Während McLaren am gestrigen Trainings-Freitag in Spa bei trockenen Bedingungen noch von den ersten beiden Positionen grüßte, hatte das Traditionsteam aus Woking beim nassen Qualifying am Samstag nichts mit dem Kampf um die Pole zu tun. Stattdessen blieben Lando Norris und Oscar Piastri nur die Positionen fünf und sechs, die sich durch die Startplatzstrafe gegen Max Verstappen in der Startaufstellung in die Ränge vier und fünf umwandeln werden. Doch das dürfte nur ein schwacher Trost sein.

Erneut patzte McLaren bei der Strategie in gemischten Bedingungen. Anders als Ferrari und Red Bull entschied sich das Team wie Mercedes im Q3, nicht noch einmal an die Box zum Reifenwechsel zu kommen und war so zu Beginn des letzten Qualifying-Abschnitts mit vollerem Tank unterwegs. Das kostete wohl entscheidende Zehntelsekunden, um in die Nähe von Sergio Perez zu kommen.

McLaren patzt bei Strategie: Von Ferrari düpiert

Während Charles Leclerc im Schlussspurt mit frischen Reifen und leererem Tank an den McLarens vorbeiflog, konnte sich Norris mit älter werdenden Reifen auf wieder nasser werdender Strecke erst nur marginal und auf seiner letzten Push-Runde nicht mehr verbessern. Für Piastri blieb seine erste schnelle Runde das Höchste der Gefühle. "Im Q3 haben wir uns bei der Reifenstrategie etwas vertan", gab Piastri im Anschluss zu.

"Aber es ist so schwierig vorherzusehen, wie viel es regnen wird und wie es dich beeinflussen wird", nahm der 23-Jährige zugleich sein Team in Schutz. "Wir haben am Ende das Sichere gemacht. Vielleicht war es nicht ganz der richtige Schachzug." Worauf Piastri anspielte: Wie Ferrari verfügte McLaren im Q3 nur noch über einen frischen Satz Intermediate-Reifen.

McLaren-Fahrer Oscar Piastri
McLaren verzockte sich erneut bei der Strategie, Foto: LAT Images

McLaren auch ohne Strategie-Fauxpas weit hinter Verstappen

Wäre das Team also zunächst wie Ferrari auf gebrauchten Intermediates auf die Strecke gefahren, hätte das Risiko bestanden, dass bei stärkerem Regen mit den frischen Intermediates keine Verbesserung mehr möglich gewesen wäre. Letztendlich nahm der Regen zwar wieder zu, deutliche Verbesserungen mit frischen Inters waren aber immer noch möglich, wie Leclerc bewies.

Doch auch abgesehen von der Strategie dürfte McLaren im Hinblick auf die grundsätzliche Pace nicht zufrieden sein. Mehr als acht Zehntelsekunden fehlten Lando Norris als schnellerem der beiden McLaren-Piloten auf die schnellste Zeit von Verstappen, wenngleich auch der Niederländer zwischendurch in die Box fuhr und somit ebenfalls einen leereren Tank als die McLarens auf seiner schnellsten Runde hatte.

Zwar ist es in regnerischen Bedingungen nicht ungewöhnlich, dass die Abstände größer ausfallen als im Trockenen, dennoch dürfte sich McLaren einen engeren Kampf erhofft haben. Zudem mussten sich beide McLarens neben Leclerc auch noch Lewis Hamilton geschlagen geben, der im Q3 mit der selben Strategie unterwegs war.

Norris: Red Bull auch im Trockenen stärker

"Der Red Bull ist im Regen auf einem anderen Niveau als wir und selbst im Trockenen waren sie wahrscheinlich immer noch ein bisschen stärker", hielt Lando Norris ernüchtert fest. Er hatte sich schon am Freitag trotz der Bestzeit nicht wohl im Auto gefühlt hatte und übte nach dem Qualifying wie so oft in Selbstkritik. "Es ist ein harter Tag. Ich habe es schlechter erwartet und bin nicht sonderlich gut gefahren."

"Es ist einfach einer dieser Tage, wo es nicht 'Klick' macht", beschrieb Norris seine Probleme. "In gewisser Weise war es ehrlich gesagt ähnlich zu gestern. Es ist da draußen einfach ein bisschen ein Kampf für mich." Im Vergleich zum Red Bull fehle schlichtweg Abtrieb und Grip. In Anbetracht dessen hielt Norris aber fest: "Ich bin also ziemlich zufrieden damit, noch einen fünften Platz zu retten."

Piastri unterläuft Fehler: Hat ein paar Positionen gekostet

"Es war schwierig", stimmte auch Oscar Piastri mit ein, wenngleich der frisch gebackene GP-Sieger festhielt: "Unsere Pace sah zeitweise vernünftig aus." Bei Piastri lief allerdings auch auf Fahrer-Seite nicht alles glatt. Auf seinem schlussendlich schnellsten ersten Versuch kam Piastri in Kurve 9 ordentlich ins Schlittern und mit dem rechten Hinterrad ins Kiesbett.

McLaren-Fahrer Lando Norris
McLarens Qualifying verlief nicht nach Plan, Foto: LAT Images

"Es hat mir ein bisschen geschadet", gab sich auch Piastri selbstkritisch. "Die erste Runde war diejenige, wo du es wirklich meistern musstest mit dem neuen Reifen und es waren einfach ein paar kleine Fehler. Natürlich ist es in diesen Bedingungen sehr schwierig, alles richtig zu machen, aber das hat mich wahrscheinlich ein paar Positionen gekostet."

McLaren schreibt Sieg nicht ab: Können immer noch gewinnen

Trotz des also bei weitem nicht idealen McLaren-Qualifyings wollten beide Piloten den Sieg beim Belgien-GP aber noch nicht abschreiben. Beginnen soll die Aufholjagd am Start. "Mal ein guter Start würde helfen", gab Norris am Mikrofon von Sky Deutschland zu. Zuletzt haperte es bei diesem Aspekt immer wieder. Sowohl in Barcelona als auch in Ungarn verlor Norris beispielsweise die Führung nach Start von der Pole.

"Es wird hart", so Norris in Bezug auf das Rennen weiter. "Max wird immer noch ziemlich schnell durchkommen. Höchstwahrscheinlich werden wir mit ihm um den Sieg kämpfen. Aber ich hoffe, mit den ein bisschen mehr in Richtung weniger Abtrieb gehenden Einstellungen, die wir heute gewählt haben, schlägt das Pendel in gewisser Weise wieder in unsere Richtung aus."

McLaren-Fahrer Lando Norris
Kann McLaren im Trockenen um den Sieg kämpfen?, Foto: LAT Images

Auch Norris-Teamkollege Oscar Piastri wollte den Kampf um den Sieg keinesfalls ausschließen. "Wir können morgen immer noch gewinnen", gab sich der Australier selbstbewusst. "Unsere Pace war gestern im Trockenen sehr stark und es sieht morgen nach einem trockenen Rennen aus. Natürlich macht ein Start von ein bisschen weiter hinten es ein bisschen kniffliger, aber wir sind immer noch in einer ordentlichen Verfassung, damit wir um den Sieg kämpfen können." Überholmanöver gelten in Spa zumindest als einfacher als bei vielen anderen Rennen im Kalender.

In jedem Fall müssten die beiden McLarens auf dem Weg zum Sieg bei der Formel 1 in Belgien aber an Sergio Perez vorbei. Der bei Red Bull unter Druck stehende Mexikaner konnte sich erstmals seit dem China-GP Ende April wieder unter den Top-3 qualifizieren. Alle Details zum Perez-Qualifying könnt Ihr hier nachlesen: