Zehn Rennen vor Schluss hat der Rest der Formel 1 die WM-Titel eigentlich aufgegeben. McLaren ist in der Tabelle weit enteilt, wie auch Oscar Piastri und Lando Norris. Das stellt die haushohen Favoriten aber vor zunehmende Schwierigkeiten. Der Sommer war nicht mehr so ruhig, wie es das Team wohl gerne hätte.
Ziel vs. Realität: Die amtierenden Konstrukteurs-Weltmeister waren nicht scheu bei der Zielsetzung: Den Titel verteidigen, plus den ersten Fahrer-Titel seit Lewis Hamilton 2008 nach Woking holen. Lando Norris als auch Piastri wiederholten im Winter mehrfach, dass sie sich bereit fühlten für eine WM. Unbedingt einfach musste das nicht sein. Ferrari, Red Bull und Mercedes waren im letzten Herbst keine leichten Gegner gewesen. Besonders Piastri war fahrerisch noch nicht auf WM-Niveau.
Nach 14 Rennen von 2025 sieht die Lage jedoch für McLaren fast perfekt aus. Der MCL39 ist das einzige Auto, das auf praktisch jeder Strecke siegfähig ist. An guten Tagen kann man mit ihm über 40 Sekunden Vorsprung herausfahren. In der Team-WM hat man doppelt so viele Punkte als der erste Verfolger. In der Fahrer-WM liegen Piastri und Norris nur 9 Punkte getrennt voneinander auf den ersten beiden Plätzen, ihr erster Verfolger liegt 88 Punkte zurück. Alles andere als ein WM-Doppel wäre jetzt noch eine unfassbare Überraschung.
Die Entwicklung 2025: Weil das Spitzenfeld Ende 2024 so eng zusammenlag, entschloss sich McLaren trotz gutem Vorjahres-Auto zu einer großen Evolution. Der neue MCL39 bekam vor allem im Bereich der Aufhängung einige Änderungen. Die Vorderachse wurde aggressiver gestaltet, im Saisonverlauf kam auch die Hinterachse dazu. Von Beginn an war das Auto in Sachen Reifen-Management die Nummer eins. Der große Vorsprung ermöglichte ein sehr bedächtiges Einarbeiten von wenigen, aber erfolgreichen Updates. Damit verhinderte McLaren erfolgreich, dass die Konkurrenz signifikant näherkam.
Auf langsamen, engen Strecken mag Ferrari fordern, auf Highspeed-Kursen Red Bull, auf Stop-und-Go-Strecken Mercedes, doch der McLaren ist immer da, entweder als Schnellster oder als erster Verfolger. Einziges Defizit: Die Aufhängungs-Änderungen im Winter haben das Auto am Limit im Qualifying etwas stumpf gemacht. Auch nach mehreren Updates bleibt die Qualifying-Pace "schwierig" zu extrahieren. "Schwierig" ist aber natürlich relativ, der MCL39 ist trotzdem pfeilschnell und holte 8 von 14 möglichen Poles.
McLaren 2025: Nur das wirklich perfekte Formel-1-Wochenende fehlt
Höhepunkt 2025: Formel 1 bezieht McLaren-Prügel in Miami
Ein wirklich perfektes Wochenende kann McLaren noch nicht vorweisen. Oft waren es die Fehler im Qualifying, vor allem durch Lando Norris. Aber die Rennpace war oft so überragend, dass es wenig Unterschied machte. Miami ist das beste Beispiel: Weder im Sprint noch im Rennen stand ein McLaren auf Pole. Doch sowohl bei auftrocknender Strecke im Sprint als auch in der Hitze des Rennens war der Reifen-Vorteil des MCL39 unfassbar groß. Das Team feierte in beiden Fällen einen Doppelsieg - im Rennen mit 33 Sekunden Vorsprung auf den ersten Verfolger.
Tiefpunkt 2025: Beinahe implodiert das Traum-Team in Kanada
Der Tiefpunkt ist mit Kanada schnell gefunden. Zum einen war es das einzige Wochenende, an dem das Auto nur Außenseiter im Siegkampf war. Piastri hechelte das ganze Rennen über hinter Mercedes und Max Verstappen her, während sich Norris nach schlechtem Qualifying durch das Feld kämpfen musste. Kurz vor Schluss kam es zum internen Duell um Platz 4, wobei sich Norris im Windschatten mit DRS kapital verschätzte, Piastri aufs Hinterrad fuhr und in die Wand abbog. Doch die Gefahr fürs Team-Gefüge verpuffte. Piastri konnte weiterfahren, Norris akzeptierte schon am Funk die Vollschuld. Der Stall-Krieg blieb aus.
Oscar Piastri & Lando Norris: McLarens WM-Duell auf hohem Niveau
Oscar Piastri
WM: 1. Platz (284 Punkte)
Note im MSM-Ranking: 1,88 (1. Platz)
Piastri kündigte im Winter an, dass er seine Qualifying-Schwäche - im Vorjahr war das sein letztes Problem gewesen - ausgemerzt habe. Vier Poles geben ihm recht. Durch das Losfahren von vorne konnte er beweisen, dass er tatsächlich auch seine anfänglichen Probleme im Reifen-Management los ist. Wenn er ein Rennen erst einmal unter Kontrolle hat, ist er 2025 bislang nicht mehr einzuholen, auch nicht für Norris im gleichen Auto. Rad-an-Rad-Duelle legt er gewohnt hart an. Zweimal fuhr er dabei fast Norris ins Heck. Aber eben nur fast. Konstanz abgesehen von kurzen Ausrutschern (Dreher im Regen in Australien, Safety-Car-Regelverstoß in Silverstone) hat ihm die WM-Führung beschert.
Lando Norris
WM: 2. Platz (275 Punkte)
Note im MSM-Ranking: 2,30 (5. Platz)
Das stumpfe Gefühl des McLaren traf Norris hart. Ihm fehlte wochenlang das nötige Feedback durch das Lenkrad, was in einer üblen Fehlerserie im Qualifying mündete. Erst eine auf ihn zugeschnittene alternative Vorderachse dämmte das Problem ein. Klar schneller als Piastri ist er seither aber nicht. Seine Renn-Pace ist seit Saisonbeginn sicherlich stark, aber man kann ihm auch über das Qualifying-Problem hinaus immer wieder Fehler unterschiedlichen Ausmaßes ankreiden. Letztendlich sind die es, auf welche die 9 Punkte Rückstand zurückgehen. Sie sind schlicht häufiger bei Norris als bei Piastri.
Fazit und Ausblick
Wie gesagt: Niemand glaubt mehr ernsthaft, dass die Titel nicht an McLaren gehen. Norris' Sommer-Renaissance hat es intern dafür richtig spannend gemacht. Das wird das Team jetzt auch ins Schwitzen bringen. Ungarn zeigte zuletzt, wie viel Druck da drauf ist. Norris bekam eine Alternativ-Strategie, die ihm letztendlich einen Sieg über Piastri bescherte, der bis zum letzten Stopp immer der führende Fahrer gewesen war.
Bei aller Team-Harmonie lauert hier eine immense Gefahr. Selbst die besten Freunde können sich in einem zuspitzenden WM-Kampf immer mehr in mentale Sackgassen treiben lassen, mit der festen Überzeugung, dass die ganze Welt inklusive des eigenen Teams gegen sie ist - selbst wenn das nicht stimmt. Die ultimative Konsequenz ist dann fast immer die nächste Kollision, bei der keiner mehr nachgibt. Die würde wohl kaum mehr so leicht weggewischt werden wie Kanada.



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