prix sowie den Sprint in Katar gewinnt und Norris jeweils als Zweiter ins Ziel kommt, hätte sein Teamkollege den Titel dennoch auf seiner Seite.

Formel 1 Türkei 2010: Sebastian Vettel und Mark Webber crashen (01:10 Min.)

Parallele: Ein prägendes Rennen mitten im Titelkampf

Der Türkei-Grand-Prix 2010 spielte eine entscheidende Rolle im Titelkampf. Vettel und Webber lagen punktgleich an der Spitze der Weltmeisterschaft. Webber startete von der Pole Position und kontrollierte die Frühphase des Rennens. Doch im Rennverlauf tauchte plötzlich Vettel in seinem Rückspiegel auf und setzte in der 40. Runde zum Überholmanöver an.

Webber ließ ihm links eine Fahrzeugbreite Platz, nicht mehr. Doch Vettel driftete nach links - und es kam zum Crash. Red-Bull-intern brannte danach der Hut - Webber fühlte sich im Team benachteiligt. Sein damaliger Manager Flavio Briatore legte verbal nach: "Es war nicht Teil des Plans von Red Bull Racing, dass ein alter, abgetakelter australischer Hund den Titel holt."

Auch Norris und Piastri sind in dieser Saison bereits aneinandergeraten, doch der Vorfall in Kanada war nicht der Auslöser für Piastris schwierige zweite Saisonhälfte. Im offiziellen Formel-1-Podcast "Beyond the Grid" räumte der Australier jetzt erstmals ein, dass die umstrittene Teamorder in Monza Spuren hinterlassen hat.

Nach einem verpatzten Boxenstopp bei Norris ordnete die Teamführung einen Positionstausch an: "Oscar, das ist ein bisschen wie Ungarn letztes Jahr. Wir haben aus Teamgründen in dieser Reihenfolge gestoppt. Lass Lando bitte durch, und dann darfst du frei fahren." Piastri schenkte Norris den zweiten Platz praktisch kampflos und betrat das Podium als Dritter mit versteinerter Miene. Es war bis dato das letzte Mal, dass erauf dem Podium stand. Zum Vergleich: Norris stand in den letzten fünf Rennen viermal auf dem Podium.

Bevorzugung des Teamkollegen eine weitere Parallele?

Während des Titelkampfes 2010 brodelte es hinter den Kulissen von Red Bull Racing. Webber warf Teamchef Christian Horner und Motorsportberater Dr. Helmut Marko vor, Vettel zu bevorzugen. Als Webber in Silverstone gewann, ließ er seinem Frust freien Lauf und funkte an den Kommandostand: "Nicht schlecht für eine Nummer 2, was?" Eine Spitze, die international hohe Wellen schlug.

Auch McLaren muss sich 2025 mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen. "Von außen macht es den Eindruck, dass sie den britischen Fahrer bevorzugen", befeuerte Bernie Ecclestone die Gerüchte. Jos Verstappen nahm Piastris sinkende Formkurve als Anlass, um in der niederländischen Zeitung "De Telegraaf" zu sticheln: "Ich finde es ziemlich seltsam, was bei McLaren passiert. Piastri hat doch nicht plötzlich das Fahren verlernt."

Im Unterschied zu 2010 präsentieren sich Fahrer und Team nach außen jedoch geschlossen. Die McLaren-Teamführung will weiterhin, beide Fahrer frei fahren lassen. "In meiner Rolle ist es, als ob du zwei Söhne hättest. Wie kann ich da sagen, welcher mein Lieblingssohn ist?", betonte McLaren-Teamchef Andrea Stella. Das Signal nach außen: Es gibt keine offizielle Nummer 1.

Das unterscheidet 2025 von 2010

Als Webber 2010 gegen seinen Teamkollegen um den Titel kämpfte, fuhr er bereits seine achte Formel-1-Saison. Piastri befindet sich dagegen erst in seinem dritten Jahr in der Königsklasse. "So früh in der Karriere, um einen Weltmeistertitel zu kämpfen, ist ziemlich beispiellos. Es gab nicht viele Leute, die das so früh in ihrer Karriere geschafft haben", betonte Webber. "Das muss man natürlich mit einbeziehen, um zu verstehen, wo die Grenzen für ihn liegen, ohne zu viel Druck auf die Situation auszuüben."

Er selbst sei damals bereits ein alter Hase gewesen. "Ich stand am Ende meiner Karriere, Oscar steht noch am Anfang." Statistisch hat der junge Australier seinen Manager in punkto Siege bereits eingeholt. "Er ist bei den Pole Positions und Podiumsplätzen vorerst noch sicher vor mir, aber bei den Siegen liegen wir Kopf an Kopf. Das [Webber zu überholen; Anm. d. Red.] muss ich schaffen", scherzte Piastri.