Lando Norris hat beim Formel-1-Rennen heute in Mexiko die goldene Gelegenheit nach Monaten des Punkteknabberns vollends wieder zu seinem Teamkollegen und WM-Leader Oscar Piastri im Titelrennen aufzuschließen, oder ihn sogar zu überholen. Besser könnte die Lage kaum sein: Norris auf Pole im vermutlich besten Auto und sein Teamkollege - trotz desselben Autos - nur auf Startplatz 7 und das mit einem mysteriösen Mangel an Pace.
Als nicht unbedeutender Bonus tummelt sich auch Max Verstappen auf einem fernen fünften Platz. Ebenfalls mit schwacher Pace - und wenig Hoffnung auf deren Steigerung im Rennen. Ja, die Situation ist förmlich gemalt für Lando Norris, er hätte sie sich kaum besser erträumen können. Oder etwa doch? Im Traum von Norris wäre die Start-Ziel-Gerade auf dem Autodromo Hermanos Rodriguez wohl ein bisschen kürzer ausgefallen.
Denn über 900 Meter trennen die erste Startposition vom Scheitelpunkt der ersten Kurve, mehr als auf jeder anderen Formel-1-Strecke im aktuellen Kalender. Und von diesem Weg in die erste Kurve geht wohl auch das größte Gefahrenpotenzial für Norris aus. Trotz der Höhenlage von 2300 Metern, die diesen allgemein abschwächt, spielt der Windschatten-Effekt eine große Rolle auf dem Weg zu Turn 1.
Und da kommen die beiden Ferrari-Fahrer ins Spiel. Charles Leclerc und Lewis Hamilton, die darauf gieren, der mittlerweile schon seit einem Jahr andauernden Sieglosigkeit der Scuderia ein Ende zu bereiten und die beim Anbremsen in Kurve 1 im Gegensatz zu Norris keinen WM-Kampf im Hinterkopf behalten müssen.
Ferrari hofft auf Kurve 1: Steht Lewis Hamilton wirklich auf dem perfekten Startplatz?
Lewis Hamilton qualifizierte sich auf Startposition 3 und war nach dem Qualifying überzeugt davon, damit den Jackpot gezogen zu haben: "P3 ist auf dieser Strecke der perfekte Startplatz." Dabei spielt er auf den doppelten Windschatten an, den man in einem klassischen Start-Szenario von den Autos aus Reihe 1 abgreifen kann.
Klingt logisch, die Statistik spricht aber eine andere Sprache, und diese dürfte seinem Teamkollegen Charles Leclerc gut gefallen, der von P2 ins Rennen geht. Denn seit 2017 war der zweite Startplatz jener mit den höchsten Erfolgsaussichten nach Runde 1. In drei von sieben Fällen war also der weiter hinten positionierte Fahrer aus der ersten Startreihe in Kurve 1 vorne. P1 und P3 waren es jeweils zweimal.
So weit so gut, allerdings muss nach dem altbewährten Motto, "glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast", hinzugefügt werden, dass es auch eine andere Lesart der Starts aus den letzten Jahren gibt. Nämlich, dass seit 2017 mit einer einzigen Ausnahme jedes Jahr nach Runde 1 jener Fahrer vorne war, dessen Name Max Verstappen lautet. Bemerkenswerterweise startete er dabei übrigens nur ein einziges Mal von der Pole. Von Platz 5 aus ist eine Fortsetzung dieser Statistik kaum vorstellbar.
Aber die Verstappen-Anomalie soll hervorheben, dass die Pole-Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. Wie dem auch immer sei, der Windschatten ist alles andere als eine Anomalie und so befürchtet auch McLaren-Teamchef Andrea Stella, dass auf dem Weg in Kurve 1 Gefahr drohen könnte.
Was, wenn Lando Norris den Start verliert? Andrea Stella gibt sich gelassen
Mit der Gelassenheit des Schnellsten rät der Italiener seinem Fahrer in Kurve 1 zur Besonnenheit. "Das Wichtigste für Lando ist, dass er die erste Runde sauber durchbekommt. Denn mit der Performance, die Lando im Training auf dem Longrun gezeigt hat, will man einfach nur im Rennen bleiben. Selbst wenn er nicht Erster am Ende von Runde 1 ist, wird es Möglichkeiten geben, die Führung zurückzuholen", so Stella.
Die Longruns von Norris im Freitags-Training waren tatsächlich beeindruckend. Als einziger Fahrer, der eine nennenswerte Anzahl an Runden auf dem Soft-Reifen hingelegt hatte, blieb er dabei unter der 1:22er-Marke. Zudem baut McLaren ohnehin auf ihren Vorteil im Reifenmanagement, der auch in den letzten Rennen trotz der allgemein abflachenden Leistungen noch immer vorhanden war.
Doch Rennpace ist das eine, Überholen das andere. McLarens Topspeed liegt unter jenem der direkten Konkurrenz von Ferrari oder dem von P4 startenden George Russell, wenn auch nicht signifikant. Der Mercedes bringt als schnellstes Auto auf der Geraden 352 Km/h aufs Tachometer, der Ferrari 350,5 und dabei etwa ein halbes Km/h mehr als McLaren. Das ist nicht der entscheidende Unterschied, könnte aber ein berühmtes Zünglein werden.
Entscheidend ist vielmehr die Überhitzungsgefahr, die aufgrund der Höhenlage, der auf 2300 Meter liegenden Strecke, omnipräsent ist und das Hinterherfahren hinter einem anderen Fahrer drastisch erschwert. Hinzu kommt noch, dass der Windschatten und somit auch die Überholhilfe DRS trotz des maximalen Heckflügels gering ausfällt. Dennoch: Bei der Überlegenheit, die Norris im Training zeigte, ist es durchaus vorstellbar, dass er genügend Pace-Vorteil mitbringt, um ein direktes Manöver ohne Reifenvorteil hinzukriegen.
Überholen? Schwierig - Was bietet die Strategie?
Falls nicht, bleibt immer noch die Strategie. Diese fällt allerdings etwas weniger variantenreich aus, als es den Formel-1-Fans wohl lieb wäre. Wie schon in Austin legte Einheits-Reifenhersteller Pirelli bei der Wahl der Mischungen einen Sprung ein und lieferte anstatt der drei schnellsten Mischungen, die Variante C2, C4 und C5.
Eine 2-Stopp erzwingt man damit allerdings nicht. Die Simulationen sagen voraus, dass eine 1-Stopp die beste Variante ist, und zudem die Team versuchen werden, ihre Zeit auf dem Medium-Reifen zu maximieren. "Ich denke, dass alle den Medium am Start nutzen werden, denn er liefert den besten Kompromiss aus Grip, Verschleiß, Lebensdauer, Performance und Konstanz. Und sie werden versuchen, so lange wie möglich draußen zu bleiben", schätzt Pirelli-Ingenieur Simone Berra.
Für eine 1-Stopp spricht auch, dass sich kein einziges Team zwei Medium-Sätze aufgespart hat. Nach einem potenziellen langen Medium-Startstint, bleibt für den letzten Rennabschnitt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder man verwendet den C5-Reifen, der keine lange Haltbarkeit aufweist, oder den C2-Reifen, der schwierig ins Arbeitsfenster zu bekommen ist, und eine deutlich schlechtere Performance aufweist. Zwischen diesen beiden Mischungen geht die Schere auseinander, der C2 erlaubt einen früheren Stopp, allerdings zum Preis eines kürzeren C4-Stints. Wer den C5 für den letzten Stint aufziehen will, muss seinen Medium-Stint wohl bis ans Ende des zweiten Renndrittels verlängern.
Fazit: Falls Lando Norris den Start an der Spitze übersteht, ist ihm der Sieg aller Voraussicht nach nur durch einen Ausfall oder einen chaotischen Rennverlauf zu nehmen. Aber auch falls er am Start gestellt wird, könnte sein Pace-Vorteil im Longrun ausreichen, um nochmal zurückzuschlagen. Strategisch bleibt McLaren dazu wohl nur eine 1-Stopp, allerdings mit einem breiten Fenster. Wie die Angelegenheit abläuft, könnt ihr in unserem Liveticker durchgehend verfolgen:



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